43 Jahre Arbeit - 907 Euro Rente

Altersarmut: Münchnerin (75) rechnet mit der Kanzlerin ab

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Unerschrocken stellte die Münchnerin Lioba Bichl die Kanzlerin zur Rede – in der RTL-Sendung „An einem Tisch mit Angela Merkel“.

Lioba Bichl (75) hat ihr Leben lang hart gearbeitet - jetzt bleibt ihr kaum mehr Geld zum Leben von ihrer Rente. In der RTL-Sendung sagte sie Kanzlerin Angela Merkel die Meinung. Wir haben mit Frau Bichl gesprochen.

München - Lioba Bichl ist eine starke Frau, die sich nie unterkriegen hat lassen: 43 Jahre hat die heute 75-Jährige Münchnerin gearbeitet, als Friseurin, zwei Kinder hat sie großgezogen. Doch was bekommt sie: gerade mal 907 Euro Rente! Knapp 300 bleiben ihr davon zum Leben – und das im teuren München. Ein Leben voller Arbeit und jetzt die Armut? Das ist ungerecht, sagt die Münchnerin und hat voller Mut geschafft, was sich nicht viele zutrauen würden: Die Rentnerin hat Bundeskanzlerin Angela Merkel persönlich zur Rede gestellt.

„Frau Merkel, Altersarmut trifft vor allem die Frauen. Warum tun Sie nichts dagegen?“ Das fragte Bichl die Kanzlerin gleich zu Beginn ihres Auftritts in der von RTL und Spiegel TV produzierten Sendung An einem Tisch mit Angela Merkel (die Sonntagabend auf RTL und gestern Abend auf n-tv ausgestrahlt wurde). Die Kanzlerin hört zu, stellt konkrete Fragen zu Bichls Lebenssituation, wirft ein, dass den Rentnerinnen mit der Mütterrente doch schon geholfen sei. Aber das reicht der Rentnerin nicht: Unbeirrt kritisiert sie, dass die Mütterrente niedrig sei, und diese zudem für Bezieherinnen der Grundsicherung wieder angerechnet werde – und somit auch wieder nichts bringe.

Lioba Bichl und Angela Merkel.

„Deutschland ist so ein reiches Land, aber uns kleine Leute hält man klein“, schimpft die Münchnerin. Als Angela Merkel beschwichtigt: „Das möchten wir eigentlich nicht…“, unterbricht Bichl sie sogar noch einmal: „So sehe ich das aber!“

Wie war es, der Kanzlerin Auge in Auge gegenüberzustehen? „Toll!“ sagt Lioba Bichl gestern zur tz. „Ich war positiv überrascht von Frau Merkel. Ich war nie eine so begeisterte Anhängerin von ihr, aber sie ist eine sehr angenehme Frau, sehr natürlich.“ Spiegel TV war über den Münchner Verein LichtBlick Seniorenhilfe, der Rentner finanziell und persönlich unterstützt und dem Lioba Bichl viel zu verdanken hat, mit der Rentnerin in Kontakt getreten. Eigentlich sollte sie eine Woche vorher in der gleichen Sendung mit SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz zum Thema Altersarmut zu Wort kommen. Kurzfristig hieß es aber: Sie darf in Merkels Sendung. „Das war mir auch viel lieber.“

Jede Ausgabe notiert die 75-Jährige akribisch in ihrem Haushaltsbuch. So kommt die ehemalige Friseurin mit ihrer niedrigen Rente über die Runden

Aufgeregt war sie dann auch tatsächlich gar nicht – anders als andere Bürger, die Merkel zu anderen Themen befragten. „Da waren einige schon recht nervös. Aber ich nicht. Warum auch? Sie ist eine Frau wie du und ich!“ Und schließlich hat Bichl auch eine Meinung, für die es sich zu kämpfen lohnt, betont sie: „Frauen arbeiten ihr Leben lang, ziehen Kinder groß – und werden dann bestraft? Das geht doch nicht!“

Mit ihrer Beharrlichkeit hat die Münchnerin auch einen Nerv bei Merkel getroffen, glaubt sie: „Bei meiner ersten Frage sind ihr schon die Mundwinkel herabgesunken.“ Ob ihr Einsatz letztlich etwas gebracht hat, da ist sie sich freilich nicht so sicher. „Ich weiß es nicht, aber ich hoffe es.“

Von ihrer Familie und ihren Nachbarn hat Lioba Bichl seit der Ausstrahlung der Sendung schon viel Lob gehört. Sie selber hat sich erst gestern Abend im TV gesehen. Ein bisschen stolz darf sie schon sein auf ihren Mut, auch wenn der wohl halt einfach in ihrem Naturell liegt: „Ich hab’ mein Leben lang mit Menschen zu tun gehabt. Mir ist es egal, ob da ein Ministerpräsident oder ein Bettler vor mir steht.“

Altersarmut in München

In München leben mehr als 20 000 Rentner am Existenzminimum. Bundesweit sind etwa 2,6 Millionen Menschen von der Altersarmut betroffen – rund 80 Prozent davon sind Frauen. Die Folge: Immer mehr Menschen arbeiten über das Rentenalter hinaus. Laut Statistischem Bundesamt war es 2016 jeder Neunte in der Gruppe der 65- bis 74-Jährigen. Auch die Zahl der Rentner, die in München Grundsicherung beantragen, steigt, was auch an den hohen Lebenshaltungskosten liegt: Laut Prognos AG ist hier ein Euro Rente 23 Prozent weniger wert als im Bundesschnitt. Altersarmut ist laut einer Umfrage das wichtigste Thema, das eine neue Bundesregierung anpacken sollte.

