„Was passiert ist, tut mir wahnsinnig leid“

Er schubste einen Rentner (87) am Marienplatz in den Tod

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Martin S. (37) hat den tödlichen Schubser gestanden.

Es war nur ein Rempler. Aber fest genug, um Josef P. (87) aus dem Gleichgewicht zu bringen. Sekunden später lag der Rentner am Bahnsteig – nach einigen Wochen im Krankenhaus starb er. Jetzt wird der Schubser zur Rechenschaft gezogen.

Schock am U-Bahnsteig Marienplatz: Der Notarzt konnte Josef P. (Name geändert) am 3. Juni 2016 zunächst helfen, aber der Senior wurde zum Pflegefall und starb zehn Wochen später in der Klinik an seinen schweren Kopfverletzungen. Seit gestern steht U-Bahn-Schubser Martin S. (37) vor Gericht – und legte ein Geständnis ab. „Es tut mir wahnsinnig leid, ich möchte mich entschuldigen“, sagte der Lagerist. Doch seine Reue kommt zu spät.

Am Tattag wollte er mit der Linie U3 Richtung Moosach fahren. Mittags um 13.43 Uhr war der Bahnsteig proppenvoll. Als der Zug einfuhr, gab es Gedränge. Und Josef P. berührte Martin S. aus Versehen an der Schulter. Doch der tickte plötzlich völlig aus und stieß den Rentner gegen die Brust, um sich in den vollen Zug zu quetschen. Fatal! Denn Josef P. hatte keine Kraft, um sich festzuhalten und schlug laut Anklage ungeschützt mit dem Hinterkopf auf den Bodenplatten auf. Das habe Martin S. „billigend in Kauf genommen“. Er ist wegen Körperverletzung mit Todesfolge angeklagt.

Angeklagter versuchte nach der Tat zu flüchten

„Ich wollte zu keiner Zeit, dass so etwas passiert. Der Vorfall macht mir schwer zu schaffen“, sagt Martin S. Vor Gericht wirkt er geknickt. Doch am U-Bahnsteig versuchte er laut Anklage noch zu flüchten! Zwar hatte S. dem verletzten Rentner gemeinsam mit einem anderen Fahrgast noch versucht aufzuhelfen. Dann aber wollte er in die U-Bahn springen und einfach weiterfahren – wohl, weil er die lebensgefährlichen Verletzungen von Josef P. gesehen hatte. Andere Fahrgäste ließen das aber nicht zu und hinderten S. am Einsteigen. Verhaftet wurde er von der Polizei erst am 22. November, fünfeinhalb Monate später.

Seine Verteidigerin Claudia Enghofer ließ Martin S. gestern eine Erklärung abgeben: „Er übernimmt die volle Verantwortung.“ Leider habe S. aber nur noch ein „marginales Erinnerungsvermögen“ und habe Josef P. nur schemenhaft wahrgenommen. Der Grund: S. ist seit Jahren drogenabhängig und stand auch zum Zeitpunkt der Tat unter dem Einfluss von Betäubungsmitteln. Fünf Jahre hatte er bereits wegen anderer Delikte in Haft gesessen – bis 2013. Offensichtlich hat er daraus nichts gelernt.

Richter ist schockiert von Lebenswandel des Angeklagten

Kaum zu glauben: Insgesamt 40 Mal musste Martin S. bereits in der Notaufnahme wegen einer Überdosis behandelt werden. Da staunte sogar der erfahrene Strafrichter Michael Höhne. „Ihre Intelligenzwerte sind extrem hoch. Ich kann kaum glauben, dass Sie nicht mehr aus Ihrem Leben gemacht haben.“

Schuld sei seine Drogen-Karriere, sagte S., der seit dem 15. Lebensjahr konsumiert. „Es ist eher ein Niedergang“, korrigierte ihn der Richter. Mit seiner Familie hatte S. in der Jugend gebrochen, zu den Eltern gibt es keinen Kontakt mehr, auch nicht zur Schwester. Mit seiner Ex-Freundin hat er eine Tochter (9). Seine Perspektive: „Eine Therapie. Und ich will wieder arbeiten.“ Im Knast hat Martin S. eine Lehre gemacht. Wenn er Glück hat, muss er nicht zurück, sondern auf Entzug. Hält er diesen zwei Jahre durch, kann die Reststrafe erlassen werden.

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