"Wir verdienen mehr!"

Erzieher-Streik am Stachus erhöht Druck vor Tarifrunde

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Über 300 Erzieher formulieren lautstark am Stachus ihre Forderungen: Mehr Geld, mehr Anerkennung!

München - Die Erzieher und Erzieherinnen in München machen Ernst: Vor der nächsten Tarifrunde haben rund 300 Arbeiter in den sozialen Berufen gestreikt. ver.di erhöht den Druck.

So quirlig und laut wie auf dem Stachus am Mittwoch, geht’s normal in einem Kindergarten zu. Normal. Doch laut der Gewerkschaft ver.di blieben 200 bis 250 städtische Kindergärten in München zu. 300 Erzieherinnen, Kinderpfleger, Sozialarbeiter und Heilpädagogen streikten. In ganz Bayern waren es rund 3000. Was sie fordern? Mehr Geld natürlich! Konkret heißt das, Menschen in sozialen Berufen wollen in höhere Entgeltgruppen eingestuft werden. Ein Beispiel: Eine Erzieherin, die eine Gruppe leitet, verdient in der Gehaltsgruppe S6 heute 2768 Euro. Geht’s nach ver.di, soll sie in S10 aufrücken, wo sie 2991 Euro brutto bekämen. So will die Gewerkschaft die sozialen Berufe aufwerten und den Fachkräftemangel bekämpfen. Laut der Vereinigung der Kommunalen Arbeitgeberverbände (KAV) bedeutet diese Forderung für die häufigste Gehaltsgruppe ein Gehaltsplus von 21 Prozent. Eine ordentliche Gehaltserhöhung, doch die Streikenden fragen provokant: „Wollen sie, dass wir so arbeiten, wie wir bezahlt werden?“ Am Donnerstag gibt’s die zweite Tarifrunde. „Wir sind auf alle Eventualitäten vorbereitet“, sagt Hans Sterr von ver.di München. Die betroffenen Eltern müssen sich auf wohl auf weitere Streiks einstellen.

J. Menrad

Arbeiten im Konflikt

Iris Auer (54), Sozialpädagogin beim Stadtjugendamt

Bei meinem Job arbeite ich permanent in Konfliktsituationen: Wir beim Jugendamt entscheiden, ob ein Kind bei seiner Familie bleiben darf und begleiten diese Familie. Wenn das Kind daheim gefährdet ist, kümmern wir uns um Pflegefamilien. Diese Arbeit ist komplex, aber finanziell wird das nicht gewürdigt. Ich habe studiert, arbeite seit 1985 bei der Stadt, aber wenn ich meinen Verdienst mit dem eines Technikers vergleiche, dann stehe ich sehr schlecht da. In meiner Arbeit geht es um den Schutz der Kinder und wir müssen große Verantwortung übernehmen. Das sollte auch finanziell honoriert werden, so dass weiter sehr gute Fachkräfte diese wichtige Arbeit machen.

Keine Verkürzung der Ausbildung!

Daniel Pretzer (25), Studierender an der katholischen Fachakademie für Sozialpädagogik

Ich habe Metallbauer gelernt, doch nach dem Zivildienst wollte ich Erzieher werden. Ich konnte ein Jahr verkürzen, habe ein praktisches Jahr und gehe noch drei Jahre auf die Schule. Wir Schüler fordern, dass die Ausbildung nicht verkürzt wird. Das hat das Kultusministerium geplant. Erzieher wäre dann ein Ausbildungsberuf, man würde nur in einem Betrieb lernen. Ich konnte mir alles anschauen: Kita, Krippe, die Arbeit mit behinderten Kindern. Es würde die Ausbildung herabsetzen, wenn die Pläne verwirklicht werden. Erzieher müssen gut ausgebildet sein, dafür aber auch entsprechend entlohnt werden.

Fachkräfte fehlen

Bianca Dimopoulus (39), Leiterin einer Kindertagesstätte aus Dachau

In meiner Kita werden 100 Kinder von 16 Mitarbeitern betreut. Eine Erzieherstelle ist schon seit über einem Jahr unbesetzt. Das frustet die anderen Mitarbeiter, denn sie müssen das ausgleichen. Überstunden sind bei meinem Job die Regel, einen Freizeitausgleich kann ich nur nehmen, wenn es die personelle Situation zulässt. Ich verdiene 3500 Euro brutto – als Führungskraft einer großen Kindertagesstätte. Die Eltern meiner Kita haben verständnisvoll auf den Streik reagiert. Sie wissen, was wir Erzieherinnen und Kinderpflegerinnen leisten – und dass wir Anerkennung verdient haben. Und Anerkennung gibt’s in unserer Gesellschaft über das Geld.

Miete frisst den Lohn

Aysun Celik (37), Kinderpflegerin

Würde mein Mann auch in einem sozialen Beruf arbeiten, könnten wir mit unseren zwei Kindern nicht in München leben. Vor einigen Jahren sind wir in eine günstige Dienstwohnung der Stadt gezogen. Nach einem Jahr hat die Wohnung wieder ein privater Vermieter übernommen und die Miete ist gestiegen und gestiegen. Mein Gehalt reicht für die Miete, alles andere bezahlt mein Mann. Ich bilde mich gerade berufsbegleitend fort, in eineinhalb Jahren mache ich die Prüfung zur Erzieherin. Doch schon jetzt übernehme ich Erzieheraufgaben wie Elterngespräche. Denn der Personalmangel wird von uns Kinderpflegern aufgefangen, ohne dass wir dafür ordentlich bezahlt werden.

Fordert mich enorm

Veronika Baur (34), Heilpädagogin

Ich bin Quereinsteigerin, denn ich habe Sonderpädagogik studiert. Beim normalen Berufsweg geht man erst fünf Jahre an eine Fachschule für Erzieher, arbeitet dann in diesem Beruf und bildet sich später als Heilpädagoge fort. Diese Heilpädagogen brauchen wir, denn um Inklusion umzusetzen, braucht es qualifiziertes Personal. Ich sehe Arbeitszeit als Lebenszeit und bin sehr glücklich in meinem Beruf, aber er fordert mich enorm. Ich arbeite mit Menschen und trete in eine intensive Beziehung mit ihnen. Ich kann mich nicht zurücklehnen und eine kurze Auszeit nehmen. Ich muss immer voll und ganz für meine Kids da sein. Deshalb muss die Entlohnung der Tätigkeit angemessen sein!

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