Die verborgenen Schätze des Deutschen Museums 

„Heute würde man es Wissenstransfer nennen“: So machte ein berühmter Münchner als Spion Karriere

In dieser Serie stellen wir Schätze vor, die Besuchern des Deutschen Museums zumindest derzeit verborgen bleiben. Heute: Georg von Reichenbachs Spionagereise.

München - Er gilt als Mitbegründer der bayerischen Optomechanischen Industrie und als Wegbereiter der Dampfmaschine in Bayern. Der Erfinder und Ingenieur Georg Friedrich von Reichenbach (1771– 1826) ist vielfach dekoriert. Weniger bekannt ist seine Pionierleistung auf einem anderen Gebiet: Ende des 18. Jahrhunderts war Reichenbach als Industriespion in England unterwegs, um den britischen Wissensvorsprung über Dampfmaschinen abzuschöpfen. Seine Notizen aus dieser Zeit sind als Teil seines Nachlasses unter der Objektnummer 6168 im Archiv des Deutschen Museums erfasst.

Der Auftrag zum Spionieren kam von höchster Stelle: „Der Kurfürst von Mannheim, wo Reichenbach die Militärakademie besuchte, hat ihn beauftragt, durch England zu fahren und die Dampfmaschinentechnik zu studieren“, berichtet Matthias Röschner, der stellvertretende Leiter des Museumsarchivs. Von 1791 bis 1793 reiste Reichenbach durch England. „Er hat ein ganz akribisches Notizbuch verfasst, in dem unter anderem die Wattish Steam Engine beschrieben ist“, erzählt Röschner.

Bei seiner zweijährigen Englandreise führte der Ingenieur akribisch Tagebuch.

Das ist bemerkenswert, denn die Engländer waren darauf bedacht, Detailkenntnisse über die von James Watt verbesserte Dampfmaschine unter Verschluss zu halten. Schließlich war ihnen die strategische Bedeutung dieser Technik in der gerade beginnenden Industriellen Revolution durchaus bewusst. „Es gab sogar ein Ausreiseverbot für Handwerker, die mit dieser Technik zu tun hatten“, berichtet Röschner.

„Im Grunde ist es Industriespionage gewesen“

Womöglich hatte der Kurfürst Reichenbach mit einem Trick die Türen geöffnet: „Es gab eine Bestellung für eine Dampfmaschine, und Reichenbach sollte gewissermaßen in Wartung und Unterhalt eingewiesen werden“, berichtet Röschner. Ob die bestellte Dampfmaschine jemals bezahlt und geliefert wurde, ist unklar. Doch Reichenbach erhielt Zugang zu den Werkstätten, die anderen verschlossen blieben. „Was er in den zwei Jahren in England gemacht hat, würde man heute vielleicht Wissenstransfer nennen“, sagt Röschner. „Aber im Grunde ist es Industriespionage gewesen.“

Georg von Reichenbach gehört zu den bekanntesten Münchnern

Das erkannten irgendwann auch die Engländer und erteilten dem neugierigen Gast aus Deutschland trotz dessen kurfürstlichem Empfehlungsschreiben Hausverbot. Seine Aufzeichnungen freilich durfte der junge Ingenieur mit nach Hause nehmen.

Das Resultat: Schon 1803 baute Reichenbach eine Dampfmaschine für die Königliche Münze in München. 1816, inzwischen zum Berater des Königs avanciert, entwarf er eine Hochdruckmaschine mit wesentlichen Verbesserungen.

Reichenbach hinterließ Spuren in München

Doch neben den Maschinen, die Riesenkräfte entwickelten, schlug Reichenbachs Herz auch für filigrane Technik: Gemeinsam mit Joseph Liebherr und Joseph von Utzschneider gründete er 1804 das berühmte Mathematisch-Feinmechanische Institut. Es produzierte die damals besten astronomischen Fernrohrobjektive, Messinstrumente und Theodolite. Ferner baute Reichenbach eine 25 Kilometer lange Soleleitung von Berchtesgaden nach Bad Reichenhall, für deren Pumpen er einen weitaus umweltfreundlicheren Antrieb als die Kohle fressenden Dampfmaschinen entwickelte: Eine Wassersäulenmaschine, die auch zur Wasserhaltung im Bergbau eingesetzt wurde. Dafür erhob der bayerische König Max I. Joseph den umtriebigen Ingenieur in den Adelsstand.

Reichenbach starb am 21. Mai 1826 im Alter von 54 Jahren in München. Er liegt auf dem Alten Südfriedhof begraben und wurde postum vielfach geehrt: Seine Büste steht in der Ruhmeshalle, nach ihm wurden Reichenbachbrücke, -straße und -platz benannt, und sogar ein Mondkrater trägt seinen Namen. Dass sein umfangreicher Nachlass den Weg ins Deutsche Museum fand, war gewissermaßen vorgezeichnet, wie Matthias Röschner erzählt: „Er war im Besitz der Familie von Miller“ – jener Familie, deren Spross Oskar Gründer und geistiger Vater des Museums war.

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Rubriklistenbild: © Klaus Haag

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