Denkmalschützer warnt

Glas und Alu statt Barock: Verliert die Altstadt ihr Gesicht?

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Denkmalschützer Dr. Markus Hundemer schlägt Alarm. Verliert die Altstadt ihr Gesicht? Wir zeigen positive und negative Beispiele.
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Stadtmuseum und Dultstraße: Das Stadtmuseum am St. Jakobsplatz ist der letzte spätgotische Bau am Oberanger. Dr. Markus Hundemer: „Das ist das einzige Gebäude, das dem Viertel noch Identität gibt.“ Umso drastischer sind die Kontraste zu den Glas- und Betonfassaden an der Ecke Oberanger / Dultstraße im Hintergrund.
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Dabei standen hier bis zum Krieg Bauten aus dem Mittelalter oder dem 19. Jahrhundert. Hundemer: „Obwohl die Schäden nicht so gravierend waren, wurde das Eckhaus abgerissen.“
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Schmidstraße / Oberanger: Was war die Ecke Oberanger / Schmidstraße vor dem Weltkrieg für ein mittelalterliches Idyll: der „Ohrwaschl“ genannte Krangiebel, an dem einst Ware unter das Dach gehievt wurde, oder das für München typische Pultdach.
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Dr. Hundemer: „Der Neubau mit der rhythmisierenden Natursteinfassade links sowie der monumentale Bau mit seiner schlichten Lochfassade passen nicht in das Denkmal-Ensemble Altstadt. Die Proportionen sind total überdimensioniert, das zerschießt die historischen Dimensionen völlig.“
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Damenstiftstraße 6: Ein Investor hat jüngst das denkmalgeschützte, rund 200 Jahre alte Bürgerhaus in eine Nobelresidenz für Hochbetuchte umgebaut. Während der Altbau vor der Sanierung gar keine Dachfenster zur Straße hin hatte, ragen nun sieben völlig überdimensionierte Dachgauben fast bis an die Dachrinne hervor. Dr. Hundemer: „Diese massiven Kastengauben erdrücken die Fassade völlig. Es ist umso trauriger, dass hier eine Fassade, die den Krieg überstanden hat, ihre Wirkung verliert.“
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Auch die historischen Nachbargebäude würden stark beeinträchtigt, dabei ist der linke Nachbarbau das Palais Lerchenfeld, eines der bedeutendsten Rokoko-Gebäude der Stadt.
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Der Löwenturm am Rindermarkt: Welche Funktion der gotische Löwenturm am Rindermarkt einst hatte, darüber streiten sich die Gelehrten. Dr. Hundemer glaubt: „Es dürfte ein Geschlechterturm gewesen sein, wie sie auch in Regensburg nach italienischem Vorbild im Mittelalter entstanden sind.“ Vor dem zweiten Weltkrieg war der Turm links und rechts eingebaut, nach dem Krieg schmiegte sich die „Löwenturm-Passage“ mit einem Flachbau zum Rindermarkt hin an das historische Bauwerk.

München - Glas und Alu statt Barock? Denkmalschützer schlagen Alarm und befürchten, dass die Altstadt ihr Gesicht verliert. Wir zeigen positive und negative Beispiele.

Wenn Dr. Markus Hundemer (55) durch die Innenstadt geht, schaudert’s ihn vor Grauen. Glas und Aluminium statt Barockgiebel und Holzfenster! Hundemer ist Vize der Altstadt-CSU und Denkmalschützer im Landesamt. Als Politiker warnt der Kunsthistoriker: „Die Münchner Altstadt ist dabei, ihr Gesicht zu verlieren.“ Am Montag diskutierte Hundemer, der für den Bezirkausschuss Altstadt-Lehel kandidiert, mit dem Stadtheimatpfleger Gert F. Goer­gens und Peter Arnold vom Münchner Forum über das Erscheinungsbild der Altstadt.

Hundemer: „Was wir in unserer historisch gewachsenen Altstadt auf Schritt und Tritt erleben, sind Brüche der modernen Bebauung mit dem alten Bestand, die das Denkmalschutzgesetz eigentlich verbietet.“ Nach dem Krieg habe man versucht, vor allem die prominenten Baudenkmäler wie Dom oder Rathaus wiederherzustellen, die Neubauten nahmen Rücksicht auf die Baudenkmäler.

Erst Ende der 60er-Jahre habe die Wende eingesetzt – etwa als für den Kaufhof am Marienplatz der Jugendstilbau des Kaufhauses Roman Mayr weichen musste. Hundemer: „Unter den Stadtbauräten Uli Zech über Christiane Thalgott bis Elisabeth Merk war es fast schon ein Muss, einen ,Bruch‘ in der Altstadt zu setzen, um eine vermeintliche Zugehörigkeit zur heutigen Zeit herzustellen.“ Man glaubte, wenn man in der Altstadt mit einer Veränderung, (mit anderem Material, anderen Formen und anderen Proportionen) baue, sei man zeitgemäß.

Hundemer: „Es hieß offiziell in Wettbewerbsausschreibungen zwar, dass Tradition und Moderne in der Altstadt auch zukünftig zu vereinen seien und sich neue Strukturen behutsam in die gewachsene Umgebung integrieren müssten. Das klingt zunächst gut – es bedeutete aber in der Praxis, dass fast ausschließlich Gebäude herauskamen, die so im Ensemble der Münchner Altstadt überhaupt nichts verloren haben.“ Hundemer mahnt: „Die Architektur prägt den Menschen. Die bauliche und gestalterische Qualität ist nicht nur eine Frage der Tourismusförderung, sondern auch eine politisch-ethische.“

Im Planungsreferat kann man die Vorwürfe Hundemers nicht nachvollziehen: „Unser Engagement im Denkmalschutz ist hoch, auch wenn die Verwertungsinteressen in der Innenstadt enorm sind.“

Johannes Welte

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