Das sagen Betroffene

Drahtesel-Wahnsinn am Marienplatz: Wer hält sich wirklich an das Verbot?

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Das kostet: Radeln ist auf dem Marienplatz verboten.

477 Radler mussten schon 15 Euro Verwarnungsgeld zahlen - denn schon Februar 2016 darf man nicht mehr am Tag über den Marienplatz radeln. Aber bringt das Verbot eigentlich etwas 

Es ist Vormittag am Marienplatz. Touristen tummeln sich vor dem Alten Rathaus, Leute bummeln durch die Einkaufspassagen, Familien gehen spazieren. Ein Mann radelt vom Rindermarkt kommend auf den Fischbrunnen zu. „Stopp!“, ruft ein Mann in blauer Uniform und winkt mit beiden Armen. „Hier ist Fußgängerzone!“ Es gibt ein Verwarnungsgeld: 15 Euro. Verärgert steigt der Mann ab und schiebt.

So wie ihm ging es allein seit dem ersten Juli 477 Radlern – dabei darf man schon seit Februar 2016 nicht mehr tagsüber über den Marienplatz radeln. Die Rathaus-Kooperation von CSU und SPD beschloss damals: Der Marienplatz wird zur reinen Fußgängerzone. Chaos war hier schon immer – in der jüngeren Vergangenheit auch wegen der Baustelle am Hugendubel-Haus. Nach deren Abschluss im vergangenen Jahr rückten die Straßenarbeiter an. Wo früher eine Asphalt-Furt über den Marienplatz führte, ist jetzt durchgängig gepflastert, so dass jeder sieht: Fußgängerzone!

Und jetzt fragt man sich: Wie gut funktioniert’s? „Das hat sehr viel gebracht“, sagt Manuel Pretzl (42), Vorsitzender der CSU im Stadtrat. Und: „Ich habe schon den Eindruck, dass sich die meisten Radler an das Verbot halten.“ 18 Stunden lang standen die Kontrolleure des Kreisverwaltungsreferats (KVR) im Juli und in der ersten Augustwoche am Marienplatz – Falschradler mussten in dieser Zeit insgesamt 7155 Euro Strafe zahlen.

„Das hat sehr viel gebracht“

Vor drei Jahren haben im Schnitt 8000 Radler pro Tag die Nord-Süd-Route über den Marienplatz genutzt. Die neue Fahrradhauptstraße führt vom Odeonsplatz über die Alfons-Goppel- und die Sparkassenstraße zum Viktualienmarkt. Schon bei der Planung waren Green City, der ADFC, die Grünen und etliche Rad- und Rikschafahrer gegen das Verbot. Und die Meinungen haben sich nicht geändert. Paul Bickelbacher (54) von den Grünen sagt: „Klar: Zu Stoßzeiten ist es ziemlich voll. Aber es ist frustrierend, ab 9 Uhr morgens nicht mehr radeln zu dürfen, während der Lieferverkehr noch um 11 Uhr munter über den Marienplatz fährt.“ Der Umweg über die Alfons-Goppel-Straße sei für Radler unzumutbar. „Da ist immer Liefer- und Busverkehr!“ Sein Kompromissvorschlag: „Zumindest die Radlzeit am Tag verlängern und Schrittgeschwindigkeit erlauben.“

So sehen’s Pedalritter, Fußgänger und Autofahrer

Fahren langsam

Wir haben schon letztens schlechte Erfahrungen mit dem Radeln durch die Füßgängerzone gemacht, da mussten wir Strafe ­zahlen… Es macht schon Sinn, die Straßen sind sehr voll. Aber wir sind ja geübt und können auch langsam fahren. Wir sind nur für zwei Stunden in München und würden gern so viel wie möglich sehen. Benjamin Drossel (33), ­Architekt, und Michele ­Rückert (28), Produkt­designerin aus Berlin

Jetzt viel mehr Chaos

Seitdem hier viel mehr Leute über den Viktualienmarkt radeln, muss man als Taxifahrer doppelt und dreifach aufpassen. Es ist doch eh schon chaotisch hier, und dazu kommen noch die Fahrradfahrer von allen Seiten angefahren. Sie sollten sich besser benehmen. Am Marienplatz wäre das Radln sinnvoller, da gibt es zumindest keine anderen Fahrzeuge. Freddy Castro, Taxifahrer aus München

Zu Stoßzeiten viel zu voll

Wir ertappen uns auch manchmal dabei, wie wir die ersten Meter über den Marienplatz mit dem Fahrrad fahren. Aber zu den Stoßzeiten sollte man das lassen, es ist einfach viel zu gefährlich. Ständig muss man ausweichen, der Stressfaktor ist viel zu groß. Nicole Richter (20), Studentin und Dominik Clausing (20), Auszubildender aus München

Mit Kindern viel zu gefährlich

Manchmal schimpfe ich Radlern hinterher – ich habe ein Kind im Kinderwagen und bin schwanger. Einige brausen hier gefährlich schnell durch. Wieso kann man nicht schieben? Oder soll ich mich dafür entschuldigen, im Weg zu stehen? Yvonne Müller (42) aus München.

Lesen Sie auch: Rikschafahrer einigen sich mit der Stadt

kab

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