Das sind die Renten-Ideen der Parteien

  • CDU/CSU: Die Union ist sich bei der Rente nicht ganz einig. Bis 2019 sollen die Experten Vorschläge erarbeiten, hieß es zuletzt. Die CSU indes setzt sich lautstark für eine weitere Ausweitung der Mütterrente ein. Die würde jährlich mindestens sechs Milliarden Euro kosten und hätte zur Folge, dass auch Frauen, die vor 1992 Mutter geworden sind, sich drei Jahre Kindererziehungszeit auf die Rente anrechnen lassen können. Derzeit bekommen sie – anders als spätere Mütter – nur zwei Jahre gutgeschrieben, bis 2014 war es sogar nur eines. Weil die CDU die Mütterente aber trotzdem nicht im gemeinsamen Wahlprogramm haben will, taucht sie nur im CSU-Bayernplan auf.
  • SPD: Die Sozialdemokraten sehen bei der Rente dringenden Handlungsbedarf. Wer sich der Reform verweigert, der nimmt in Kauf, dass die Rente für immer mehr Menschen im Alter nicht mehr zum Leben reicht, sagte Kanzlerkandidat Martin Schulz kürzlich unserer Zeitung. Die SPD setzt vor allem auf die sogenannte doppelte Haltelinie. Das Rentenniveau soll nicht unter 48 Prozent sinken, gleichzeitig sollen die Einzahler nicht zu stark belastet werden. Der paritätisch von Arbeitgebern und Arbeitnehmern zu leistende Beitragssatz soll deshalb nicht über 22 Prozent steigen. Neben den Haltelinien plant die SPD eine Solidarrente für Geringverdiener mit mindestens 35 Beitragsjahren.
  • Grüne: Die Grünen wollen das Rentensystem in der Breite stärken – eine „Rentenversicherung für alle“. Heißt: Auch Freiberufler und Beamte zahlen ein. Das Rentenniveau soll nicht weiter abgesenkt werden, zusätzlich soll jeder Arbeitgeber eine Betriebsrente anbieten und eine steuerfinanzierte Garantierente soll langjährige Beitragszahler vor Altersarmut schützen. Und die Kosten? Die wollen die Grünen nicht allein der jungen Generation überlassen, auch wenn ein Beitragssatzanstieg kaum auszuschließen wäre. Zuerst aber sollen andere Maßnahmen wirken: Versicherungsfremde Leistungen wie die Mütterrente oder die Renteneinheit zwischen Ost und West soll aus Steuern bezahlt werden.
  • FDP: Die Liberalen machen sich für einen flexibleren Renteneintritt stark: Jeder sollte selbst entscheiden können, wann er in Ruhestand geht. Das bedeutet natürlich: Wer später in den Ruhestand geht, bekommt mehr, wer früher geht, bekommt weniger Rente. Und wenn man sich dann doch noch etwas dazuverdienen will, müsse das möglich sein. Auch die private Altersvorsorge soll weiter an Bedeutung gewinnen. Zudem setzt die FDP auf Transparenz, was die Absicherung im Alter angeht. Ein Vorsorgekonto soll alle erworbenen Ansprüche jederzeit auf einen Blick darstellen. Da mietfreies Wohnen im Alter viel Geld spart, denkt die FDP zudem über Freibeträge bei der Grunderwerbsteuer nach.
  • Die Linke: Die Linken sehen im Rentenmodell Österreichs die Zukunft der deutschen Altersvorsorge. Dort erhalten Beschäftigte im Durchschnitt mehrere hundert Euro mehr Rente im Monat. Vor Altersarmut schützt eine Mindestrente von rund 1000 Euro. Auch Beamte und Selbstständige, Abgeordnete und Minister zahlen in die Rentenkasse ein. Arbeitgebern werden etwas höhere Beiträge abverlangt. Hört sich gut an, hat aber auch Nachteile: Es gibt keine Pflegeversicherung, was für die, die eine brauchen, teuer werden kann. Zweitens: In Österreich werden die Renten voll besteuert, in Deutschland nur zu 74 Prozent. Drittens: Wer in Österreich vorzeitig in Rente geht, hat höhere Abschläge.
  • AfD: Die AfD setzt sich für eine Flexibilisierung des Renteneintrittsalters ein. Wer 45 Jahre lang gearbeitet hat, soll unter dem AfD-Rentenmodell abschlagsfrei in Rente gehen können. Wer beispielsweise bis Mitte 20 studiert, muss danach bis zu seinem 70 Lebensjahr arbeiten und einzahlen – oder Abzüge in Kauf nehmen. Wer dagegen mit 16 zu arbeiten beginnt, kann mit 61 Jahren abschlagsfrei den Ruhestand antreten. Gleichzeitig solle die Rentenversicherung gerechter werden: Kinderlosigkeit verursacht im umlagefinanzierten System hohe Kosten. Damit das Rentensystem unter den Folgen des demografischen Wandels nicht kollabiert, sollten Familien deshalb bei den Abgaben entlastet werden.

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