Sanierung am Viktualienmarkt und Elisabethmarkt

Finger weg von Münchens Märkten

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Am Viktualienmarkt soll saniert werden.

Was die Stadt rund um Viktualienmarkt und Elisabethmarkt plant, was die Händler und Kunden befürchten – und wie die Münchner mitbestimmen können.

München - Münchner Tradition ist in Gefahr! Seit bekannt wurde, dass alle vier großen städtischen Märkte saniert werden, sind ganze Stadtteile in Aufruhr. Abriss oder nicht? Besonders beim Viktualienmarkt und Elisabethmarkt kochen die Emotionen über. In den kommenden Wochen will das Kommunalreferat bei beiden Märkten zumindest ein bisserl Licht ins Dunkel bringen – unter anderem wird es jeweils ein Infostadl für die Bürger geben.

Um den Wiener Platz ist es relativ ruhig geworden: Hier hat sich Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) erreicht, dass die Standl nicht abgerissen werden. Die Detailplanungen liegen gerade im OB-Büro und müssen freigegeben werden. Relativ harmonisch verlaufen auch die Sanierungsplanungen für den Pasinger Viktualienmarkt, dessen Stände bestehen bleiben.

Beim Viktualienmarkt und dem zum Abriss verurteilten Elisabethmarkt ist der Kampf noch lange nicht ausgefochten. Die tz zeigt die neuesten Pläne für den Gebäudekomplex am Elisabethmarkt – und die stoßen nicht nur auf Gegenliebe. Außerdem haben wir die Stimmung an beiden Märkten eingefangen und mit Händlern und Kunden gesprochen. Am Viktualienmarkt haben wir uns die Knackpunkte angesehen, sind in die Keller hinabgestiegen: Wo muss saniert werden und warum? Der große Standl-Report – von Nina Bautz, Pegah Meggendorfer und Lidia Polito.

Viktualienmarkt: Händler und Politiker wollen einen Abriss verhindern

München - Wenn Elke Fett, die Chefin der Marktfrauen, durch ihr Revier streift, klopfen ihr immer wieder Händler oder Stammgäste auf die Schulter. „Du schaffst das!“ Seit kurzem ist sie bei ihren Streifzügen am Viktualienmarkt oft zu zweit: Auch der Münchner Bundestagsabgeordnete Wolfgang Stefinger (CSU), neuerdings Vorsitzender der Freunde des Viktualienmarkts, zeigt sich kampfbereit. Beide versichern: „Wir werden einen Abriss verhindern!“ Das sonst so ruhige und gemütliche Herz Münchens – es schlägt gerade laut und schnell.

Sanfte Sanierung, Abriss, Verkauf: Ständig gibt es neue Gerüchte über die Zukunft des über 200 Jahre alten Marktes. Dabei gibt es laut Stadt offiziell noch keine Pläne: Der Prozess ziehe sich noch über Jahre, heißt es beim Kommunalreferat. Während einige Händler erst einmal abwarten, sind andere bereits derart in Panik verfallen, dass sie sogar glauben: Ein Scheich wird den Markt kaufen und mit Luxusgebäuden zubauen …

Mittlerweile hat auch die Stadt erkannt, dass der Dialog wichtig ist. „Wir wollen zeigen, dass wir mit den Händlern reden“, sagt Bernd Plank vom Kommunalreferat. Um das zu unterstreichen, findet am Dienstag ein Infotermin für die Marktkaufleute statt – um die Wogen zu glätten. Tags darauf eröffnet die Stadt in einem leerstehenden Standl einen Infopavillon für die Bürger. Und am 23. Februar will das Kommunalreferat ein Bürgergutachten im Stadtrat durchbringen. Plank: „In diesem demokratisch verankerten Verfahren sollen Münchner Bürger die Sanierung begleiten.“

Die meisten Kaufleute zeigen sich vom Entgegenkommen unbeeindruckt. Fett betont weiterhin: „Die werden alles abreißen. Es kann kein Zufall sein, dass neue Stände teils nicht besetzt werden und viele Händler nur noch Drei-Jahresverträge bekommen.“

„Wir akzeptieren nur eine sanfte Renovierung“Für Fett kommt nur eine sanfte Sanierung in Frage. Aber die Stadt will sich nicht festlegen: „Das Interesse am Totalabriss besteht auch von unserer Seite nicht“, sagt Bernd Plank vom Kommunalreferat zur tz. „Aber ich würde für keines der Standl meine Hand ins Feuer legen …“ Und so werden die Ängste bleiben.

