In München nicht in Sicherheit

Amidou floh aus Todesangst - doch der Schwulenhass holt ihn ein

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Amidou am Hauptbahnhof - und immer noch nicht in Sicherheit.

München - Homosexuelle Flüchtlinge wie Amidou (Name geändert) können der Angst auch in München nicht entkommen. Sie werden von Landsleuten bedroht und angefeindet. Die Stadt plant nun Schutzräume.

Es sind Menschen wie Amidou (Name geändert) aus Sierra Leone, die geschützt werden sollen. Amidou ist schwul. „Mein Leben war in großer Gefahr“, sagt der 30-Jährige mit sanfter Stimme. „Aber jetzt habe ich keine Angst mehr. Jetzt bin ich bereit, über alles zu reden.“ Amidou wirkt ruhig. Was wirklich in ihm vorgeht, lässt sich nur erahnen. „Ich habe in meinem Leben viele schreckliche Dinge gesehen“, sagt er leise.

In der Münchner Erstaufnahmeeinrichtung, erzählt Amidou, sei er regelmäßig von Flüchtlingen bedroht worden. Eine Gruppe homophober Afrikaner habe immer wieder zu ihm gesagt: „Du hast Glück, dass wir hier in Deutschland sind – zu Hause hätten wir dich längst getötet.“ Keine leeren Worte, sagt Amidou. „In meinem Land greifen sie dich auf der Straße an, wenn sie wissen, dass du schwul bist. Dort gibt es keine Polizisten, die dir helfen.“

Bis zu fünf Wohngemeinschaften will das Sozialreferat für Betroffene wie Amidou einrichten – schwule, lesbische, bisexuelle und Transgender-Flüchtlinge. Drei davon seien bereits in Renovierung und stünden zeitnah zur Verfügung, erläutert Sozialreferentin Dorothee Schiwy.

In seiner Heimat stand mit dem Blut seines Freundes an der Wand: „Du bist der nächste“

Die Adressen bleiben geheim – um die Bewohner zu schützen. Mit im Boot sind das Schwulen-Kommunikationszentrum Sub und die lesbische Beratungsstelle LeTra. Die Unterkünfte werden speziell an den Bedürfnissen der Betroffenen ausgerichtet. Während ihres Asylverfahrens müssen sie nicht erst in große Gemischtunterkünfte, sondern können gleich in die Schutzhäuser.

Bei seiner Flucht aus Freetown, der Hauptstadt Sierra Leones, sei es für ihn um Leben und Tod gegangen, erzählt Amidou. „Einen Freund von mir hatten sie bereits ermordet. In der Nacht, als er getötet wurde, war ich nicht zu Hause. Ich war in einem Club und kam erst morgens zurück.“ Damals ging Amidou regelmäßig in Diskotheken, um sich zu prostituieren. „Aus Armut“, sagt er. Als er an jenem Morgen zurückkam, hatte jemand bei ihm eingebrochen. „Das Fenster war kaputt. Innen stand mit Blut an die Wand geschrieben: Du bist der Nächste.“ Dass sein Freund da schon tot war, erfuhr er erst später. „Man hatte ihn wegen seiner Sexualität auf offener Straße totgeschlagen.“

Auch in München fand Amidous Martyrium kein Ende. In der Erstaufnahmeeinrichtung hätten ihn täglich homophobe Flüchtlinge drangsaliert. „Sie haben mich wertlos genannt, mich immerzu beschimpft und beleidigt. Sie waren aggressiv, wollten mich verprügeln.“ Er habe Angst gehabt, allein auf die Toilette zu gehen. „Ich habe einem Sicherheitsdienst-Mitarbeiter davon erzählt. Er meinte, ich solle geduldig sein, ich würde bald in eine andere Unterkunft verlegt.“ Tatsächlich kam Amidou kurz darauf ins Asylbewerberheim Böbrach. Seine Situation verbesserte sich nicht.

