Textil-Laden soll Neubau weichen

Müllerstraße: Der Stoff, aus dem Albträume sind

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Strauß mit seinen Mitarbeiterinnen Susanne Obermeier (31) und Anna Guerra (62).

München - Für den Neubau an der Müllerstraße soll das Textil-Geschäft von Johann Strauß weichen. Er hatte der Stadt schon vor Jahren einen Deal angeboten - doch die verzichtete auf 1,5 Millionen Euro und ließ ein Haus lieber leer stehen.

Seine Stoffe schmücken die schönsten Schaufenster der Stadt und die größten Bühnen – vom Gärtnerplatz bis zum Nationaltheater. Doch jetzt spielt Johann Strauß (72) selbst die Hauptrolle in einem Drama: Die Stadt will in der Müllerstraße nur den Bolzplatz und das Vordergebäude mit der Nummer 6 erhalten, in dem die Goldgrund-Gorillas renovierten. Aber sein Textil-Geschäft in der Hausnummer 2 und dazu die Nummer 4 sollen abgerissen werden, um mehr Wohnungen zu schaffen. „Dann muss ich vier Mitarbeiter entlassen“, sagt Strauß. Das ist ein Stoff, aus dem Alpträume sind …

Johann Strauß gibt zehn Angestellten Arbeit

Johann Strauß (72) handelt seit 1966 mit Stoffen vor allem für Bühnen-Deko.

Die Firma Jostra – das steht für den Inhaber Johann Strauß – ist noch ein heimeliges, seit 1966 eingesessenes Unternehmen mit zehn Mitarbeitern. Die Zentrale liegt in einem Uraltbau im Hinterhof, verwunschen rankt sich der Efeu bis zum Dach. Der Arbeitstag beginnt im prächtig dekorierten Frühstücksraum, in dem sich die Mitarbeiter vom Feierabend erzählen. Der Laden handelt mit Stoffen und Folien aller Art, hier springen die Dekorateure schnell herein, wenn ein neues Stück oder eine spontane Präsentation ansteht.

Wenn Strauß raus muss, fürchtet er um seinen halben Umsatz

Textilkaufmann Strauß hat eine soziale Ader: Er initiierte in den 80ern das Stadtgründungsfest, schenkte der Stadt und Unicef einen selbst geprägten Glückspfennig, der verkauft wird und Spenden bringt. Genauso trimmt Strauß sein Unternehmen eben nicht auf Hochglanz, um noch den letzten Cent herauszupressen. „Man kann doch ohnehin nur einmal essen“, sagt Strauß, der die Nachfolge im Unternehmen schon geregelt hat, aber gar nicht ans Aufhören denkt: „Ich arbeite gern.“

Morgen entscheidet der Stadtrat über Sanierung und Neubau an der Müllerstraße (siehe unten). Wenn Strauß raus muss, breche für ihn der halbe Umsatz weg, fürchtet er. Dann bliebe Laufkundschaft weg und nur noch das Lager in Dornach im Landkreis erhalten. Für fast die halbe Belegschaft hätte er dann keine Verwendung mehr.

"Die Stadt hat sich 1,5 Millionen Euro entgehen lassen"

Doch es geht ihm nicht nur um sein Unternehmen. Gegenüber haben die Stadtwerke ihren LuxusTurm The Seven gebaut, überall entstehen „Einheitsglaspaläste“, wie Strauß sie nennt. „München wird zur 08/15-Großstadt wie jede andere auch“, sorgt er sich. Glatt und serienmäßig hier, plüschig und einzigartig dort: Strauß lebt das Gegenteil.

Und er ärgert sich über die Verwaltung: Schon 1980 habe er der Stadt angeboten, auch die benachbarte Hausnummer 4 komplett zu mieten. Die habe abgewunken und seitdem das halbe Haus leer stehen lassen. „Die Stadt hat sich insgesamt 1,5 Millionen Euro entgehen lassen“, schätzt der Kaufmann – um jetzt noch einmal Millionen für einen Neubau in die Hand zu nehmen. Stattdessen schlägt Strauß vor: Die Stadt soll lieber eine halbe Million in eine ganz einfache Sanierung stecken, dann könnte man die sieben Wohnungen in der Hausnummer 4 weiter günstig vermieten – statt alles abzureißen. Strauß sagt: „Es ist eine Schande.“