Viktualienmarkt: Daran hapert’s im Keller

Beim Rundgang über – und vor allem unter – den „Viktu“ wird schnell deutlich: Einfach wäre eine sanfte Sanierung hier nicht. Denn der Markt ist in sich höchst komplex, seit dem Krieg hat hier der Wildwuchs regiert. Kein Standl, kein Keller, kein Lagerrraum gleicht dem anderen. Einige Standl wie der eines Blumenhändlers sind nicht mehr als simple Zelte und haben nicht mal einen Wasseranschluss. Andere Häuser haben winzige, eigene Keller unter ihrem Verkaufsraum, wiederum andere teilen sich Gemeinschaftslagerräume im Untergrund. Manche Betriebe wie die Kaffeerösterei unterscheiden sich kaum von schicken Läden in der Fußgängerzone, doch es gibt auch Holzstandl, die vor 50 Jahren auf einem Bauernhof hätten stehen können.

Dauerthema Hygiene: Die meisten Keller- und Lagerräume wirken auf den ersten Blick nicht total heruntergekommen – Keller eben. Dennoch: Das Lagern von Obst und Gemüse in Abteilen ohne verschließbare Tür in teils sehr alten Holzregalen kann unappetitlich sein. Bernd Plank vom Kommunalreferat: „Wir müssen konkurrenzfähig bleiben – im Biomarkt um die Ecke sieht das Gemüse vielleicht frischer aus.“

Auch die Toiletten sind ein Thema. Die Personaltoiletten sind ekliger als manch eine Schultoilette. Kundentoiletten gibt’s hier sowieso nicht – auch die sollen im Zuge der Sanierung kommen.

Was muss moderner werden, was soll bleiben? Die Umfrage am Viktualienmarkt

Christian Maier.

Umbau ist nur ein Vorwand: Mehrere Lagerräume mit Kühlung, eine großzügige Verkaufsfläche: Christian Maier (43) von Leos Obst-Standl hat Glück, er betreibt eines der drei größten Standl. „Da, wo alles passt, soll die Stadt einfach alles lassen, wie es ist.“ Nur bei den Toiletten sieht er dringend Handlungbedarf. „Wir müssen immer in umliegende Geschäfte gehen.“ Maier sieht pessimistisch in die Zukunft: „Der Umbau ist doch nur ein Vorwand, um alles neu zu vergeben und alle Verträge zu befristen.“ 

Elfriede Schmon.

Mal sehen, was kommt: „Meine Oma hatte nur Schirme überm Stand, bei Sturm musste sie die festhalten“, erzählt Elfriede Schmon (74). Die Händlerin ist genügsam. „Bei mir zieht’s ganz schön, eine Isolierung wäre schön.“ Sonst müsse nicht viel geändert werden. Dabei muss sie täglich je eineinhalb Stunden ihre Waren auf- und abbauen: Ihr Lagerraum ist ein paar Standl enfernt. „Ich hoffe nur, dass der Charakter des Marktes erhalten bleibt. Aber ich mache keine Panik. Mal sehen, was kommt.“

Die Markisen sollten weg:
Als Thomas 

Thomas Lupper

Lupper (47) mit seinem Käsestand 1998 angefangen hat, hat er den Keller selbst saniert. „Aber auch die Räume entsprechen nicht allen Vorschriften.“ Lupper ist einer der wenigen, die offen sind. „Wir würden es begrüßen, wenn die Markisen wegkommen. Eine Verglasung wäre energietechnisch besser. Ich wäre nicht mal unbedingt gegen einen Abriss – wenn es schön wieder aufgebaut wird. Am besten alles unterkellern und verbinden!“

Mir reicht mein kleiner Lagerkeller: Wenn „Kartoffel-Uwe“ Uwe Luber (59) Nachschub braucht, öffnet er eine Klappe mitten im Standl und steigt hinab in ein niedriges Kellerloch. „Reicht doch“, sagt der Kartoffelhändler. Vor Jahren hat er sich selbst ein Waschbecken eingebaut, für Wärme sorgt ein Heizlüfter. „Wir wollen keine Veränderung, die Kunden auch nicht. Die sollen uns in Ruhe lassen. Nach einer Sanierung steigen bestimmt die Pachtgebühren. Ich arbeite eh schon 60 Stunden, um meine Rente zu bestreiten …“

Elisabethmarkt: Neuer Wohnklotz hinter den Hütten

Jetzt ist es raus: So soll das neue Wohn- und Geschäftshaus am Elisabethplatz aussehen, das das SWM-Umspannwerk ersetzen wird (siehe Modellbild unten)! Gestern hat die Münchner Stadtsparkasse den Sieger des Realisierungswettbewerbs vorgestellt: das Projekt des Büros von Bruno Fioretti Marquez Architekten mit Cappati Staubach Urbane Landschaften (beide Berlin). Und schon gibt es große Diskussionen um den Riesen-Komplex – mitten im schwelenden Streit um den Standl-Abriss  …

Das Haus besteht aus zwei leicht geschwungenen Baukörpern. Die Gebäude sehen 90 Mietwohnungen sowie ein Wohnheim für Studenten und Auszubildende der Stadtsparkasse mit 80 Apartments sowie Büroflächen und eine Kindertagesstätte vor. Im Erdgeschoss gibt’s Flächen für Einzelhandel und Gastronomie. Baubeginn soll Mitte 2019 sein.

