Mehr als 3.000 Senioren betroffen

Amtsgericht kämpft gegen Psycho-Pillen

München - Mehr als 3000 Senioren in Münchner Alten- und Pflegeheimen schlucken täglich Psychopharmaka. Das Amtsgericht hat nun den Psycho-Pillen den Kampf angesagt.

Die Zahlen sind erschreckend: Jeder zweite Bewohner von Münchner Alten- und Pflegeheimen bekommt Psychopharmaka verordnet – mehr als 3000 Senioren schlucken also täglich Pillen, die sie beruhigen oder schläfrig machen. Einen „bedenklichen Umgang“ stellte die Heimaufsicht bereits in ihren Qualitätsbericht 2011/2012 fest – demzufolge hätten viele Bewohner sogar zwischen fünf und zehn Medikamenten erhalten.

Meist wurde dabei aber gar nicht überprüft, wie die Nebenwirkungen sich gegenseitig beeinflussen! Dazu werden drei Viertel der Tabletten abends und nachts verabreicht – also dann, wenn am wenigsten Personal in den Heimen ist. Das größte Problem aber: Es fehlt eine grundsätzliche Strategie, mit der Ärzte, Betreuer und Pfleger zusammenarbeiten. Aber das soll sich jetzt endlich ändern.

Denn das Amtsgericht hat den Psycho-Pillen den Kampf angesagt und gestern seine München-Initiative vorgestellt. Ihr Ziel: Psycho-Pillen, die nicht für eine Therapie eingesetzt werden, dürfen Heimbewohnern nur noch nach richterlicher Verfügung verabreicht werden – so, wie es die Justiz in Heimen auch bei freiheitsentziehenden Maßnahmen (z.B. der Fixierung am Bett) regelt.

Gutachter müssen Wirkung der Medikamente erklären

Im Klartext: Ein Gutachter muss beim Betreuungsgericht einen Antrag stellen, wenn ein Bewohner sedierende Medikamente bekommen soll. Ein Verfahrenspfleger prüft dann Alternativen und auch, ob die Medikation Sinn macht. Am Ende entscheidet der Richter über die Maßnahme. So soll verhindert werden, dass die Bewohner ohne Notwendigkeit einfach ruhiggestellt werden.

„Unser Ziel ist die Sensibilisierung im Umgang mit Medikamenten, die freiheitsentziehende Wirkung haben können“, sagt Amtsgerichts-Präsident Gerhard Zierl. Die konkrete Umsetzung seines Genehmigungsverfahrens hat er in einem Fünf-Punkte-Plan geregelt. Darin ist etwa festgelegt, dass das Gericht eng mit dem Medizinischen Dienst der Krankenkassen Bayern und dem Bayerischen Hausärzteverband zusammenarbeitet.

Außerdem müssen auch Gutachter künftig gegenüber dem Betreuungsgericht die jeweilige Wirkung der Medikamente erklären. Und: Bei jedem Antrag vertritt ein Verfahrenspfleger die Interessen des Bewohners und gibt dem Richter eine Empfehlung ab. So soll die Psycho-Medikation in Heimen insgesamt deutlich gesenkt werden!

Es ist ein weiter Weg

Der Werdenfelser Weg ist das große Vorbild: Durch den verfahrensrechtlichen Ansatz gelang es in München, die Fixierungen von Heimbewohnern zwischen 2011 und 2013 von zwölf auf fünf Prozent zu senken. Bauchgurte und Bettgitter wurden seltener eingesetzt, nachdem Richter, Ärzte und Pfleger gemeinsam darüber berieten. Dadurch sollen die Senioren im Alltag weniger eingeschränkt sein – das ist auch das Ziel der München-Initiative des Amtsgerichts.

„Es ist mir bewusst, dass die interdisziplinäre Zusammenarbeit im Bereich der stationären Pflege bei der Fülle der Patienten und dem Stellenplan der Pflegekräfte eine enorme Herausforderung darstellt“, sagt Gerichtspräsident Gerhard Zierl. „Ich bin jedoch zuversichtlich, dass die neue Initiative die Lebensqualität der Heimbewohner verbessern und das gegenseitige Vertrauen fördern wird.“

Noch unklar ist, wie das neue Modell bei der chronischen Unterbesetzung in den Heimen funktionieren kann und wie hoch der bürokratische Aufwand für Richter und Verfahrenspfleger tatsächlich sein wird. „Wir sind am Anfang eines weiten Weges“, so Zierl.

Andreas Thieme

Rubriklistenbild: © dpa (Symbolbild)

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