Umwelthilfe gewinnt Prozess um Diesel-Fahrverbot in Stuttgart

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Doppelzimmer mit Frühstück

So können Sie für 35 € in der Maximilianstraße übernachten

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Mitten auf dem Max-Joseph-Platz vor der Staatsoper steht diese Erdhütte.

München - Matthias Lilienthal (55) beginnt seine Intendanz an den Kammerspielen mit einem Paukenschlag: seinem Konzept Shabbyshabby Apartments (zu Deutsch: doppelt schäbige Apartments) und weist damit ebenso witzig wie nachdenklich auf den Miet-Wahnsinn hin.

Für Sie bedeutet das: Sie können ab Samstag einen Monat lang an 22 Stellen in freier Stadt-Wildbahn übernachten. Denn 120 Studenten haben hier in der vergangenen Woche ganz individuelle Quartiere gebaut. In einigen hat sich die tz umgeschaut und stellt sie und ihre Künstler hier näher vor.

Der Clou: Eine Übernachtung (von 12.09. – 13.10.) kostet für zwei Personen 35 Euro inklusive Frühstück (Kantine der Kammerspiele). Die nagelneuen Ikea-Matratzen garantieren Wohlfühlen. Info-Tel. 089/23 39 66 00, Tickets an der Kammerspiele-Tageskasse.

Hier schlafen Sie im Brunnen

Die Münchner Architekten Julian von der Schulenburg (36, l.) und Philipp Dettmer (37) laden zum Übernachten in den Fortunabrunnen am Isartor. Die Göttin des Glücks wird dabei von rund einer Tonne Holz umbaut und überdacht, der Durchmesser Ihres Quartiers beträgt rund 6,5 Meter. Eine Woche haben die beiden gewerkelt. Lampen, Bücher, Ablagen gehören nebst Bett dazu. Schulenburg: „Ich finde das Projekt surreal. Wann schläft man schon im Brunnen?“

Wildwuchs auf der toten Insel

Viermal musste ein 7,5-Tonner anrücken, um das Geäst vors Isartor zu schaffen: Besenkammer nennen Simon Kienbauer (25, l.) und Florian Hofer (22) ihren Beitrag, der Entwurf stammt von Fabian Puttinger. „Der Duft des Grüns verteilt sich im Zelt, oben ist eine Folie, damit man in den ­Himmel schauen kann. Wir wollen diesen total ignorierten Raum aufwerten“, sagt das Duo.

Das Nobel-Hotel ist gegenüber

Die Nobel-Meile Maximilianstraße wird in einer Parkbucht aus den Angeln gehoben. Möglich machen’s Josepha Krüger (24, l.) und ihre zwei Kolleginnen mit ihrem Projekt Zur Feinsten Seide am Vier Jahreszeiten. „Unser Apartment ist 15 qm groß und aus Altkleidern. Wir wollen gegen den Konsumwahn ein Zeichen setzen“, so Krüger. Eine Schicht Kleider, dann eine Regenschutz-Plane, darüber nochmal eine Kleiderplane. Das Gerüst steht auf mit Ton ausgegossenen Gummistiefeln.

Die kuschelige Baustelle

Die Münchner Architektin Regina ­Baierl hat aus der Baustellen-Not – in diesem Jahr gibt es in der Stadt etwa 600 Stück – eine Tugend gemacht: Wo auf Höhe der Staatsoper die ­Maximilianstraße hässlich verhüllt ist, lädt sie über einen begehbaren Schrank und Leiter in ein wahres oberirdisches Idyll. Die Bilder und Fotografien sind aus verschiedensten Nachlässen. Eine exklusivere Lage ist nicht denkbar …

Ächzen im krummen Isartor

Das Isartor macht dem Team um Sebastian ­Moik (30, 2.v.l.) zu schaffen: „Es ist krumm, der Untergrund schief, das Gemäuer porös“, sagt Moik. Zum Einpassen der Holzwände und Öffnungen eine Herausforderung. Und auch, den Platz von Motorrädern frei zu kriegen – da half die Polizei. Zwei Doppelbetten und drei Stockwerke sorgen für ritterliche Gefühle.

 

Ein Zelt vor der Oper

Wenn’s nicht regnet, muss das Dach von Wolfgang P. Kastners Beitrag täglich gegossen werden. Mitten auf dem Max-Joseph-Platz vor der Staatsoper steht diese Erdhütte, in der die Kammerspiele-Praktikantin Lisa Deml (22) schon mal probeliegt. Fazit: „Sehr gemütlich.“ Kastners Idee: Er erinnert an die Arbeiter, die dieses Nobel-Eck im 19. Jahrhundert erbauten – sie mussten in derartigen Behausungen leben.

