Zukunft für Tradition

Friseur rettet Schuhmacher

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Günter Wagner an der Nähmaschine

München - Das Projekt wurde aus der Not geboren. Schuhmacher Wagner verdankt seine Existenz einem Besuch beim Friseur. Mit einem völlig neuen Ladenkonzept erobert er München.

Auf seinen Streifzügen durch die Heimatstadt befällt den Münchner Friseur Stefan Eibl (46) zuweilen Unbehagen. Da läuft er vorbei an den Glitzerpalästen und Mega-Stores, den mehrstöckigen Modeketten, Drogeriemärkten und Geiz-ist-geil-Paradiesen. Alles so groß, so edel, so angesagt und immer ganz im Trend der Zeit. Aber irgendwie auch so austauschbar …

Das Preisdiktat der Ketten macht immer mehr Münchner Traditionsgeschäften den Garaus (siehe unten). Was Eibl traurig stimmt: „Mit jedem dieser großen Namen stirbt ein Stück des alten München, das die Stadt unverwechselbar machte.“ Wehe dem, der den Anschluss an den Zeitgeist verpasst. Eibl weiß, wovon er redet. Er stand selbst schon finanziell mit dem Rücken an der Wand und weiß, „dass nur ein radikaler Schnitt ein aus der Mode gekommenes Projekt retten kann“.

An genau diesem Punkt war vor einem Jahr auch das ehemalige Gesundschuhhaus Wagner (Am Einlaß 1/Ecke Blumenstraße) schräg gegenüber der Schrannenhalle – ein Betrieb mit 135-jähriger Familien­tradition, nun betrieben von den Geschwistern Karin Nowack (44), Günter Wagner (52) und dessen Sohn Maximilian (20). Viele alte Stammkunden waren gestorben, die Kunden mittleren Alters kamen zu selten, die Jungen gar nicht mehr. Bei einem Besuch in Eibls Friseurladen Authentic Kopfraum (Josephspitalstraße 2) klagte Karin Nowack dem Friseur ihr Leid. Und so wurde aus dem Friseur Eibl über Nacht der Traditionsretter Stefan, der den Wagners in alter Freundschaft unter die Arme griff. Und ihnen ein völlig neues Ladenkonzept entwarf.

Der Laden wurde rigoros umgebaut, ein Ausverkauf der grau-beige-braunen Ladenhüter begann. Ein Jahr danach präsentiert sich das neue Wagner’s nun im neuen Design mit Modellen für alle Generationen, die schöne Schuhe ohne qualvolle Experimente für die Füße tragen möchten. So chic, dass selbst der Münchner Design-Guide schon anklopfte. Die Stars der Saison sind gerade Brokatstiefel nach alten Mustern. Zudem führt das Wagner’s als einziges Schuhhaus in München die Modelle des kalifornischen Labels Cydwoq. Ein radikaler Einschnitt, der nicht ohne Schmerzen vonstatten ging. Und doch ist die Familie heute froh, den Schritt gewagt zu haben: „Es war für alle eine große Umgewöhnung. Doch jetzt kommen neue Kunden, sogar aus den USA. Es geht aufwärts.“

Seine schöne Werkstatt mit der alten Nähmaschine hat Wagner natürlich behalten. So ist er gelungen – der Brückenschlag zwischen Neu und Alt. Und der Traditionsretter? Der ist stolz und per Mail ansprechbar für neue Projekte unter authentic­kopfraum@gmx.de.

Hier starb die Tradition

Feines Porzellan gab’s bei der Familie Kuchenreuther in der Sonnenstraße. Zuletzt blieb aber die Kundschaft aus. Nach 60 Jahren schloss das Porzellangeschäft Ende August 2013 für immer.

Dem berühmten Laden „Eisenwaren Josef Forster“ am Rotkreuzplatz trauern noch heute viele Kunden nach. Dort konnte man noch Schrauben einzeln kaufen. 2008 rollten die Bagger an, heute steht hier ein Geschäftskomplex.

Luis Trenker kaufte hier seine Blumen, ebenso der große Clown Charlie Rivel, Schauspielerin Rosel Zech oder Gunter Sachs: Nach 97 Jahren musste das Blumenhaus Wittelsbach am Lenbachplatz an Ostern 2013 trotzdem schließen – mangels Nachfolger.

Im Hutladen Zehme in der Residenzstraße hat einst sogar Karl Valentin eingekauft. Nach 179 Jahren schloss das Geschäft zum 1. Februar 2013. Dort gibt’s jetzt Luxusmode von Prada.

Einst war er der König der Pelze, doch die Umsätze sanken und die Kosten stiegen. Im April 2010 war Schluss für das Pelzunternehmen Rieger.

Der Mietvertrag lief aus. Eine Verlängerung konnte sich das Traditionsgeschäft Hettlage in der Neuhauser Straße nicht mehr leisten. Am 31. März 2010 schloss das Haus seine Pforten.

Der Name Maendler stand für Qualität und Tradition – bis dem Modehaus in der Theatinerstraße der Mietvertrag gekündigt wurde. Im April 2012 war Schluss. Seit Oktober 2012 befindet sich dort ein Laden der Modekette Mango.

Dorita Plange

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