Große Serie: Münchner Polizeiinspektionen

PI 11: Die Aufpasser in der Altstadt

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Hofbräuhaus? Die Polizisten in der Altstadt sind oft mehr Auskunft als Beamte. 

Die Polizeiinspektion 11 an der Hochbrückenstraße ist eine der bekanntesten in der Stadt. Während tagsüber Taschen- und Ladendiebe die Beamten auf Trab halten, beschäftigt nachts das Partyvolk auf der Feierbanane die Polizei. Wir begleiteten den Chef der Inspektion und zwei seiner Kollegen auf einem Rundgang durch ihr Revier.

München - Die Touristen in der Altstadt sind überzeugt, dass die Polizei in München alles weiß. „Komm, wir fragen den“, sagt ein Mann zu seiner Frau, als er einen Beamten sieht. „Der weiß das.“ Und tatsächlich weiß der Leitende Polizeidirektor Christian Weis, Chef der Altstadtwache, dass der Künstler, der aussieht wie eine Statue, ein echter Mensch ist. „Ganz häufig werden wir auch nach der nächsten Toilette, dem Hofbräuhaus oder einem Geldautomaten gefragt“, berichtet Paul Daake, Kontaktbeamter für den Viktualienmarkt. In der Innenstadt werden die Beamten oft vielmehr als Auskunft gesehen denn als Polizisten. Etwa zehn Streifen sind jeden Tag gleichzeitig unterwegs, zu Fuß, mit dem Auto, uniformiert, in zivil und teilweise unterstützt von Beamten hoch zu Ross.

Zu Besuch bei der Altstadtwache sind die Kollegen der Reiterstaffel. 

250.000 bis 400.000 Menschen strömen täglich durch den 1,88 Quadratkilometer großen Zuständigkeitsbereich der Altstadtwache – und die meisten kennen sich nicht aus. Viele arabische oder chinesische Besucher können die Schilder nicht lesen. So wie neulich der Tourist im Mietwagen, den das Navi ausgerechnet am Faschingsdienstag über die Dienerstraße mitten in die Fußgängerzone lotste. „Wir haben ihn dann wieder auf die Straße begleitet“, erzählt Weis und schmunzelt. 

Bei den Menschenmassen, die die Beamten der Altstadtwache jeden Tag betreuen, ist Fingerspitzengefühl gefragt. „Manchen müssen wir die Regeln, die es hier gibt, erst mal erklären.“ Bisweilen passiert es, dass die Fremden in der Fußgängerzone spontan ihre Instrumente auspacken und loslegen. „Die wissen nicht, dass es dafür hier eine Genehmigung braucht.“ In solchen Fällen sprechen die Beamten nicht gleich Verwarnungen aus.

Der Neue: Paul Daake ist seit Kurzem Kontaktbeamter auf dem Viktualienmarkt. 

Die Fußgängerzone zieht alle an

Die 1972 eröffnete Fußgängerzone zieht Touristen, Reisende, Einkaufswütige und Künstler an – aber auch Kriminelle und Obdachlose. Zudem sitzen Bettler in der Innenstadt. In der Fußgängerzone ist das Betteln verboten. „Eine groß organisierte Szene beobachten wir hier aber nicht“, sagt Weis. Viel Arbeit machen der Polizei die Taschendiebe, die im Schmelztiegel Altstadt oft leichtes Spiel haben. Zur Bekämpfung dieser Verstöße in der Innenstadt gibt es bei der PI 11 eine speziell geschulte Einheit: die Zivile Altstadtgruppe (ZAG). 4000 Diebstähle registrierte die PI 11 insgesamt im Jahr 2016 – ein Löwenanteil der insgesamt 9770 Straftaten. 

Die Luxusmeile lockt Kriminelle

Nicht nur die Taschen der Touristen, auch die Läden in der Innenstadt und die luxuriösen Boutiquen an der Maximilianstraße locken die Kriminellen. „Knapp 1500 Ladendiebstähle wurden im vergangenen Jahr angezeigt“, sagt Polizeioberkommissar Thomas Bergmeier. „Die Diebe haben keine Vorliebe für ein bestimmtes Geschäft, sie schlagen überall zu.“ Immer wieder suchen sich die Räuber einen der vielen Juweliere in der Innenstadt aus. Aufsehen erregte am 12. Februar 2014 der Raubüberfall auf den Chopard-Juwelier an der Maximilianstraße. Mit Vorschlaghammer und Langstiel-Axt schlugen maskierte junge Männer das zwölf Millimeter dicke Verbundsicherheitsglas in Splitter. Mit 54 Armband- und zehn Tischuhren, einem Kettenanhänger, drei Ringen und Manschettenknöpfen im Wert von 818 690 Euro flohen die Räuber. Vier der Täter wurden erwischt und zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt.

