„Hätte nicht passieren sollen“

Kurzfristige Umgestaltung in Münchens Zentrum, nur Anwohner wissen von nichts - BR-Moderator fassungslos

Personen mit Regenschirmen gehen vor Häusern entlang
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Diskussionen über die Innenstadt: Viele Anwohner waren bei der Bürgerversammlung im Circus Krone dabei.

In München entwickelt sich die Bürgerversammlung von Altstadt und Lehel zu einer regelrechten Meuterei. Die Parkplatz- und Umbauplanung im Tal sorgt für eine „Antragsflut“.

München/Altstadt-Lehel - Hätten die Anwohner in der Altstadt und im Lehel einen Wunsch frei, dann wäre es ein Parkplatz vor der eigenen Haustür. Wegen dieses Themas sind viele von ihnen zur Bürgerversammlung im Circus Krone gekommen.

Nach zwei Jahren hat sich einiges angestaut und das entlädt sich an diesem Abend in einer „Antragsflut“, wie die zweite Münchner Bürgermeisterin Katrin Habenschaden zusammenfasst, die die Versammlung mit der Bezirksausschuss-Vorsitzenden Andrea-Stadler-Bachmaier (beide Grüne) leitet. Exakt fünf Minuten hat jeder Bürger Zeit, um den Inhalt seines Antrags in das frisch desinfizierte Mikrofon zu sprechen.

München: Tal-Umgestaltung wird zum Aufreger - Parkplätze sollen wegfallen

Größter Aufreger ist immer noch die kurzfristige Umgestaltung des Tals. Eigentlich sollten die Anwohner ja bei einer Erörterungsveranstaltung in die Pläne miteinbezogen werden. Aber irgendwie ist die Einladung anscheinend bei keinem der Anwesenden jemals im Briefkasten gelandet. „Hätte nicht passieren sollen“, entschuldigte sich Mobilitätsreferent Georg Dunkel.

Das regt hier viele mindestens so auf wie die Tatsache, dass im Tal Parkplätze verschwinden sollen. Sie fühlen sich übergangen, und viele halten die grünen Umgestaltungsgedanken in ihrer Straße eh für unnötig. Ein „Hauruckverfahren“ sei das, meint etwa Stefan Brunner. Im Tal seien über 80 Ärzte angesiedelt, deren Praxen nun nicht mehr problemlos zu erreichen seien.

München: Die Straße Im Tal in der Innenstadt soll in eine autofreie Fußgängerzone umgewandelt werden - den Anwohnern geht das zu schnell.

Wirbel in München: BR-Moderator sieht „Glaube an repräsentative Demokratie“ beschädigt

Das sei vor allem für die Chauffeure von Patienten wie kleinen Neugeborenen und gebrechlichen Älteren ein Problem, meint Barbara Arnold, die eine große HNO-Praxis im Tal betreibt. Ein Tiefgaragenstellplatz sei nicht so einfach zu ergattern und außerdem fielen durch die Schanigärten viele Parkplätze flach.

Auch BR-Moderator Roman Roell kann die Art der Umsetzung des Zwischenschrittes nicht nachvollziehen. Das beschädige seinen „Glauben an repräsentative Demokratie“. Eine „Zona a Traffico Limitato“ (ZTL) möchte er nach italienischem Vorbild errichten. Das ist eine Zone im Stadtzentrum von Städten und Ortschaften, in welcher der Verkehr eingeschränkt ist. Ausschließlich Anwohner sollen hier noch reinfahren dürfen und auf den öffentlichen Parkplätzen parken. Ansonsten: „konsequente Abschleppung“. Eine Anwohnerin schlägt sogar vor, 50 Euro für eine Stunde Parken in der Altstadt zu verlangen.

München: Rollen bald „100 LKWs“ durchs Tal? Umbau überschneidet sich mit Bauarbeiten am Marienhof

Zusätzlich sollen ab Herbst auch noch täglich „100 Lkw“ wegen der Bauarbeiten am Marienhof durch das Tal rollen, fürchtet man. Eine Antragsstellerin fordert deshalb, die Umgestaltung wenigstens bis nach Beendigung der Baustelle aufzuschieben. „Zum Schutz der Gewerbetreibenden mindestens zwei Jahre“, fügt ein Besucher an.

Markus Augstburger, Wirt vom „Schneider Bräuhaus“, kann sich allerdings eine Verschönerung der Meile gut vorstellen und spricht gar von einer „historischen Gelegenheit“ und „letzten Bastion“ in der Altstadt, „wo man noch was rauszaubern kann“.

Anwohner stimmen für Aufschiebung des Tal-Umbaus

Die anwesenden Altstädter waren sich weitgehend einig und beklatschten gegenseitig ihre Anträge. Schließlich stimmten sie mehrheitlich für die Aufschiebung der Umbaumaßnahmen, für Kreativität bei der Umgestaltung des Tals und gegen die „Unverantwortlichkeit“ beim öffentlichen Beteiligungsverfahren. Wer nicht das Privileg genießt, mitten in der Stadt zu wohnen, aber trotzdem mal mit dem Auto vorbeischauen möchte: Keine Angst, eine Stunde Parken wird auch in Zukunft keine 50 Euro kosten. Da waren sich alle einig. (Katharina Hinsche) *tz.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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