Angefahren, beschimpft liegengelassen: Wer hat Asllan (7) das angetan?

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Entsetzen und Erleichterung: Vater Haljili (von rechts), Mutter Sabahide und Cousine Florentina sind froh, dass es Asllan schon wieder besser geht

München - Mitgefühl und Nächstenliebe hat der siebenjährige Asllan H. einen Tag nach Weihnachten nicht erfahren. Stattdessen musste der Bub erfahren, wie herzlos manche Menschen sein können.

Der Siebenjährige wurde am Montagabend angefahren, von der Fahrerin des Wagens beschimpft und mit einer blutenden Kopfwunde im Schnee liegengelassen.

Einen Tag nach dem Unfall liegt Asllan im Schwabinger Klinikum und spielt nervös mit seiner Bettdecke. An seiner kleinen Stirn prangt ein großes weißes Pflaster. Auf der Nase und Kinn zeichnen Kratzspuren sein Gesicht. Der Siebenjährige kann sich nicht mehr erinnern, wie der Unfall genau abgelaufen ist. Er weiß nur noch, dass er mit seiner Cousine Florentina Pizza im Supermarkt einkaufen wollte.

An der Schleißheimer Straße 340 wurde Asllan angefahren

Die Elfjährige hingegen hat den Unfall noch genau vor Augen: Zusammen mit ihrem Cousin Asllan, der mit seinen Eltern zu Weihnachten aus St. Gallen angereist ist, will sie am Montag gegen 19.30 Uhr Hand in Hand die Schleißheimer Straße überqueren. Auf der Mitte der Fahrbahn reißt sich ihr Cousin los und rennt auf die Straße. Ein gelbes Auto, das stadtauswärts unterwegs ist, fährt auf den Jungen zu. Dieser reagiert schnell, springt zur Seite, wird allerdings noch mit dem rechten Reifen des Autos am Fuß erwischt.

Asllan landet in einem vereisten Schneehaufen am Straßenrand. Florentina bleibt geschockt stehen. „Ich habe sofort gesehen, dass er am Kopf blutet“, schildert die Elfjährige. Unfassbar: Die Fahrerin des gelben Wagens hält an, steigt aus und beschimpft die beiden Kinder. „Mich hat sie angeschrieen und gefragt, warum ich Asllan losgelassen habe“, erinnert sich die Schülerin. Danach steigt die Frau wieder in ihr Auto und fährt los. Florentina ist traurig, wenn sie daran denkt: „Sie hat Asllan nicht einmal gefragt, ob er sich weh getan hat.“

Laut Polizei hat sich der Unfall an der Schleißheimer Straße auf Höhe der Hausnummer 340 ereignet, gegenüber der Stadtbücherei und einer Pizzeria. „Wir suchen dringend Zeugen“, erklärt Fritz Dieterich, Polizeihauptkommisar bei der Verkehrsunfallfluchtfahndung. Zusammen mit seinen Kollegen hat er die Ermittlungen aufgenommen. Die Fahrerin des gelben, zweitürigen Kleinwagens ist etwa Mitte 30, sehr dick und hat kurze schwarze Haare. Wer etwas gesehen hat oder die Frau kennt, soll sich unter Telefon 089/62 16 33 22 an die Polizei wenden.

Tanja Wolff

Diese beiden Fälle sind nie geklärt worden

Auch Radlfahrer sind wegen Verkehrsunfallflucht dran, wenn sie andere verletzen und sich nicht um sie kümmern. Solch ein Opfer wurde Ende August 2009 der kleine Marvin (damals fünf Jahre alt). Am Kiosk im Hirschgarten wollte er sich einen Lutscher holen. Ein Radlfahrer kommt mit viel zu hohem Tempo daher, kann nicht mehr bremsen, schlittert auf den Kleinen zu. Beide stürzen. Blut läuft aus dem Mund des Kindes, sein Oberschenkel ist gebrochen, er windet sich vor Schmerzen. Der Radfahrer nutzt die Verwirrung – und fährt davon. Er wurde nie gefasst. Marvin saß drei Monate im Rollstuhl.

Ala (damals 12 Jahre alt) hatte alles richtig gemacht, als sie am 17. Oktober 2008 nach der Schule bei Grünlicht über die Bäckerstraße lief. Genau in diesem Augenblick bog eine Autofahrerin in einem silbernen Auto rechts ab. Ala wurde gegen die Windschutzscheibe und dann neun Meter durch die Luft gewirbelt. Die Autofahrerin fuhr einfach davon. Ala lag lange mit einem gebrochenen Bein im Krankenhaus. Sie hatte trotz allem großes Glück. Aber sie fragt sich heute noch, wie die Frau sie einfach so liegen lassen konnte. Der unglaubliche Fall wurde leider nie geklärt.

Unfassbar: Jeder Vierte haut nach Unfall ab!

Alljährlich bearbeitet die Münchner Polizei rund 12 000 bis 14 000 Unfallfluchten vom kleinen Park-Rempler bishin zu schweren Unfällen mit Verletzten und manchmal sogar Toten. Eine unglaublich hohe Zahl, die kein gutes Licht auf die allgemeine Verkehrsmoral wirft.

Rund 47 000 Verkehrsunfälle ereigneten sich im Jahr 2009 im Bereich des Münchner Polizeipräsidiums. Das bedeutet: Bei ziemlich genau jedem vierten Unfall haut einer ab! Der weitaus höchste Anteil entfällt dabei natürlich auf Unfälle mit reinen Sachschäden. Hier einen Spiegel abgefahren, da das Blech beim Rückwärtssetzen zerbeult – immer ärgerlich und außerdem noch ganz schön teuer für den Besitzer. Im Jahr 2009 wurden der Polizei 12 485 Unfallfluchten gemeldet. In 11 903 Fällen handelte es sich dabei um Unfälle mit reinen Sachschäden, in 582 Fällen wurden bei diesen Unfällen auch Menschen verletzt. In 643 Fällen wurden Menschen angefahren und hilflos zurückgelassen.

In einem Fall blieb sogar ein Toter zurück. Aber: Die Aufklärungsquote liegt insgesamt bei annähernd 50 Prozent. Das heißt: Jeder Zweite wird erwischt. Wenn es um Verletzte geht, liegt die Aufklärungsquote sogar bei annähernd 100 Prozent. „Da legen wir uns immer mit voller Manpower ins Zeug“, sagt Polizeihauptkommissar Fritz Dieterich, Ermittler bei der Verkehrsunfallfluchtfahndung.

dop.

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