Viele fliehen auch, weil ihr Lebenspartner in ihrer Heimat bereits getötet wurde

Christopher Knoll vom Sub kennt die Problematik. Er spricht regelmäßig mit homosexuellen Asylbewerbern, die in ihren Unterkünften leiden. Drei Viertel davon kommen aus afrikanischen Staaten. Knoll erklärt: „Viele kommen hierher, weil sie in Afrika als Schwule verfolgt wurden. Wir haben Klienten, deren Lebenspartner deswegen ermordet wurden. Und genau diese Menschen kommen hier in ein Lager, wo sie mit Homophoben untergebracht sind. Sie haben den Feind im eigenen Zimmer liegen.“ Ein Großteil seiner Klienten sei hochgradig traumatisiert. „Das trifft natürlich auf viele Flüchtlinge zu. Aber schwule Männer haben den Grund für ihr Trauma oft im Bett neben sich liegen.“

Amidous Psyche hat gelitten. Während seiner Zeit in Böbrach habe er immer wieder Blackouts gehabt, erzählt er. „Eines Nachts bin ich aufgewacht und hatte ein Messer in der Hand.“ Ohne es bewusst zu erleben, habe er sich selbst Verletzungen zugefügt. „Ich habe eine Stimme gehört, die mir Befehle erteilte. Es klang wie die Stimme meiner verstorbenen Mutter.“

Amidou kam für zwei Wochen in ein Krankenhaus, wurde dann ins Flüchtlingslager Wallersdorf verlegt. Mit seiner Mutter verbindet Amidou schmerzhafte Erinnerungen. Er stamme aus einer sehr christlichen Familie, deshalb sei diese gegen seine Homosexualität gewesen. „In Sierra Leone habe ich mit meiner Mutter und meinem Bruder zusammengewohnt. Als sie erfuhr, dass ich schwul bin, hat sie mich aus dem Haus geworfen. Auf die Straße. Ich habe Leute angebettelt, bei ihnen schlafen zu dürfen. Erst, als meine Mutter gestorben war, konnte ich wieder bei meinem Bruder einziehen.“

Die Stimme seiner Mutter, die ihn rauswarf, hört er nachts immer noch

Amidou führt das Verhalten seiner Mutter auf ihre Religiosität zurück. In einem Bericht der Beratungsstelle Sub heißt es über homophobe Herkunftsländer: „Der Hass [...] ist zumeist politisch motiviert, wird aber religiös begründet. Dabei stehen sich die monotheistischen Weltreligionen in nichts nach.“ Oft werde einseitig auf den Islam fokussiert. „Dabei betreiben sowohl das evangelikale als auch das orthodoxe Christentum in vielen Ländern massive Hasspropaganda.“ In Ghana zum Beispiel, sagt Knoll, gebe es Homophoben-Gruppen, die von US-amerikanischen Evangelikalen unterstützt und finanziert würden.

Amidou gelang es, zwischenzeitlich in eine harmonische WG mit einem anderen Flüchtling zu ziehen. Bis zum inneren Frieden ist es aber ein weiter Weg. „Mein Leben ist von Unglück geprägt“, sagt er. Die Stimme seiner Mutter höre er nachts manchmal immer noch.

Flüchtlinge campieren aus Protest in München: Bilder

Mit den geplanten Wohngemeinschaften soll Menschen wie ihm geholfen werden. Das Sozialreferat will dieses Modellprojekt nach zwei Jahren evaluieren, um eine Aussage über den tatsächlichen Bedarf treffen zu können. Bei einem vergleichbaren Projekt in Berlin sei die Nachfrage mit der Einrichtung eines Schutzraumes gestiegen, heißt es im Beschluss des Sozialreferats. Es sei davon auszugehen, dass viele betroffene Geflüchtete sich nicht outen, weil die Angst vor den Konsequenzen zu groß sei.

Marian Meidel

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