Leerstand im Lehel

Sie lebte jahrelang in einem Geisterhaus - jetzt ist alles anders

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Kämpfte gegen den Leerstand in ihrem Haus: Gertraud W.

Ein Leerstands-Haus an der Pilotystraße hat die Gemüter in der Stadt jahrelang erregt, nur eine Mieterin war 2013 noch verblieben. Nun wird gefeiert: Es herrscht wieder Leben in der Bude.

München - Als das kleine Mädchen zur ihr „Omi“ sagt, weiß Gertraud W. endgültig, dass sie endlich wieder in einer Hausgemeinschaft lebt. Warten musste die Seniorin darauf lange: Seit 2013 war sie die letzte Mieterin in einem Gründerhaus-Komplex an der Pilotystraße (Lehel), den die Stadt verfallen ließ. Nun hat die alte Dame endlich wieder Nachbarn. Die Stadt hat das Vorder- und Hinterhaus saniert und an die Diakonie Rosenheim vermietet. Die betreibt dort seit dem Herbst 2016 Wohngruppen für Schwangere und junge Mütter. Am Freitag feiert die Einrichtung nun ihre offizielle Einweihung.

„Ich freue mich sehr, endlich nicht mehr alleine hier zu wohnen“, sagt Gertraud W. Die alte Dame sei mehr als eine bloße Nachbarin für die neuen Bewohner, ergänzt auch Marija Renjic. Sie leitet die Einrichtung gemeinsam mit ihrer Kollegin Dagmar Dietrich für die Diakonie. Das Zusammenleben im Haus funktioniere sehr gut.

Gertraud W. lebt seit ihrer Geburt in einer Wohnung des Hauses gleich gegenüber der Staatskanzlei, in das einst ihre Großeltern gezogen waren. Doch nach und nach wurden es immer weniger Mieter in den ehemals elf Wohnungen des Stiftungsanwesens, das die Stadt verwaltet. Angefangen habe es 2001, als eine Wohnung nicht mehr neu bezogen wurde, nachdem Mieter ausgezogen waren, erzählt die Seniorin. So ging es immer weiter. „Irgendwann war außer mir niemand mehr übrig.“ Die Stadt habe immer wieder mal angekündigt, größer sanieren zu wollen, erzählt Gertraud W. Das bestätigt auch das Sozialreferat. Deswegen habe man die Wohnungen nicht mehr neu besetzt.

Das Haus in der Pilotystraße im Lehel beherbergt nun auch Schwangere und junge Mütter.

Als Gertraud W. 2013 schließlich im Radio hörte, dass sich die Initiative „Goldgrund“ um Leerstand in München kümmert, schwang sie sich gleich aufs Radl. Sie erzählt den Aktivisten bei einer Veranstaltung von ihrem Haus, in dem sie mittlerweile alleine lebt.

„Eine solche Immobilie hätten wir auf dem freien Markt nie gefunden“

„Goldgrund“ ist eine fiktive Immobilienfirma, die mit dem Mittel der Satire gegen die Degradierung der Stadt zur Handelsware von Investoren protestiert. Hinter „Goldgrund“ stecken der Kleinkunst-König Till Hofmann, Regisseur Grisi Ganzer und Journalist Alex Rühle. „Goldgrund“ reagierte mit einer Satire-Aktion im Herbst 2013, in der das Haus an der Pilotystraße kurzzeitig besetzt und zur Bühne für humoristische Auftritte wurde. Mit dabei waren prominente Unterstützer wie Ex-Fußballstar Mehmet Scholl oder Kabarettist Gerhard Polt.

Der Stadtrat beschloss 2014, das Haus sanieren zu lassen. Dafür musste auch Gertraud W. ein Jahr später bis zum Sommer 2016 aus ihrer Wohnung ausziehen. Mit dem Ergebnis ist sie nun „sehr glücklich“, wie sie sagt. So seien ihre Räume nun besser zugeschnitten.

Mit der Stiftung traf die Stadt eine erbbaurechtliche Vereinbarung. Durch die konnte schließlich auch die Diakonie einziehen. Sie hätten sich sehr gefreut, als die Stadt wegen der Immobilie auf sie zugekommen sei, sagt Geschäftsstellenleiter Andreas Dexheimer. Die Miete sei in Ordnung und ortsüblich, der Mietvertrag unbefristet. „Eine solche Immobilie hätten wir auf dem freien Markt nie gefunden.“ 21 Fachkräfte kümmern sich Tag und Nacht um die zwölf jungen Mütter in dem Haus. Und wenn es um etwas Lebenshilfe geht, dann ist ja auch noch Gertraud W. da.

Die besten und wichtigsten Geschichten aus diesem Teil Münchens posten wir auch auf der Facebook -Seite „Altstadt/Lehel – mein Viertel“.

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