Die wichtigsten Fragen und Antworten

Das ist der Diesel-Fahrplan für München

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Der Diesel-Fahrplan für München - die wichtigsten Fragen und Antworten zur Stinker-Debatte.

In München herrscht schlechte Luft - auch wegen Dieselautos. Das Thema ist ein echter Aufreger und sorgt für Debatten. Was bedeutet ein Fahrverbot genau? Die wichtigsten Antworten und Fragen dazu finden Sie hier.

München - Dicke Luft über München: An mehr als 50 Stellen liegt die Stickoxid-Belastung bei über 60 Mikrogramm pro Kubikmeter – nur 40 Mikrogramm sind erlaubt! Schuld an den hohen Werten sind vor allem Diesel-Pkw, die drei Viertel der Stickoxide im Straßenverkehr erzeugen. 

Die Autohersteller haben beim Diesel-Gipfel in Berlin zugesagt, diese Werte per Software-Updates für Diesel-Pkw und Umtauschprämien für Neufahrzeuge zu senken. Doch das wird laut Umweltbundesamt nicht ausreichen. OB Dieter Reiter (SPD) schließt Fahrverbote für Dieselautos nicht aus. Was könnte das bedeuten? 

Wir erklären den Diesel-Fahrplan:

  • Was bringen die Diesel-Updates für die Münchner Luft? Die Berechnungen des Umweltbundesamtes ergaben, dass im günstigsten Fall für 2020 an der Landshuter Allee eine Stickoxidbelastung von 61 Mikrogramm Stickstoff (NOx), im ungünstigsten Fall 64 Mikrogramm pro Kubikmeter vorliegt. Der Grenzwert liegt bei 40 Mikrogramm. Die Ergebnisse des Dieselgipfels reichen also nicht aus.
  • Was hat das für Folgen? OB Dieter Reiter schließt Fahrverbote für die Innenstadt nicht kategorisch aus.
  • Wie könnten diese Fahrverbote aussehen? Es wird über die Einführung einer blauen Plakette diskutiert, die Autos mit hohem NOx-Ausstoß aussperren würde. Derzeit darf man mit der grünen Plakette in die Umweltzone hineinfahren, die innnerhalb des mittleren Rings gilt.
  • Was würde die Einführung der blauen Plakette bedeuten? Das Umweltbundesamt empfiehlt eine Zwei-Stufen-Regelung: Bei hellblau könnte die erste Stufe mit 168 Mikrogramm NOx beginnen, die zweite, dunkelblaue Stufe pro Kilometer mit 80 Milligramm. Dabei geht es um reale Testwerte, nicht um Labormessungen (siehe unten).
  • Und wenn mein Diesel diese Werte nicht erreichen kann? Dann könnte es passieren, dass entsprechende Fahrzeuge, obwohl sie vorher eine grüne Plakette hatten, nicht mehr in die Stadt fahren dürfen. Allerdings müsste dann noch geklärt werden, wo genau die Grenzen für die blaue Plakette gezogen wird.
Kommt die blaue Plakette? Wo liegen hier die Grenzwerte?.
  • Welche Autos würden diese Werte schaffen? Das ist die große Unsicherheit. Es gibt keine Datenbank, die aufführt, welche Diesel-Fahrzeuge diese Grenzwerte erfüllen. Benziner erfüllen das in der Regel. Auch ein Blick in den Kfz-Schein hilft nicht weiter. Selbst neue Diesel mit der Schadstoffklasse 6 reißen die Grenzwerte von 80 Milligramm, das Bundesumweltamt ermittelte im Frühjahr bei ihnen einen tatsächlichen durchschnittlichen Ausstoß von 507 Milligramm! Bei einem ADAC-Test unter Realbedingungen blieben nur vier von zehn neuen Diesel-Testfahrzeugen unter dem Grenzwert.
