Aufwendige Restauration

Theatinerkirche: Die Evangelisten sind wieder vereint

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Überlebensgroß: Neben Markus, Johannes und Lukas (v. li.), die der Hofbildhauer Balthasar Ableithner vor fast 350 Jahren geschaffen hat, steht seit Donnerstag die neue Statue des Evangelisten Matthäus in der Theatinerkirche. Die Chorschranke in ihrem Rücken ist bis heute ein Provisorium aus Holz und Styropor.

Zum ersten mal seit dem Zweiten Weltkrieg sind die kostbaren Statuen der Apostel in der Theatinerkirche wieder vollständig. Die Figur des Matthäus ist komplett rekonstruiert worden. 

München - Das Quartett der Evangelisten in der Theatinerkirche ist wieder komplett. Zum ersten Mal, seit ein Bombentreffer im Zweiten Weltkrieg den Chorraum des Gotteshauses am Odeonsplatz zertrümmerte, stehen Markus, Johannes, Lukas und Matthäus wieder vor der Chorschranke – überlebensgroße Holzfiguren, deren kunsthistorischer Wert gar nicht hoch genug einzuschätzen ist, wie Bayerns oberster Denkmalpfleger Mathias Pfeil schwärmt.

Mit der Wiedervereinigung, die dem Dominikanerpater und Kirchenrektor Paul Hellmeier wie eine Wiederauferstehung vorkommt, wagte die Kirchenstiftung St. Kajetan ein Experiment: Matthäus war bei dem Bombentreffer komplett zerstört worden. Zu den drei erhaltenen Figuren, geschaffen 1670 bis 1672 von Balthasar Ableithner, gesellt er sich als komplette Neuschöpfung. Doch als die 3,05 Meter hohe, gut 700 Kilogramm schwere Statue am Donnerstag auf ihrem Sockel stand, herrschte Einigkeit: Das Experiment ist gelungen.

Zufrieden: Bildhauer Gregor Prugger (li.) und Pater Paul Hellmeier vor dem neu geschaffenen Matthäus.

Mit vier Tonmodellen hatte sich der italienische Künstler Giuseppe Ducrot dem Thema angenähert, zuletzt eine gut zwei Meter hohe Tonfigur geschaffen. Deren Abguss war die Vorlage für den Südtiroler Holzbildhauer Gregor Prugger. Er schnitzte binnen sechs Monaten die Monumentalfigur aus einem einzigen Lindenholzblock. Lediglich der Engel, der an der Seite des Evangelisten steht, ist als separate Figur angesetzt.

„So groß hab’ ich noch nie gearbeitet“, sagt Prugger. „Das war eine echte Herausforderung. Wenn man nah dransteht, fehlt der Überblick.“ Unzählige Male sei er von der Arbeitsplattform herabgestiegen, um das Werk mit Abstand zu betrachten. Matthäus, so bescheinigt ihm Pfeil, sei als Werk der Gegenwart erkennbar, greife jedoch die barocke Formensprache auf und füge sich perfekt in das Ensemble.

Er bekommt noch eine marmorähnliche Fassung

Sechs Wochen lang muss sich Matthäus nun in der Theatinerkirche akklimatisieren, dann kann das Holz grundiert werden. Später sollen alle vier Evangelisten eine grauweiße, marmorähnliche Fassung bekommen. Prof. Erwin Emmerling vom TU-Lehrstuhl für Restaurierung erforscht derzeit noch, welchen Farbton die Figuren ursprünglich gezeigt haben. Rüdiger von Michaelis, der Vorsitzende der Bauer’schen Barockstiftung, die das Projekt mit einem sechsstelligen Betrag finanziert hat, ist begeistert – und hofft, dass es jetzt weitergeht.

Lukas, der zur Hälfte zerstört war, ist mit modernster Technik restauriert. Doch an Markus und Johannes, die den Bombentreffer fast unbeschadet überstanden haben, ist die Zeit nicht spurlos vorübergegangen. Ihr Holz hat tiefe Risse, manche Stellen sind abgeschlagen. „Wir sind in Vorleistung gegangen“, sagt von Michaelis. Nun sei die Kirche aufgerufen weiterzumachen.

Die Kirche braucht wieder eine würdige Chorschranke

Und zwar nicht nur mit der Restaurierung von Markus und Johannes. Noch wichtiger erscheint von Michaelis und Emmerling, dass die demnächst komplett sanierte Kirche – immerhin einer der europaweit bedeutendsten Sakralbauten des 17. Jahrhunderts – endlich wieder eine würdige Chorschranke erhält. Denn im Rücken der Figuren steht eine triste Sperrholzwand, die beiden Portale, die aus der Ferne Marmor suggerieren, sind aus Styropor. Der Chorraum dahinter, in dem sich die Dominikanermönche fünfmal täglich zum Gebet treffen, sei „eine Rumpelkammer“, sagt ein Insider.

Zuständig ist das Erzbistum, das die Neuordnung des Altarraums schon vor 15 Jahren als „unaufschiebbar“ bezeichnete. Zwei Lösungen wurden erarbeitet und wieder verworfen – zu groß waren die Meinungsverschiedenheiten darüber, ob man nun modern oder barock bauen solle. Eine dritte Lösung, so hofft Paul Hellmeier, solle alle zufriedenstellen. Er wolle das Ordinariat nicht drängen, betont der Dominikanerpater. Doch er könnte sich Matthäus als Wegweiser vorstellen: Eine Neuschöpfung in barocker Formensprache könne auch für die Altarschranke die Lösung sein.

Froh ist der Kirchenrektor, dass die Wiederauferstehung der Evangelisten ausgerechnet im Lutherjahr 2017 gelungen sei, in dem sich die Reformation zum 500. Mal jährt. Schließlich, so Hellmeier, seien die Evangelien „das, was uns verbindet“.

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