"Letzte Gallierin" in der Pilotystraße

SIE hält im Leerstands-Haus die Stellung

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Laut Sozialreferat ist diese Wohnung eine Bruchbude, die dringend saniert werden muss. Gertraud W. lebt schon seit ihrer Geburt in diesem Haus. Sie erzählt, dass ihre jetzige Wohnung vor dem Ersten Weltkrieg ein belebtes Casino gewesen sei.

München - Seit ihrer Geburt wohnt sie hier, hat den Krieg im Haus erlebt und wie einer nach dem anderen auszog, bis sie allein war. Gertraud W. (73) ist frei nach Asterix schon jahrelang die letzte Gallierin in einem großen Haus an der Pilotystraße.

„Ich war ein Kind, als meine Tante mit dem damaligen Besitzer das Feuer löschte, nachdem eine Bombe eingeschlagen hatte. Später vererbte der Besitzer das Haus an die Stadt“, erinnert sich die Frau.

Dieses Haus in der Pilotystraße stammt aus der Zeit, als Bayern noch ein selbstständiges Königreich war.

Elf Wohnungen gibt es in dem Bau von 1860, dessen Dachgeschoss nach dem Krieg neu errichtet wurde und das dieStadt verwaltet. In den 80er-Jahren kamen neue Fenster rein – aber irgendwann passierte nichts mehr. Vor 13 Jahren wurde eine Wohnung nicht mehr neu bezogen, nachdem der Mieter ausgezogen war. Und so ging das – Mieter für Mieter – weiter, bis Gertraud W. mutterseelenallein war. Dabei gehört das Haus einer Stiftung, die Gewinne abwerfen soll. Doch bislang hatte das Sozialreferat als Verwalter keine Idee, wie das geschehen soll. Erst nachdem die Aktivisten von Goldgrund das Haus für einen Abend besetzten und Wort-Akrobaten wie Gerhard Polt und Willy Astor zu Wort kommen ließen, hatte Sozialreferentin Brigitte Meier (SPD) einen Plan: Balkons ­an-, Aufzug ein- und Dachgeschoss ausbauen, alles nach den Regeln moderner Baukunst. Macht 2,9 Millionen Euro! Gertraud W. dürfte nach dem Umbau wieder einziehen, doch statt jetzt knapp sechs Euro pro Quadratmeter würden dann locker 13 Euro fällig. Gertraud W.: „Das kann ich mir dann wohl nicht mehr leisten.“

Die CSU-Politiker Marian Offman und Josef Schmid mit dem Gutachten, das belegt: Mit 800.000 Euro könnte man sanieren.

Montag bekam sie Besuch vom OB-Kandidaten der CSU, Josef Schmid. Der hatte mit dem sozialpolitischen Sprecher der Rathaus-CSU, Marian Offman, einen Architekten durchs Haus geschickt, um auszurechnen, was eine Spar-Sanierung kosten würde. „Rund 800.000 Euro“, so Offman. Dafür gäbe es die Bäder, Sanitär-, Heizungs- und Elektroinstallation neu, frisch versiegelte Böden und neu gestrichene Wände. Schmid versprach Gertraud W.: „Wenn wir die Wahl gewinnen, wird das so umgesetzt. Wer außer der Stadt könnte so günstigen Wohnraum schaffen? Es stehen ja noch weitere 653 städtische Wohnungen leer.“

Abreißen oder renovieren? Party in der Müllerstraße

Wie kann die Stadt günstigen Wohnraum schaffen? Während die Stadt in der Pilotystraße auf eine teure Sanierung setzt, will sie in der Müllerstraße ein Haus abreißen und neu bauen. Im Internet unterschrieben bis Montag über 1500 Menschen bei Change.org die Online-Petition „Erhalt der Müllerstr. 2 + 4“. Dienstag startet dort um 17 Uhr die nächste Goldgrund-Sause: Um 17 Uhr beginnt eine Lesung des Krimi-Autors Friedrich Ani, dazu spielen die Wellküren und Blumentopf auf. Kommunal­referent Axel Markwardt (SPD) reitet auf den Party-Plakaten wie US-Popstar Miley Cyrus eine Abrissbirne …

Johannes Welte

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