David Costanzo

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Die Gorillas und die Pläne der Stadt

Um den Leerstand in der Müllerstraße gibt’s Ärger: Für 6,4 Millionen Euro sollten statt der 17 Wohnungen 29 bezahlbare Bleiben entstehen. Erst sollte der Bolzplatz weg, was prominente Demonstranten wie Bastian Schweinsteiger und die Sportfreunde Stiller verhinderten. Dann ging es um Abriss und Neubau des Haupthauses: Das unterbanden Promis wie Dieter Hildebrandt und Mehmet Scholl, die mit den Goldgrund-Aktivisten in Gorilla-Masken bewiesen, dass die Wohnungen mit wenig Geld zu renovieren sind (siehe Foto). Morgen entscheidet der Stadtrat: Kommunalreferent Axel Markwardt (SPD) plädiert für eine Sanierung des Haupthauses sowie Abriss und Neubau der beiden Nebengebäude. Für 5,1 Millionen würde die Zahl der Wohnungen insgesamt von 17 auf 23 wachsen, davon könnten zehn Apartments sozial gefördert werden. Allerdings hat Textilhändler Strauß Fotos, auf denen die Hausnummer 4 auch nicht schlechter ausschaut als seinerzeit Gorilla-Haus Nummer 6 …

Tamara Rohleff (43), Tamaras Jeans, Müllerstraße 1

Frau Rohleff, seit einem halben Jahr steht fest, dass Sie ihren Familienbetrieb nach 37 Jahren zum 31. März schließen müssen. Und wia schaut’s aus, wie geht es dann bei Ihnen weiter?

Rohleff: Das würde ich auch gern wissen. Fakt ist, dass ich derzeit schon mit dem Räumungsverkauf und Sonderangeboten angefangen habe. Ich hatte ja gehofft, dass ich vielleicht noch einen anderen Laden finden würde, um unser Geschäft weiterführen zu können. Aber es war aussichtslos.

Warum? Haben Sie nichts gefunden?

Rohleff: Doch, mehr als genug. Aber die Preise waren ein Witz. 5000 Euro Monatsmiete in der Reichenbachstraße. Und in der Westenriederstraße, gleich neben dem Sedlmayr, sogar 9999 Euro. Plus Nebenkosten. Horrend. Unglaublich.

Und raus aus dem Viertel und der Stadtmitte wollten Sie auch nicht?

Tamara Rohleff (43), Tamaras Jeans, Müllerstraße 1

Rohleff: Nein. Wir sind so alteingesessen hier, darum war für mich klar: entweder hier oder nirgendwo. Es macht mich so traurig, am 1. April wären wir in unser 38. Jahr hier gegangen. Wir waren eine Institution. Ich weiß noch, als ich kleiner war, wie Freddie Mercury mit seiner roten Corvette vorfuhr, der war oft nebenan zum Feiern in der Paradiso Tanzbar. Dann hat er manchmal noch hier reingewunken. In einem Videoclip von ihm waren wir auch mal zu sehen. Alles Geschichte.

Was machen Sie dann ab 1. April?

Rohleff: Keine Ahnung. Am 22. März ist der letzte offene Geschäftstag, danach müssen wir ausräumen. Ich freu mich über jeden, der zum Verabschieden reinschaut. Und dann, mal schauen, vielleicht bei einer guten Freundin arbeiten? Oder ganz weggehen? Ich weiß es nicht. Eine gute Bekannte wohnt in Lübeck, da würde ich für eine Dreizimmerwohnung noch 450 Euro warm zahlen. Allerdings mag ich ja gar nicht nach Lübeck. Ich mag in München bleiben, auch wenn mich die Stadt langsam befremdet.

Gerade Ihr Viertel hat sich ja ziemlich verändert in den vergangenen zehn Jahren …

Rohleff: Ja. Diese Möchtegern-Schickis, die das Geld von ihren Eltern haben und gar keinen Respekt vor niemandem. Die rennen teilweise alles über den Haufen, weil sie meinen, jeder müsste ihnen aus dem Weg gehen. Alte Menschen, Hunde, ganz egal … Rücksichtslos und unverschämt. Neulich habe ich zufällig in einem Lokal eine junge Frau gehört, die war so Anfang 20. Die meinte, wer sich München sozial nicht leisten könne, der müsse halt wegziehen.

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