Unterwegs in der luxuriösen Maximilianstraße: Polizeioberkommissar Thomas Bergmeier (v.L.), Christian Weis, Chef der Altstadtwache und Paul Daake. 

Die gute Nachricht: Fast 92 Prozent der Ladendiebstähle klärte die Polizei im vergangenen Jahr auf. Daran arbeiten vor allem die acht Beamten der PI 11, die sich mit Kleinkriminalität beschäftigen. „Wir haben hier selbst eine kleine ,Kripo‘ im Haus“, erzählt Bergmeier.

Nachts sorgt die Feierbanane für Arbeit

Während tagsüber Diebe die Polizei auf Trab halten, bereiten den Beamten nachts vor allem die oft sturzbetrunkenen und unter Drogen stehenden jungen Menschen auf der Feierbanane Sorgen. Zu späterer Stunde verlieren regelmäßig einige der Partygänger die Kontrolle über sich, schlägern, pöbeln, randalieren. „Zwischen 3 und 6 Uhr registrieren wir hier die meisten Straftaten“, sagt Christian Weis. 1148 Körperverletzungen wurden im Jahr 2016 angezeigt, viele davon auf der Feierbanane. Vor allem seit 2004 die Sperrstunde weggefallen ist und das Partyvolk sich teilweise vom Kunstpark an die Sonnenstraße verlagerte, sind die Polizisten im Dauereinsatz.

Bilder: Mit der PI 11 in der Altstadt unterwegs

Videoüberwachung hilft

Immer mehr junge Leute treffen sich seit einiger Zeit am Stachus. Das liegt unter anderem an dem kostenlosen WLan-Hotspot. „Dass sich dort die Jugendlichen versammeln, sorgt bei etlichen Geschäftsleuten und Passanten für Verunsicherung“, berichtet Weis. Deshalb zeigen die Beamten dort verstärkt Präsenz. Auch eine Videokamera zeichnet die Geschehnisse am Stachus auf. „Wir wollen jetzt eine zweite Kamera installieren, die Verhandlungen laufen gerade“, erzählt der 56-Jährige. „Videoüberwachung ist für uns sehr wichtig.“ So konnten die Beamten während des Christkindlmarktes zum Beispiel beobachten, wie ein Mann verdächtig um einen Lkw herumschlich. In einem wie er dachte unbeobachteten Moment stibitzte der Dieb eine Tasche aus dem Fahrzeug. Weit kam er damit freilich nicht.

Die Beamten werden häufig angegriffen

Auch der Einsatz von Bodycams ist für die Beamten der Altstadtwache ein Gewinn. Denn bei kaum einer anderen Dienststelle werden die Polizisten so häufig angegriffen und angepöbelt wie in der Innenstadt. Etwa 200 Übergriffe auf Polizisten registriert die Altstadtwache im Jahr. „Zum Glück bleibt es in aller Regel bei leichten Verletzungen“, sagt Weis. Zeichnet eine Kamera die Szene auf, spüren die Beamten oft weniger Aggression beim Gegenüber. Zudem können die Aufnahmen als Beweismaterial in Konfliktsituationen dienen.

Problemort Herzog-Wilhelm-Park

Sorgen bereitet den Beamten in der Altstadt auch die Entwicklung im Herzog-Wilhelm-Park. Die kleine von der Straße zurückversetzte Anlage verkommt immer mehr zum Treffpunkt von Alkoholikern und Junkies. Auch Obdachlose nutzen die Bänke dort als Schlafplatz. Seit es das Alkoholverbot am Hauptbahnhof gibt, vermuten die Beamten, hätten sich womöglich einige der Stammsteher-Szene hier einen neuen Platz gesucht. Über das Grölen der Feiernden und den Lärm der Trinker beschweren sich immer wieder Anwohner bei der Polizei.

Der Herzog-Wilhelm-Park bereitet den Beamten Sorgen. 

Um knapp 16.000 Einwohner in der Altstadt und im südlichen Teil des Lehels kümmern sich die Beamten der Altstadtwache. 900 gastronomische Betriebe liegen im Zuständigkeitsbereich der PI 11, die Hälfte davon hat eine Freischankfläche. 794 Mal wurden die Beamten im Jahr 2016 wegen Ruhestörungen gerufen – im Schnitt zwei Mal am Tag.

