Jahrestag des Amoklaufs am OEZ

OB Reiter im Interview: „Wir lassen einander nicht allein“

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Dieter Reiter lobt die Arbeit der Polizei.

Mit einer Feier gedenkt die Stadt an diesem Samstag der neun Toten des Amoklaufs am Olympiaeinkaufszentrum. Im Gespräch erinnert sich Oberbürgermeister Dieter Reiter an den Tag, der die Stadt erschütterte.

Herr Reiter, wo waren Sie gerade, als Sie die Nachricht des Amoklaufs erreichte?

Ich war gemeinsam mit der Führungsspitze der Münchner Polizei und Vertretern der Stadt auf dem jährlichen Arbeitstreffen am Tegernsee. Dort erreichte uns die Nachricht, dass es Schüsse am OEZ gegeben hat.

Wie haben Sie den Abend erlebt?

Auf dem Weg zurück habe ich den Krisenstab der Stadt in der Hauptfeuerwache einberufen. Von dort bin ich wenig später ins Polizeipräsidium gefahren. Hier haben wir den Einsatz verfolgt und Entscheidungen getroffen, zum Beispiel auch, den Öffentlichen Nahverkehr einzustellen. Das war keine leichte Entscheidung, schließlich wussten wir, dass die Menschen nur schwer nach Hause kommen würden. Aber die Gefahr, dass sich der oder die Täter in eine U-Bahn flüchten und weitere Menschenleben fordern könnten, war einfach zu groß.

Am Abend des Amoklaufs, als die ganze Stadt in Angst und Schrecken war, wunderten sich viele Münchner, warum sich Ihr OB so lange nicht äußerte. Gab es einen Grund dafür?

Ich glaube nicht, dass sich die Münchnerinnen und Münchner gewundert haben. Sie haben zu Recht von ihrem OB erwartet, dass er zusammen mit dem Ministerpräsidenten, Innenminister und Polizeipräsidenten die notwendigen Entscheidungen trifft und nicht, dass er Pressestatements abgibt. Der Ministerpräsident und ich waren uns hier schnell einig, dass die Kommunikation nach außen nur die Polizei übernehmen sollte.

Was würden Sie jetzt anders machen in dieser Situation? Was haben Sie für sich persönlich daraus gelernt?

Die Zusammenarbeit zwischen Polizei, Stadt, Innenministerium und MVG hat gut geklappt. Die Polizei hat gut kommuniziert. Verhindern wird man einen solchen Amoklauf wohl nie können. Was wir daraus gelernt haben? Dass unsere bestehenden Strukturen funktionieren. Ich persönlich habe gelernt, dass es ein Darknet gibt, das habe ich tatsächlich nicht gewusst. Wie einfach es offenbar ist, sich dort Waffen zu beschaffen, das schockiert mich. Hier ist der Gesetzgeber gefordert, sich Gedanken zu machen, wie man das in den Griff bekommen kann.

Haben oder hatten Sie persönlichen Kontakt mit Angehörigen? Welche Hilfe außer der finanziellen bietet die Stadt an?

Ja, selbstverständlich hatte ich Kontakt. Am Dienstagabend nach der Tat habe ich gemeinsam mit dem Polizeipräsidenten die Angehörigen ins Münchner Rathaus eingeladen. Einige sind gekommen. Wir wollten erfahren, was wir in dieser Situation für die Angehörigen tun können. Ich habe schnelle und unbürokratische Hilfe zugesagt, wo immer die Stadt helfen konnte. Der Stadtrat hat umgehend einen Hilfsfonds eingerichtet. Bei vielen kleinen und größeren Problemen konnten wir Hilfestellung und finanzielle Unterstützung geben. Bis heute gibt es außerdem einen direkten Kontakt für die Angehörigen in meinem Büro. Das ist mir wichtig.

Dieter Reiter, Horst Seehofer und Barbara Stamm bei einer Kranzniederlegung am Ort der Bluttat. 

Wie hat sich die Stadt aus Ihrer Sicht durch das schreckliche Ereignis am 22. Juli 2016 verändert?

Dieser Anschlag hat München vor einem Jahr zutiefst erschüttert. Vor allem für die Angehörigen wird das Leben nie mehr so sein, wie es war. Mir war deshalb wichtig, den Menschen, die ein Familienmitglied verloren haben, die verletzt wurden, die unter dem Eindruck der Amoktat auch heute noch leiden, dass ihnen geholfen wird und wir als Stadt zeigen, dass wir einander in solchen Situationen nicht allein lassen.

Lesen Sie außerdem:Interview mit Polizei-Pressesprecher Marcus da Gloria Martins: Panik mit „infektiöser Wirkung“

Interview: Stefanie Wegele

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