"Innenstadt verliert ihr charakteristisches Bild"

Wirbel um Investoren-Plan: Was wird aus dem Hettlage-Haus?

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Peter Arnold vom Forum München ist alarmiert. Er befürchtet massive Eingriffe in den Bau.

München - Die Signa Holding will den Häuserkomplex des einstigen Hettlage und der Alte Akademie umgestalten. Was die Investoren wünschen, ist unvereinbar mit den Vorstellungen des Denkmalschutzes.

Rätselraten in der Fußgängerzone: Es geht um den riesigen Häuserkomplex des einstigen Hettlage und der Alte Akademie. Im Dezember 2013 wurde das Anwesen auf 65 Jahre an die Signa Holding des österreichischen Immobilien-Unternehmers René Benko vergeben. Und die will das einstige Jesuiten-Kolleg in einen Einkaufs-, Büro und Wohntempel umwandeln. Aber: Was die Investoren wünschen, ist unvereinbar mit den Vorstellungen des Denkmalschutzes. Am 11.11. will das Planungsreferat den Stadtrat und die Bevölkerung informieren, wie es mit dem Bauensemble weitergehen soll.

Die Signa soll dem Freistaat 240 Millionen Euro für 30.000 Quadratmeter Nutzfläche in allerbester Lage bezahlt haben. Klar, dass der Konzern möglichst viel aus der Bausubstanz herausholen will. Die Fassaden an der Neuhauser Straße sind allerdings denkmalgeschützt: Die Renaissance-Wände des ehemaligen Landesamtes für Statistik sind noch original von 1576 wurden nach dem Zweiten Weltkrieg rekonstruiert. Unantastbar also – darüber scheint man einig zu sein.

Doch auch der 1953 bis 1955 nach Plänen des Architekten Josef Wiedemann errichtete Hettlage-Kaufhaus-Bau steht unter Denkmalschutz – auch wenn das viele nicht glauben können. Das bayerische Landesamt für Denkmalpflege begründet’s so: „Das Gebäude ist architektonisch und künstlerisch eine der herausragenden Leistungen der 50er-Jahre innerhalb der Altstadt.“

Unternehmer René Benko.

Der Erhalt des Hettlage-Baus bremst die Investoren aus, für die der britische Star-Architekten David Chipperfield beauftragt ist. Wenn sie schon den Bau nicht abreißen dürfen, wollen sie zumindest die Arkade vor dem Hettlage schließen. So vergrößert man die Verkaufsflächen im Inneren. „Da gibt es heftige Auseinandersetzungen“, so Rathausfraktionschef Alexander Reissl (SPD). Auch CSU-Planungsexperte Walter Zöller spricht von „Differenzen“ mit dem Denkmalschutz.

Das gilt auch für die Balkone, die die Sigma im Schmuckhof des ehemaligen Statistischen Landesamtes Balkone anbringen will, um die geplanten Wohnungen ertragsreich aufzupeppen. Der Hof soll künftig übrigens für alle begehbar sein.

Wie es nun weitergeht, soll ein Realisierungswettbewerb klären, in dem Architekten ihre Vorschläge für Umgestaltung des Areals einbringen können.

Peter Arnold vom Münchner Forum ist alarmiert: „Der Denkmalschutz ist bei solchen Großprojekten erfahrungsgemäß Verhandlungssache.“ Er befürchtet einen „Hybrid-Bau“, der das altehrwürdige Jesuitenkloster entstellt, das einst die Zentrale der Gegenreformation im Raum nördlich der Alpen war.

Der Bezirks­ausschuss-Vize Wolfgang Püschel (SPD) sieht dafür auch schon ein Negativ-Beispiel: „Der Alte Hof war auch eine historische Immobilie, die der Freistaat verkauft hat.“ Und über den lässt sich streiten.

Arnold warnt vor dem Benko-Projekt: „Die Innenstadt verliert ihr charakteristisches Bild, das auf einer historischem Entwicklung basiert. Eine Innenstadt darf nicht nur aus einer Anhäufung von Verkaufsflächen bestehen.“

Arnold befürchtet ein Überangebot an Einzelhandels-Immobilien. „Der Handel verliert sowieso schon viel Umsatz durch den E-Commerce. Es drohen Leerstände oder Ein-Euro-Shops.“

tz-Stichwort: Alte Akademie

Der Kupferstich zeigt, wie der Gebäudekomplex um 1700 aussah. Hinter der Renaissance-Fassade war ursprünglich das Jesuiten-Kolleg beheimatet. Nach deren Verbot im Jahr 1773 zog hier das Bayerische Kadettenkorps ein. Der Bau beherbergte dann u. a. die Bayerische Akademie der Wissenschaften und der Schönen Künste sowie die LMU.

J. Welte

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