Etwa 2000 Vermögens- und Fälschungsdelikte registrierte die Polizei. Wegen der niedrigen Einwohnerzahl gab es 2016 nur 22 Wohnungseinbrüche. 72 Sittlichkeitsdelikte registrierte die Polizei, der Großteil davon waren Exhibitionisten und Grapscher.

Versammlungsort Innenstadt - viel Arbeit für die Beamten

Viel Arbeit bereiten den Beamten auch die Versammlungen und Veranstaltungen in der Innenstadt: Knapp 2400 Aktionen registrierte die Polizei im Jahr 2016, einen Löwenanteil machten die Pegida-Demonstrationen aus. Betreut werden die Versammlungen individuell. Bei den Faschingsfeiern, bei Pegida und bei den Flüchtlingen am Rindermarkt sind mehr Beamte im Einsatz als beispielsweise bei den Hanfbefürwortern am Stachus oder den Tierschützern in der Fußgängerzone.

Auch Verkehr ist für die Beamten in der Innenstadt ein Thema. Da der Parkraum begrenzt ist, stehen Autos und Lieferwagen häufig in Haltverbotszonen. 2784 Fahrzeuge wurden 2016 abgeschleppt, 6000 Knöllchen wurden verteilt. Im Schnitt achtmal täglich kracht es. Doch die meisten Verkehrsunfälle gehen glimpflich mit leichten Verletzungen aus. Oft stürzen auch Radfahrer in der Innenstadt. Weis: „Gefährlich sind die Trambahnschienen, in die man unglaublich leicht mit den Reifen geraten kann.“ Eine Gefahr ist das „Eingleisen“ vor allem für die vielen Fremden, die sich in der Altstadt nicht auskennen.

Der Fall aus dem Viertel: Tödlicher Unfall an der Oper

Im April 2015 hat ein damals 23-jähriger Autofahrer an der Maximilianstraße eine Frau erfasst und überrollt. Die 65-Jährige aus dem Kreis Starnberg starb später in einer Klinik. Der Student Christian W. hatte am Steuer einen epileptischen Anfall und erlitten und war mit 68 km/h mit seinem Audi in eine Gruppe Fußgänger gerast. Er wurde zu einem Jahr und zehn Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Zudem muss er Sozialstunden leisten. Der Führerschein wurde ihm entzogen.  

Die Polizeiinspektion in Zahlen: 

Ich bin der einzige Chef, der seinen kompletten Dienstbereich überblicken kann“, sagt Christian Weis und lacht. Von der kleinen Dachterrasse der Altstadt-Wache blickt der 56-Jährige zur Frauenkirche, dem Alten Peter und dem Präsidium an der Ettstraße. 1,88 Quadratkilometer klein ist der Dienstbereich. Die PI 11 war Vorlage für die Fernsehserien „Polizeiinspektion 1“ mit Walter Sedlmayr und „München 7“. Etwa 210 Mitarbeiter arbeiten auf der Wache, knapp 16.000 Einwohner leben in der Altstadt und im südlichen Teil des Lehels. Bis zu 400.000 Touristen und Münchner sind am Tag in der Altstadt unterwegs. Zu gut 22.000 Einsätzen mussten die Beamten im Jahr 2016 ausrücken, 9770 Straftaten wurden registriert.

Das sind die weiteren Folgen

Maxvorstadt: Das Studentenviertel kämpft mit Dieben und Rasern.

Pasing: Einbrecher und der Verkehr prägen die Polizeiarbeit.

Bogenhausen: Einbrüche machen einen Löwenanteil der Straftaten im Nobelviertel aus

Sendling: Der starke Verkehr beherrscht den Arbeitsalltag der Beamten

Au & Haidhausen: Tag und Nacht Einsätze in Haidhausen, am Ostbahnhof und in der Kultfabrik

Ramersdorf-Perlach: Streitereien, Ruhestörungen und Ladendiebstähle kommen hier oft vor.

Trudering-Riem: In der Messestadt trifft sich die Welt. Auch ein Ort sozialer Spannungen.

Westend & Ludwigsvorstadt: Das Südliche Bahnhofsviertel und der Gärtnerplatz halten die Beethoven-Wache auf Trab.

Giesing: Das Viertel der Geschichte und Geschichten. Fußball ist allgegenwärtig – auch bei der Polizei.

Olympiapark: Hier sind die Schwerpunkte die vielen Veranstaltungen.

Neuhausen: Einbrüche, Trickdiebstähle und das Strafjustizzentrum sind hier Schwerpunkte.

Planegg: Grüne Idylle mit schwarzen Fleckchen. Einbrüche sind hier das Problem.

Grünwald: Die Isar und ihre zahlreichen Sport- und Freizeitmöglichkeiten bestimmen den Arbeitsalltag der Polizei.

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