Der Bau des Komplexes und der Neubau des Elisabethmarktes daneben hängen miteinander zusammen. Zur Erinnerung: Auf dem über 100 Jahre alte Markt werden die Steinhäuser abgerissen und neu errichtet. Künftig werden wohl je drei Stände unter einem Dach untergebracht sein. Die Feuerwehrzufahrt des Sparkassen-Gebäudes liegt dann auf dem Marktgelände.

Insgesamt wird der Markt von 3000 auf 3800 Quadratmeter anwachsen, dafür bekommen die Händler unterirdischen Raum in der Tiefgarage der Sparkasse für Lager, Parkplätze und Toiletten. Wie es aussieht, werden die Händler während der Arbeiten übergangsweise in der Arcisstraße ihre Waren verkaufen. Am 23. März entscheidet der Stadtrat über konkretere Planungsschritte.

Die Bürgerinitiative Pro Elisabethmarkt ist nicht begeistert vom siebenstöckigen Kasten neben den Hütten. „Das Gebäude ist unglaublich wuchtig und erdrückend“, sagt der Initiator Hubertus von Medinger. „Das ist wirklich ein Riesen-Komplex, gerade in Bezug auf den fragilen Markt! Solch eine lange Front gibt es in der ganzen Gegend nicht! Eine Unterteilung in kleinere Baukörper wäre besser.“

In ein paar Jahren soll dieser moderne Komplex hinter den Buden stehen.

Die Händler sind ohnehin sehr gespalten beim Thema Sanierung. Die tz hat sich umgehört:

Der geplante Abriss am Elisabethmarkt - was die Standlleute sagen

Noch sehr unentschlossen: „Ich bin hin- und hergerissen. Mal sehe ich die Vorteile und an anderen Tagen kann ich auch die Gegner verstehen. Im Moment würde ich mich dazu enthalten. Für mich persönlich kommt es auch darauf an, wie ich meine berufliche Zukunft gestalten möchte. Ich bin noch sehr unentschlossen.“ Stephan Haiker (52), Biokäsemanufaktur

Endlich barrierefrei: „Meine Frau und ich sind für einen kompletten Neubau der Stände. Seit es den Markt gibt, hat sich hier nichts mehr getan. Durch die Grundsanierung wäre es möglich, den Markt barrierefrei zu gestalten, so dass uns auch Rollstuhlfahrer und Eltern mit Kinderwägen besser besuchen können.“ Alexander Hieber (38), Le Chalet du Fromage

Nicht mehr zweite Reihe: „Die Lage auf dem Markt ist vergleichbar mit einem alten Rolls-Royce. Am Wochenende ist so ein Oldtimer super, aber für jeden Tag kann man ihn nicht gebrauchen. Für unseren Stand wäre die geplante Neuanordnung schon von Vorteil. Wir sind dann nicht mehr in zweiter Reihe.“ Tina Güllich (34), Verkäuferin bei Obergrashof

Tina Güllich

Wohin während des Umbaus? „Ich bin gegen die Sanierung, solange wir nicht besser über das Ausmaß informiert werden. Es ist auch unklar, wie und wo wir unseren Betrieb in der Umbauphase weiterführen sollen. Es heißt, wir bekommen Container, aber die müssten schon verdammt groß sein, um genügend Platz für Lager und Waren zu haben.“ Franz Sageder (37), Metzgerei Sageder

Das ist die Meinung der Besucher

Sanierung ist notwendig: „Die Sanierung des Marktes ist notwendig. Und sie tut der Nostalgie garantiert keinen Abbruch. Sie würde der Qualität des Marktes nur entgegen kommen. Die Kunden werden auch während des Umbaus kommen.“ Horst Hubka (52), Farbenfachhändler, Schwabing

Uriger Flair soll bleiben: „Ich finde, es soll alles so bleiben, wie es ist. Es muss doch nicht immer alles so schick sein. Ich komme schon immer zum Einkaufen auf den Markt. Die Atmosphäre hier ist familiär und urig. Die Stadt will doch nur aus wirtschaftlichen Gründen umbauen.“ Henriette Bichler (70, mit Enkelin Carola), Rentnerin aus Schwabing

Henriette Bichler mit ihrer Enkelin.

Im Winter ist es einfach zu kalt: „Wenn der Markt vom Aufbau so erhalten wird wie er ist, finde ich eine Sanierung eigentlich gut. Es ist alles veraltet. Vor allem die sanitären Anlagen müssten erneuert werden. Hinzu kommt, dass die Wärme gleich wieder draußen ist, weil die Stände schlecht isoliert sind. Im Winter ist den Händlern auch einfach zu kalt.“ Luise Blatt (21), Verkäuferin bei Herrmannsdorfer

NBA, PME, LPO

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