U-Boot ahoi auf der Insel!

Das Trio von der Yellow Submarine ist Kurt Cleary, Laura Petruskeviciute und Paulina Naruseviciute (alle 25, v.r.). Sie sind aus Glasgow in Schottland. Klar, dass dieser fast völlig von Wasser umgebene und beregnete Staat prägt. Ihr Apartment besteht aus 16 quietschgelb gestrichenen Badewannen, und Bullaugen sorgen für einen Blick ins Freie. Ein Periskop ist inklusive. Ort: die Schwindinsel nahe der Maximiliansbrücke.

Hier spricht der neue Intendant

Und wie ist München so im Vergleich zu Berlin? Viel zu ruhig? „Überhaupt nicht!“, ruft der Berliner Matthias Lilienthal, „München ist eine aufregende Großstadt! Und an der Isar ist der Teufel los“, fügt er verschmitzt hinzu.

Der neue Kammerspiele-Intendant (55) setzt mit seinem Shabbyshabby Apartments („shabby“ heißt so viel wie schäbig, d. Red.) einen ebenso pointierten Kontrapunkt zum Münchner Miet- und Wohnwahnsinn. Unser Interview:

Herr Lilienthal, was zahlen Sie eigentlich für Ihre Wohnung?

Matthias Lilienthal: Ich wohne im vierten Stock über dem Baader Café im Glockenbachviertel und zahle für 67 Quadratmeter 1480 Euro warm. Die Wohnung ist pinsel­saniert, die Elektrik auf dem Stand der 50er-Jahre. Aber: Ich habe in München 50 Wohnungen angeguckt, und diese war mit Abstand das beste Angebot. Und das, wo man als Kammerspiele-Intendant von den Vermietern doch eher freundlich behandelt wird …
Sie hätten halt Fußballer werden müssen …
Lilienthal: Stimmt. Gegenüber meiner Wohnung baut gerade ein bekannter Profi.

Mit dem Miet-Wahnsinn in München sind Sie zum Start gleich auf der richtigen Spur.

Lilienthal: Ich bin ein kleines Trüffelschwein und will die Themen der Stadt behandeln. Im Moment entstehen 6000 neue Wohnungen, 35 000 Menschen ziehen her. Dazu durch die Flüchtlings­krise ungefähr zusätzlich 30 000. Das heißt: Der Mietmarkt wird noch stärker überhitzt. Heute kostet der Quadratmeter 20 Euro, in einem Jahr 22, in zwei 24 Euro. Dann ist endgültig die Schmerzgrenze überschritten.

Und was kann man Ihrer Meinung nach gegen diesen Trend tun?

Lilienthal: Mehr Wohnungen bauen. Und die Zweitwohnungssteuer deutlich erhöhen. Wenn man auf jede Wohnung monatlich 500 oder 1000 Euro draufschlägt, dann rechnet sich das für den Mieter nicht mehr.

Es sei denn, er ist Scheich.

Lilienthal: Einem Scheich ist das egal, aber der ist ja nicht der typische Münchner Mieter.

Was schätzen Sie an der Stadt?

Lilienthal: Zum Beispiel, dass sich hier in den Kneipen alles mischt. Im Fraunhofer etwa sitzen alle Schichten beieinander. In Berlin hatte jede Subkultur ihre eigene Nische. Oder dass in München ein Bündnis verschiedenster Menschen für Geflüchtete – Bellevue di Monaco – geschmiedet werden kann, in dem so Leute wie Kabarettisten, Till Hofmann, Mehmet Scholl und ich sitzen. So etwas wäre in Berlin nicht möglich. Und: Man kann hier viel besser Gespräche führen, wenn man sich schon ein bisschen kennt.

Ihr Lieblingsplatz?

Lilienthal: Das Baader Café. Und die Isar, wenn ich mich in einer lauen Sommernacht reinstelle und ein Weißbier trinke.

Wenn Ihre Intendanz in fünf Jahren rum ist: Was wollen Sie erreicht haben?

Lilienthal: Dass das Publikum altersmäßig wild gemischt ist und sich auf viele neue Ideen einlässt. Und ich bin nur glücklich, wenn das Haus voll ist.

Er ist Künstlerischer Leiter der Aktion

BenjaminFoerster-Baldenius (47) ist Architekt und leitet die Aktion. Hier sitzt er auf dem Marstallplatz-Camp in einer voll funktionsfähigen Sauna, dahinter gibt’s Duschen und Wasserspiele. Die Künstler können hier auch ihre Mahlzeiten einnehmen. Das Projekt kostet 250 000 Euro, das Material stammt zu 80 Prozent aus Alt-Inszenierungen der Kammerspiele. Am Samstag gibt’s hier Musik und Bar.

M. Bieber

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