Im Lockdown schrieb er ein Buch

Münchner Wirt verrät kuriose Anekdoten: Musikstar ging‘s an den Kragen, Kult-Band drehte er den Saft ab

Nur den Humor nicht verlieren: Thomas Vogler in seiner Jazzbar, in der immer noch die Stühle hochgestellt sind.
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Nur den Humor nicht verlieren: Thomas Vogler in seiner Jazzbar, in der immer noch die Stühle hochgestellt sind.

In seiner Jazzbar erlebt Thomas Vogler die aberwitzigsten Dinge – jetzt hat er sie aufgeschrieben. „Der kotzende Hund“ heißt das Buch, für das der Wirt jetzt Zeit hatte.

München - Da ist zum Beispiel die junge Frau, die Thomas Vogler fragt, ob er einen Kühlschrank in seiner Bar habe. Hat er, natürlich. „Könnten Sie das bitte kühl stellen?“ Sie drückt ihm ein Fläschchen Muttermilch in die Hand. „Ist frisch abgepumpt.“ Oder der junge Gast, der einen 100-Euro-Schein für Zigaretten gewechselt haben will und sagt: „Tut mir leid, das ist nicht mein Geldbeutel, der gehört meinem Zuhälter.“ Oder die Musikerin, die mit ihrem Hund zum Auftritt in die Bar kommt. Sie setzt sich ans Klavier, das Tier vor die Bühne. Sie spielt ein paar Töne, fängt an zu singen – und der Hund übergibt sich.

München: Wirt fasst kuriose Anekdoten in eigenem Buch zusammen - „Im Lockdown bot sich die Gelegenheit“

All diese Anekdoten und noch viele mehr hat Thomas Vogler (54) erlebt, seit er seine Jazzbar an der Rumfordstraße 17 vor 23 Jahren aufmachte – jetzt hat er sie niedergeschrieben. Das Büchlein, benannt nach letzterer Begebenheit, trägt den prägnanten Titel „Der kotzende Hund“. „Die Idee, all das, was einem hier passiert, mal aufzuschreiben, hatte ich schon immer“, erzählt er. „Jetzt im Lockdown bot sich dann die Gelegenheit, doch noch was Sinnvolles zu tun, und da habe ich mich an die Arbeit gemacht.“

Denn im Moment hat Vogler mehr Zeit, als ihm lieb ist. Er kredenzt dem Reporter in seiner geschlossenen Bar ein Glas Sprudel („ist das überhaupt noch haltbar?“) und schmunzelt gallig – derzeit blitzt in den grauen Augen hinter der Buchhalterbrille öfter mal Sarkasmus auf. Vogler versucht, den Humor nicht zu verlieren. Auch wenn ihm zumute ist wie dem Hund in seinem Buch.

Stadt München lässt Wirt sein Lokal nicht aufsperren: „Weiß nicht, wer sich so etwas ausdenkt“

Etwa wenn die Stadt München* ihm den Unterschied erklären will zwischen seinem Lokal, auf dessen Bühne normalerweise allabendlich Jazzkünstler auftreten, und „Theatern, Opern, Konzerthäusern, Bühnen, Kinos und ähnlichen Einrichtungen“. Die dürfen längst wieder öffnen – und auch Public Viewing der Fußball-EM ist erlaubt. 999 Personen im Innenraum ohne Testpflicht – kein Problem. Vogler jedoch erhielt eine Bußgeld-Androhung, als er es wagte, wieder Auftritte zu buchen.

„Ich weiß nicht, wer sich so etwas ausdenkt“, seufzt der Wirt. „Ich verstehe nicht, warum der Besuch eines Jazzkonzerts gefährlicher sein soll als der eines klassischen Konzerts. Und die Bevorzugung von Public Viewing – da mangelt es meiner Meinung nach schlicht an Respekt für frei finanzierte Kultur.“ Vor 28. Juli wird sich daran nichts ändern, hat man ihm signalisiert. Erst dann erlässt der Freistaat eine neue Verordnung.

Vogler zog Musik-Star einfach von der Bühne: Verhältnis zu den Nachbarn ist wichtiger

Immerhin: Wer Vogler kennt, der weiß, dass er nicht lockerlässt, wenn er sich ungerecht behandelt fühlt. Der Gastronom hat schon manchen Strauß mit Behörden ausgefochten – und auch seine Musiker machten Bekanntschaft mit der Vogler’schen Sturheit. Etwa die „Münchner Freiheit“. Vogler drehte der Band den Saft ab, weil sie nicht leiser spielen wollte. Und Ray Cooper, den Percussionisten, der bereits mit Eric Clapton und Elton John musiziert hatte, „den hab ich von der Bühne gezogen“. Er wollte nach ein Uhr noch spielen – das geht aber nicht, weil Vogler ein hervorragendes Verhältnis zu seinen Nachbarn pflegt. „Ich bin kein Geschäftsführer, dem alles wurscht ist – das hier ist mein Wohnzimmer. Und bei manchem Benehmen kriege ich einfach Pickel. Ich will keine Pickel in meinem Wohnzimmer bekommen.“

Nun muss man wissen, dass Vogler nicht auf Krawall gebürstet ist. Er ist ein ziemlich witziger Zeitgenosse. Fans seiner Bar amüsieren sich seit Jahren über die Alltagsbeobachtungen in seinen Newslettern. „Ich habe die besten Gäste, die man sich wünschen kann“, erklärt er. Denn sie halten ihm die Stange, indem sie etwa Gutscheine für einen Besuch kaufen, die sie hoffentlich bald einmal einlösen können. Außerdem sind schon 43.000 Euro an die „Jazzbar-Vogler-Solidar-Gemeinschaft (JVS)“ überwiesen worden, mit der Vogler Künstlern in Schwierigkeiten hilft. Und auch OB Reiter dürfte die ein oder andere wütende Mail von Gästen erhalten haben.

„Vielleicht ist es einfach mal an der Zeit, etwas Neues zu wagen“

Vogler war immer ein guter PR-Mann seiner selbst. Und er hat Mut. Den erforderte es, um diese Bar überhaupt zu eröffnen. Als Werbefachmann, der in Sachen Gastro „von Tuten und Blasen keine Ahnung“ hatte und auch keine Musiker kannte. Der aber den Traum von der eigenen Jazzbar im New Yorker Stil hatte. „Ich habe die Kneipe gesehen und gewusst: Die ist es“, sagt er.

Und so behauptete er 1998 frech, am 1. April würden Paolo Conte, Ute Lemper und Dee Dee Bridgewater bei freiem Eintritt in seinem Etablissement aufspielen. In der Küche werde Eckart Witzigmann vor sich hinbrutzeln. Das war glatt geflunkert, aber die Bude barst an jenem Abend aus allen Nähten. Seit diesem Jux hat sich Vogler in seiner unmöglichen Nische behauptet, die Bar wurde zur Institution.

Diese Geschichte erzählt er natürlich auch noch mal im „kotzenden Hund“. Und auch wenn er zuletzt, entnervt vom Bürokratie-Irrsinn, seinen Newsletter mit den Worten beschloss, „vielleicht ist es einfach auch mal an der Zeit, etwas Neues zu wagen. Sollten Sie also eine Verwendung für mich haben, melden Sie sich bitte“ – irgendwie wird man das Gefühl nicht los, dass es schon gut ausgeht mit Thomas Vogler und seiner Bar. *tz.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Das Buch

Thomas Vogler: „Der kotzende Hund“, 9,90 Euro.

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