tz-Serie: Reiche Stadt - arme Stadt

Flüchtlingsbleibe: Drei Betten zu fünft

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Mama Arazu A. (42) lebt mit ihren vier Kindern Jassin (17), Somayeh (13, v.l.), Zahra (14) und Reza (9) in einer Zwei-Zimmer-Wohnung in der Müllerstraße. Die Familie floh aus Afghanistan.
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Mama Arazu A. lebt mit ihren vier Kindern Jassin (17), Somayeh (17), Zahra (14) und Reza (9) in einer Zwei-Zimmer-Wohnung in der Müllerstraße. Die Familie floh aus Afghanistan.
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Die Kinder teilen sich für Schulaufgaben einen Schreibtisch.
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Mama Arazu A. lebt mit ihren vier Kindern Jassin (17), Somayeh (17), Zahra (14) und Reza (9) in einer Zwei-Zimmer-Wohnung in der Müllerstraße. Die Familie floh aus Afghanistan.
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Mama Arazu A. lebt mit ihren vier Kindern Jassin (17), Somayeh (17), Zahra (14) und Reza (9) in einer Zwei-Zimmer-Wohnung in der Müllerstraße. Die Familie floh aus Afghanistan.
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Mama Arazu A. lebt mit ihren vier Kindern Jassin (17), Somayeh (17), Zahra (14) und Reza (9) in einer Zwei-Zimmer-Wohnung in der Müllerstraße. Die Familie floh aus Afghanistan.

München - Die tz hat sich in der Stadt umgesehen, wie unterschiedlich die Menschen hier wohnen. Heute gibt es einen Einblick unter anderem in die Wohnung einer Flüchtlingsfamilie.

München gilt als teuerste Stadt Deutschlands. Wer hier wohnen will, muss ganz schön was hinlegen: Mit einem Mietpreis von durchschnittlich 12,19 Euro bei Neuvermietungen erreicht die Landeshauptstadt den deutschen Spitzenwert! Für Neubauwohnungen zahlen Mieter im Schnitt sogar 15,70 Euro pro Quadratmeter. Das können sich nicht alle leisten. Der Mangel an bezahlbarem Wohnraum nimmt stetig zu. Seit 2008 hat sich der kommunale Bestand an Sozial- und Belegrechtswohnungen um 4000 reduziert, so dass die Stadt und ihre Wohnungsgesellschaften nur noch über die Belegung von zehn Prozent aller Münchner Mietwohnungen entscheiden können. Die tz hat sich in der Stadt umgesehen, wie unterschiedlich die Menschen hier wohnen.

Drei Betten zu fünft – aber endlich frei

Das Fenster, das den Blick zum benachbarten Luxus-Wohnturm The Seven freigibt, ist kaputt. Kalte Luft zieht herein. Unten auf der Müllerstraße albern die Partygäste vom Tanzclub Paradiso herum. Arazu A. (43) findet keinen Schlaf. Ihr Rücken schmerzt. Sie liegt auf dem Teppich im Wohnzimmer. Mit ihr schlafen noch drei ihrer Kinder (9, 13 und 14 Jahre) im selben Raum.

77 Quadratmeter, zwei Zimmer: Seit April wohnt die alleinerziehende Mutter aus Afghanistan mit vier Kindern in der Müllerstraße 6 mitten im Gärtnerplatzviertel. Die Adresse ist bekannt: Dieses Haus wurde vergangenes Jahr von als Gorillas verkleideten Künstlern und Sportlern vor dem Abriss gerettet. Die Familie ist froh darüber – trotz der bescheidenen Verhältnisse hier: „Zuvor sind wir fast zwei Jahre von Wohnheim zu Wohnheim gezogen, haben teils mit zehn Leuten in einem Raum geschlafen“, erzählt die Mutter. „Das ist unsere erste richtige Wohnung, die wir übers Wohnungsamt bekommen haben.“

Hinter der Familie liegt eine harte Zeit: Wegen des Krieges in ihrer Heimat Afghanistan flüchteten sie mit dem Vater in den Iran zu Freunden. „Aber dort wird man als Afghane schlecht behandelt.“ Arazu schießen Tränen in die Augen, als sie erzählt, welche tragischen Ausmaße der Rassismus dort angenommen hat: „Mein Mann hat auf der Baustelle in einem Hochhaus gearbeitet. Ein Kollege hat ihn vom Gerüst gestoßen und er ist gestorben. Und keiner hat sich darum geschert.“

Die Mutter entschließt sich dazu, mit den Söhnen nach Europa zu fliehen und die Töchter wegen der Gefahr erst später nachzuholen. Denn die Flucht wird eine Tortur: Mit dem Zug, dem Bus, dem Auto, mit dem Pferd, sogar zu Fuß geht es über hohe Berge. Drei Monate sind die drei mit Schleusern unterwegs, bis sie schließlich in München landen.

Erst jetzt in der neuen Wohnung – die Mädchen konnten mittlerweile mittels der Familienzusammenführung nachkommen – gibt es für die Familie wieder Hoffnung im Leben. „Alle meine Kinder dürfen hier zur Schule gehen, können sogar umsonst zum Tanzkurs oder in die Theatergruppe – endlich sind wir frei.“ Die Mutter engagiert sich im Flüchtlingsrat und hilft bei der Münchner Tafel mit. „Ich habe leider keinen Beruf gelernt. Aber ich lerne gerade besser Deutsch – und dann will ich unbedingt arbeiten.“

Arazu und ihre Kinder sind bescheiden, sie beschweren sich nicht über die jetzige Situation. Aber es reicht ein bloßer Blick in die Wohnung, dass die 1300 Euro Sozialhilfe bei Weitem nicht reichen. Die wenigen Möbel, die die Familie besitzt, kommen von einer Nachbarschaftshilfe und vom Gebrauchtwarenmarkt. Die vier Kinder haben nur einen Schreibtisch für alle, für fünf Personen gibt’s drei Betten. Kein Fernseher, kein Radio, keine Wohnzimmermöbel. Der älteste Sohn Jassin (17) erzählt: „Für Möbel haben wir kein Geld. Wir haben nur 25 Euro pro Tag, die für Essen und Kleidung für alle draufgehen, obwohl ich nur im Discounter einkaufe und zur Tafel gehe.“

Christina Meyer und Nina Bautz

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