Keine Bleibe im gleichen Viertel

Wohnungsnot im Lehel: Politiker muss Bezirksausschuss verlassen

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Der Lauf der Dinge: Nach seinem Abschied aus dem Stadtbezirk darf Norbert Weigler nicht mehr im Bezirksausschuss ran.

Die Mietpreise im Lehel sind rapide gestiegen. Das hat auch der pensionierte Lehrer Norbert Weigler festgestellt - und muss in der Folge aus dem Bezirksausschuss weichen.

Norbert Weigler (65) ist seit kurzem pensionierter Lehrer - eigentlich hat er sich auf den Ruhestand gefreut. Wenn er nur gewusst hätte, was da alles auf ihn zukommt... Nämlich eher ein erzwungener Unruhestand! Weigler steckt gerade mitten im Umzug. Unfreiwillig. Gekündigt wegen Eigenbedarf. „26 Jahre habe ich an der Knöbelstraße im Lehel gelebt und war hier stark verwurzelt. Es tut weh, hier aus meiner gewohnten Umgebung wegziehen zu müssen“, sagt Weigler. 

Dieser Umzug ist auch der Ausgangspunkt einer Kettenraktion: Weil Weigler keine andere bezahlbare Wohnung in seinem Viertel Altstadt/Lehel fand, dort nicht arbeitet und gerade nach Giesing zieht, muss er Ende März auch seinen Posten als Mitglied des Bezirksausschusses (BA) räumen. So wollen es die Regeln (siehe unten). Der Stadtteilpolitiker saß seit 2003 für die Grünen im BA Altstadt/Lehel, ist aktuell noch zweiter stellvertretender Vorsitzender. Aber damit ist dann jetzt Schluss... 

Mieten in München: Preise steigen weiter - die Zahlen für Ihr Viertel

„Meine Frau und ich haben schon immer damit gerechnet, dass die Tochter unseres Vermieters wieder nach München ziehen könnte. Aber dass es so schnell geht, hätten wir nicht gedacht“, sagt Weigler, dessen Frau als Kunsterzieherin am Asam-Gymnasium arbeitet. Seine Vermieter kritisiert Weigler nicht. „Sie sind gute Freunde. So etwas kann schon vorkommen, dafür hat man ja Eigentum. Und sie haben uns wirklich viel Zeit gegeben, eine neue Wohnung zu finden. Wir hätten sogar noch länger suchen dürfen“, sagt er und erzählt von den Angeboten, die er bekam, als er kurz nach der Kündigung zu suchen begann. Im Laufe der Monate setzte Weigler alles in Bewegung: Freunde, Bekannte, Verwandte...

2000 Euro kalt für über 100 qm? Preise im Lehel explodieren

Alle suchten für ihn. Vergeblich. Die einzigen Wohnungsangebote sprengten sein Budget. „Ich hatte an der Knöbelstraße 120 Quadratmeter und zahlte dort 1460 Euro kalt. Mit diesem Budget dachte ich mir: Da wird sich doch was finden lassen“, sagt Weigler. Aber er traute seinen Augen kaum: Für ähnliche Wohnungen riefen die Vermieter Preise von etwa 2000 Euro kalt auf. Das wollte und konnte sich Weigler nicht leisten. „Schließlich verdient man ja auch deutlich weniger, wenn man in Pension ist“, sagt er. 

Also suchte er auch in anderen Stadtteilen, bis er seine neue Wohnung an der Giesinger Latemarstraße fand. Vier Zimmer plus Küche, das hört sich üppig an, doch wenn Weigler vom Alltag erzählt, ist es nachvollziehbar: „Meine Frau ist als Lehrerin noch aktiv, jeden Tag. Korrektur, Unterrichtsvorbereitung, Bürokratie… Sie muss auch zu Hause sehr viel arbeiten, also braucht sie ein Arbeitszimmer. Und mein Sohn studiert derzeit in Wien. In den Semesterferien in München braucht er ein Zimmer.“ 

Also der Umzug und damit der Abschied aus dem Altstadt-BA. Fragt sich, ob es für Weigler eine Zukunft in der Stadtteil-Politik geben wird - nur eben in Giesing? 2020 ist die nächste Bezirksausschusswahl: Wird Weigler dann antreten? Er selber sagt, er könne es sich aktuell zwar nicht vorstellen, aber wer weiß…? Denn, so meint Weigler: „Auch Horst Seehofer übernimmt im Alter von 68 noch einen neuen Posten...“ 

Laut einer Studie von September 2017 ist die Au Münchens gefräßigstes Viertel. Jedem seiner Haushalte knabbert es im Monat satte 41 Prozent des Einkommens weg.

Das ist die Rechtslage im Bezirksausschuss

25 Stadtbezirke und somit 25 Bezirksausschüsse gibt es in München. Die Stadtteilpolitiker werden direkt von den Bürgern gewählt. Der Bezirksausschuss entscheidet etwa, wie Straßen, Plätze oder Sportplätze gestaltet werden. Er kümmert sich auch um das Kulturprogramm im Stadtteil und entscheidet, wo Wochenmärkte eingerichtet werden oder pflegt die Stadtteilgeschichte. Der Fall von Norbert Weigler wirkt kurios, ist aber rechtlich völlig korrekt. Das kommunale Wahlrecht sieht vor: Bezirksausschuss-Mitglied darf nur sein, wer in dem entsprechenden Bezirk arbeitet oder wohnt.

Die besten und wichtigsten Geschichten aus diesem Teil Münchens posten wir auch auf der Facebook-Seite „Altstadt/Lehel – mein Viertel“.

H. Ince

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