Widerstand formiert sich

„Fürchterlicher Schock“: Aus für Traditionshaus bahnt sich an - Inhaberin würde auch ihr Zuhause verlieren

Ursula Fröhmer in ihrer Schneiderei
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Hier stand ihre Wiege: Ursula Fröhmer kennt das Orag-Haus am Oberanger (li.) seit ihrer Geburt.

Die Schneiderei „Tracht & Heimat“ am Oberanger steht vor dem Aus. Inhaberin Ursula Fröhmer wurde gekündigt, weil saniert werden soll. Doch wieder einziehen wird die 73-Jährige nicht.

München - Wo heute die Gewänder liegen, stand einst ihre Wiege. Ursula Fröhmer ist im Orag-Haus Oberanger 9 aufgewachsen. Ihr Vater hatte 1954 Genossenschaftsanteile für das Gebäude erworben, dort schneiderte er Smokings und Brautkleider, auch die Familie wohnte dort, Vater, Mutter, Kind und auch die Oma. „Als ich sieben Jahre alt war, hat Papa die Treppe in den Laden bauen lassen.“ Der wurde immer größer. Erst wurde ein früherer Stehausschank umgebaut, dann Teile eines benachbarten Schuhladens.

1979 übernahm Ursula Fröhmer das Geschäft, machte die Schneiderei „Tracht & Heimat“ zur Anlaufstelle für Trachtenfreunde. OB Dieter Reiter (SPD) und seine Frau Petra lassen sich dort ausstatten, unzählige Trachtenvereine sind Kunden. Reiter zeichnete Fröhmer 2018 sogar mit der „Ehrenmedaille für Verdienste um die Volkskultur in München*“ aus. Doch gegen die Vermieter macht die 73-Jährige keinen Stich.

München: Trachten-Tradition vor dem Aus - „War ein fürchterlicher Schock für mich“

„Ich wurde gekündigt, soll zum 31. Dezember ausziehen“, sagt die Schneiderin. „Das war ein fürchterlicher Schock für mich und meine Mitarbeiterinnen.“ Die Vermieterin ist die Bayerische Schneidergenossenschaft Orag. Die will sich auf Anfrage nicht äußern. Fröhmer sei aber mitgeteilt worden, dass die Räume saniert und danach neu vermietet werden sollen. „Es ist auch der Satz gefallen, dass man für die Räume anschließend ein Vielfaches mehr an Miete verlangen könnte“, sagt Fröhmer. Eine Alternative hat sie nicht. Ihr Ärger ist mittlerweile ins Rathaus hinübergeschwappt.

Das Orag-Haus am Oberanger

„Aus Sicht der CSU-Stadtratsfraktion ist dies ein weiterer trauriger Fall von Verdrängung eines Traditionsbetriebs aus der Innenstadt“, schreibt die Fraktion in einer Pressemitteilung. Die Politiker fordern die Stadtverwaltung auf, den Erhalt der Schneiderei zu unterstützen und das städtische Immobilienportfolio auf geeignete Räume hin zu prüfen. Überdies müsse die Stadt ein Schutzprogramm für Traditionsbetriebe entwickeln, die vom Verlust ihrer Räumlichkeiten durch Kündigung seitens des Vermieters bedroht sind.

„Mit jeder alteingesessenen Werkstatt verschwindet auch ein Stück Münchner Identität“

„Handwerksbetriebe werden zunehmend aus dem Stadtbild verdrängt“, sagt CSU-Stadtrat Thomas Schmid. „Mit jeder alteingesessenen Werkstatt verschwindet auch ein Stück Münchner Identität.“ Die Stadt müsse traditionelle Betriebe besser vor Entmietung schützen. „Menschen wie Ursula Fröhmer sorgen täglich dafür, dass unsere Innenstadt einzigartig bleibt. Angesichts steigender Kosten und großer Konkurrenz um den knappen verfügbaren Platz brauchen sie unsere Unterstützung. Die Stadt kann nicht erst einen Preis für kulturelle Verdienste verleihen und dann wegschauen, wenn dieses Verdienst mit Füßen getreten wird.“

Ob das Engagement noch etwas nützt, ist offen. Ursula Fröhmer kann sich die Kündigung nicht erklären, einzig: Durch die Pandemie sei sie mit den Mietzahlungen in Verzug gekommen. Der Ausstand sei aber beglichen, sagt sie. Sie hätte gern noch weitergemacht, doch Bitten, das Mietverhältnis zumindest bis Dezember 2022 bestehen zu lassen, blieben unbeantwortet. „Für mich ist das doppelt bitter. Ich muss mein Geschäft aufgeben und meine Heimat.“ Den Ort, wo ihre Wiege stand. (ska) *tz.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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