  • Warum geben die Hersteller diese Infos nicht bekannt? Das ist für sie eine Wettbewerbsfrage, das geheim zu halten. Lars Mönch vom Bundesumweltamt sagt: „Meines Erachtens wäre es angeraten, dass die Hersteller sagen, welche ihrer Produkte, die sie jetzt verkaufen, die künftigen Grenzwerte unterschreiten. Das wäre hilfreich, besonders vor dem Hintergrund der Kaufprämie, die bis Ende des Jahres ausgelobt wurde.“
  • Kann man sich jetzt einen neuen Diesel kaufen? Mönch: „Ich würde jetzt nicht schnell agieren. Man muss sich gut durchrechnen und ich würde bis mindestens November warten, ob man bis dahin nicht mehr Informationen hat, nach denen man die Entscheidung treffen kann.“
  • Kann ich ein Altfahrzeug mit Euronorm 5 umrüsten? Altfahrzeuge können durch technische Änderungen am Fahrzeug in die Lage versetzt werden, diese Werte einzuhalten. Das könnte mit der Nachrüstung geschehen, die für 1500 Euro angeboten wird.
  • Wie ist die Situation in anderen Städten? Derzeit gibt es 60 Umweltzonen in Deutschland, 27 in Baden-Württemberg, in Bayern neben München auch in Nürnberg und Augsburg. In allen Umweltzonen ist nur die Einfahrt mit grüner Plakette erlaubt, lediglich in Neu-Ulm geht das auch noch mit gelber Plakette. Insgesamt verstoßen derzeit 70 deutsche Städte gegen die NOx-Grenzwert, sie könnten somit durch Klagen dazu gezwungen werden, zu handeln, wie etwa durch die Einführung der blauen Plakette.
  • Wie groß ist überhaupt der Anteil des Diesel am NOx-Ausstoß? Mit 72,5 Prozent sind Diesel-Pkw die Hauptverursacher im Straßenverkehr, Transporter tragen zu elf Prozent dazu bei, der Schwerlaster zu 8, Busse zu 4 und Pkw mit Ottomotoren zu drei Prozent. Vergleicht man Autos insgesamt mit Bus, Bahn und Flugzeug, stößt ein Pkw 0,31 Gramm NOx pro Person und Kilometer aus, ein Bus im Fernverkehr 0,21 Gramm, im Nahverkehr 0,41 Gramm. Die Bahn erzeugt im Fernverkehr nur 0,06 Gramm und im Nahverkehr 0,21 Gramm. Tram-, U- und S-Bahn erzeugen nur 0,07 Gramm NOx. Am meisten NOx erzeugt man im Flugzeug: 0,55 Gramm pro Person.
  • Wieso ist am Arbeitsplatz 20 mal mehr Stickoxid erlaubt als im Straßenverkehr? Während für Straßen ein Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter gilt, dürfen an Arbeitsplätzen 950 Mikrogramm erreicht werden. Das Umweltbundesamt stellt klar, dass dieser Wert für gesunde Erwachsene an 40 Stunden die Woche gelte, die in Industrie oder Handwerk arbeiten, etwa „bei Schweißvorgängen, bei der Dynamit- und Nitrozelluloseherstellung oder bei der Benutzung von Dieselmotoren“. Die Arbeiter müssten regelmäßig untersucht werden. Für Büros gelten 60 Mikrogramm, für 40 Stunden pro Woche. Die Werte für Außenbereiche gelten rund um die Uhr und sind auf Kinder, Schwangere, alte Menschen oder Menschen mit Erkrankungen wie Asthma abgestimmt.
  • Warum ist Diesel so billig? Derzeit wird Diesel pro Liter 18 Cent niedriger besteuert als Superbenzin. Laut Bundesfinanzministerium entgehen dem Staat rund acht Milliarden Euro im Jahr. Die niedrigere Dieselsteuer hob den Anteil der Diesel-Pkw von 17,6 Prozent im Jahr 1998 auf jetzt 48 Prozent.

Das kommt aus ihrem Auto raus

Klimakiller? Was es aus dem Auspuff bläst 

Stichwort Plaketten

Derzeit gibt es in Deutschland drei Plaketten: Rot, gelb und grün. Ganz alte Autos (Schadstoffklasse 1) bekamen gar kein Wapperl. Rote Plaketten wurden nur für alte Diesel vergeben, mit diesen Papperln darf man in keine Umweltzone mehr fahren. Auch gelbe Plaketten wurden nur an Diesel mit Partikelminderungsstufe vergeben. 

Neu-Ulm ist die einzige Stadt mit Umweltzone, die noch gelbe Wapperl einlässt. Mit der grünen Plakette darf man noch in alle Umweltzonen hinein. Sie gilt für fast alle Benziner mit geregeltem Katalysator und Diesel mit Partikelfilter. Auch Fahrzeuge mit der Schadstoffklasse 5 bekommen ein grünes Wapperl, ebenso Autos mit der Schadstoffklasse 6. Derzeit wird über die Einführung einer blauen Plakette diskutiert. Unklar ist allerdings. welche neuen Autos diese Plakette bekommen würden.

Mit neuen Prüfverfahren soll alles besser werden

Ein portables Messgerät soll realistische Werte liefern.

WLTP: AbSeptember 2017 soll das aktuelle Testverfahren (NEFZ) von der sogenannten World Harmonized Light Duty Test Procedure, kurz WLTP, abgelöst werden. Versprochen werden damit realitischere Angaben bei Verbrauch und Emission. Von exakten Werten, wie sie im realen Straßengebrauch erreicht werden, ist auch dieses Testverfahren noch weit entfernt.
Dennoch ist WLTP ein klarer Fortschritt. Es gibt drei verschiedene Fahrzyklen, die sich jeweils an dem Gewicht des Autos orientiert. Neben einer deutlich längeren Teststrecke und höheren Geschwindigkeiten, werden auch Sonderausstattungen des jeweiligen Fahrzeugs mit einberechnet, wodurch Mogeleien ein wenig erschwert werden. Allerdings spielt z.B. die Klimaanlage noch immer keine Rolle.

RDE: Tatsächliche Werte werden erst durch die Real Driving Emissions, kurz RDE (Foto oben) ermittelt. Dabei wird im Straßenverkehr getestet. Neue Pkw-Modelle müssen ab 1. September einen „Übereinstimmungsfaktor“ einhalten. Im RDE-Test darf dann ein Fahrzeug maximal das 2,1-fache an Stickstoff (NOx) ausstoßen, wie auch in dem WLTP-Test angegeben, ab 2020 sinkt dieser Übereinstimmungsfaktor auf 1,5. Dann darf das Fahrzeug im Vergleich zum Labortest nur noch 50 Prozent mehr Stickstoffoxide produzieren. Damit soll sichergestellt werden, dass die Emissionen nicht nur „auf der Rolle“ niedrig sind, sondern auch in der Realität.

Die Alternativen gibt es schon!

Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer.

So soll der Diesel sauberer werden. Das sagt der Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer dazu:

Hat der Diesel eine Zukunft?

Ferdinand Dudenhöffer: Die Zukunft sieht dunkel aus. Der Diesel hat, zumindest im Pkw-Bereich, wenig Chancen, das Vertrauen beim Kunden zurückzugewinnen.

Es gäbe ja die Möglichkeit, den Diesel sauber zu machen.

Dudenhöffer: Beim Lkw geht das schon seit Jahren. Das Problem für die Hersteller: die Kosten, die auf den Kunden umgelegt werden müssen. Zudem würde es für den Kunden unkomfortabler, da er viel öfter den Harnstoff nachtanken müsste.

Wie fatal wäre ein Diesel-Aus?

Dudenhöffer: Überhaupt nicht fatal. Die Behauptung, der Diesel ist für die Klimapolitik unverzichtbar, ist ein Märchen.

Ist das so?

Dudenhöffer: Es gibt Alternativen zum Diesel schon heute. Eine davon: der Benzinmotor mit Hybridtechnologie. Was meinen Sie denn, warum in vielen Großstädten so viele Toyota Prius als Taxen herumfahren? Bestimmt nicht, weil Toyota die Autos verschenkt. Nein, sondern weil sie zu Verbrauchsergebnissen kommen, die vergleichbar und gleichzeitig preisgünstiger sind, wie beim Diesel.

Es wird aber immer gesagt, dass bei einem Diesel-Aus die CO2-Werte in die Höhe schießen würden.

Dudenhöffer: Das stimmt schlichtweg einfach nicht, das ist falsch. Wir würden dann doch viel schneller in die Elektrotechnik gehen. Die Autobauer haben ja den Druck, die Flottengrenzwerte für Co2 einzuhalten. Derzeit sind das 130 Gramm pro Kilometer, 2021 werden es 95 Gramm sein. Bisher versuchte man, die Grenzwerte mit Diesel einzuhalten. Mit E-Autos kann man die Vorgaben aber auch einhalten. Die Technologien sind da und man könnte es auch mit Erdgas machen, was beileibe ja eine steinalte Technik ist.

Steckt hinter der Stagnation eine Verlustangst der Hersteller?

Dudenhöffer: Richtig. Das ist vergleichbar mit Nokia, die damals nicht in den Smartphonemarkt mit einsteigen wollten, weil ihre Tastenhandys so gut funktioniert haben. Wohin das für Nokia geführt hat, sieht man ja heute. Die Autobauer sollten sich an Tesla orientieren. Elon Musk ist der Einzige, der sich auf eine Sache konzentriert und es genau in die richtige Richtung treibt. Das haben davor die ganzen Hersteller in 150 Jahren nicht geschafft. Und warum? Weil er den Fokus richtig setzt. Wenn Sie Roulette spielen, dann können Sie ja auch nicht gewinnen, wenn Sie auf 36 Zahlen setzen.

Saubere Luft in München.

Darum sollte jeder Münchner unsere Stadtviertel-Seiten auf Facebook kennen 

Welches ist Ihr Münchner Viertel? Sendling? Ramersdorf? Moosach? Das Westend? Wir haben Facebook-Seiten gegründet, auf denen wir alles Wichtige, Aufregende und Schöne und Ihre Liebe zu diesem einen Viertel mit Ihnen teilen. Hier entlang zur Liste.

tz

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