tz-Serie: Geschichten aus der Altstadt

Arm an Geld, reich im Geiste

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Er leitete jahrelang einen städtischen Chor, deshalb darf Przebindowski in einem Stiftungs-Wohnheim für alte und bedürftige Künstler am Viktualienmarkt wohnen.

Von der Krakauer Orchesterbühne zum Münchner Logenplatz: Ein Bewohner (77) des Künstlerheims am Viktualienmarkt erzählt von seinem Leben.

Morgens, wenn Doktor Eligius Przebindowski die Stufen seiner kleinen Mansardenwohnung heruntersteigt, blickt ihm seine Ex-Frau von einem Gemälde aus in die Augen. Er setzt sich an seinen handgearbeiteten Schreibtisch und beobachtet aus den drei Meter hohen Fenstern den Viktualienmarkt.

Der 77-Jährige genießt seinen Lebensabend im Heim für alte und bedürftige Künstler der Werner-Friedmann-Stiftung in der Westenriederstraße, gemeinsam mit 13 anderen Senioren – alle haben sie mit ihrem künstlerischen Schaffen die Stadt bereichert. Przebindowskis einziger Besitz sind die Möbel aus dem Familienerbe, auf seinem Konto hat er nur ein paar Euro. Dennoch sagt er: „Ich hatte ein reiches Leben – das ist das schönste Geschenk.“

Das Leben des gebürtigen Polen war in den Irrungen und Wirrungen der Geschichte nicht immer ganz leicht: „Im Zweiten Weltkrieg hatte ich die Pistole der Gestapo an der Stirn, weil sie mich für einen Juden hielten“, erinnert sich Przebindowski. Drei Jahrzehnte später musste er aus seinem Heimatland fliehen, nachdem er wegen seiner Kritik am System Arbeitsverbot auferlegt bekommen hatte. Und das, obwohl der mehrfach studierte Dirigent und Sänger große Orchester geleitet hatte und ihn polnische Zeitungen kurz zuvor noch als „Karel Gott Polens“ gefeiert hatten.

Mit dem Zug kam er 1976 nach München, in den Händen zwei Koffer mit dem nötigsten: Pullis und Unterwäsche, seine Diplome für Musik, Jura und Philosophie sowie 80 Dollar. Vom Sozialamt wollte er keine Hilfe, er heuerte in einem Elektrogeschäft an. „Die Besitzerin brauchte niemanden, hatte aber ein kaputtes Transistorradio. Sie sagte, wenn ich dieses reparieren könnte, bekäme ich hundert Mark. Irgendwie schaffte ich es – obwohl ich die komplizierte asiatische Technik nicht kannte.“ Przebindowski machte sich unverzichtbar, er bekam einen Job.

Obwohl ihm die Arbeit gefiel, schlug sein Künstlerherz höher, als er einige Jahre darauf eine Anzeige las: „Chor sucht Chorleiter.“ Kurz darauf dirigierte er den städtischen Chor zur Integration behinderter und nicht-behinderter Menschen. Solch ein renommierter Künstler hatte noch nie einen städtischen Chor geleitet!

Weil seine damalige Frau ebenfalls bei der Stadt arbeitete, griff ihnen die Werner-Friedmann-Stiftung nach der Pensionierung unter die Arme. „Aus meiner Zeit in Polen bekam ich keine Rente, und in Deutschland hatte ich nicht lange genug eingezahlt.“ 97 Euro Rente reichten nicht aus – da kam der Platz im Wohnheim wie ein Geschenk.

Mittlerweile lebt Przebindowski ohne seine Frau in der 49 Quadratmeter-Wohnung im Herzen der Altstadt. „Wir Künstler sind ja alles eitle und komplizierte Menschen. Da braucht jeder seinen Freiraum – auch im Alter.“ Ab und zu aber lädt Przebindowski andere Bewohner zu einer Tasse Kaffee ein. Auch die Schwabinger Gisela, die berühmteste Wirtin und Chansonsängerin der Münchner 50er Jahre, schaut öfter vorbei. „Einige Bewohner sind krank oder schon über 90 Jahre – da hilft man sich aus.“

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Die Schwabinger Gisela und auch Przebindowski haben die Stadt mit ihrem Schaffen bereichert – deswegen liegt die Miete für die 30 bis 60 Quadratmeter großen Appartments auch weit unter den üblichen Münchner Preisen. Die Dinge für den täglichen Bedarf finanziert sich der Rentner mit Gesangs- und Klavierunterricht in seiner Wohnung und an einer Schule in Kempfenhausen.

Auch wenn das Treppensteigen den Doktor der Philosophie ein wenig anstrengt – sein Geist treibt ihn noch immer umher. Seit 16 Jahren schreibt Przebindowski auf seinem antiken Schreibtisch an einem mehrsprachigen juristischen Wörterbuch. In sieben Sprachen hat er die Fachbegriffe schon übersetzt, 13 sollen es werden.

Seine Möbel aus dem Familienbesitz hat Przebindowski erst vor ein paar Jahren nach Deutschland geholt. „Ich gehe aus München nicht mehr weg. Die Architektur der Altstadt erzählt an jeder Ecke eine Geschichte. Außerdem schenkt mir das Treiben am Viktualienmarkt jeden Morgen neue Lebensfreude.“

Er kennt die Geschichte jedes Kino-Sessels: „Loriot hatte seinen Stammplatz am Ausgang“: Reinhold Bessing (72) arbeitet seit über 20 Jahren im Tivoli-Theater

Sehr gute Wahl, die Dame. Hier hat Loriot immer gesessen.“ Wer im Tivoli Filmtheater, dem einzigen Kino in der Fußgängerzone, den Sessel mit der Nummer 01 wählt, wird von Reinhold Bessing dezent auf dessen Bedeutung hingewiesen. Das ist nicht die einzige Geschichte, die der 72-Jährige nach über 20 Jahren als Betriebsaufsicht erzählen kann …

Vicco von Bülow alias Loriot habe seinen Stammplatz aus einem guten Grund gewählt: „Von diesem Platz aus direkt neben dem Ausgang konnte er am schnellsten entfliehen, wenn das Licht anging.“ Loriots Frau hat die Bedeutung laut Bessing aber nicht ganz erkannt. „Einmal, als sie mit dabei war, haben die beiden lange an der Kasse diskutiert, weil sie auf einen anderen Platz in der Loge wollte. Das war ein unbeschreibliches Tamtam – aber sie hat sich durchgesetzt.“

Alfred Seidl, ehemaliger bayerischer Justizminister, sei immer nachmittags – oft bei schönem Wetter – heruntergekommen. „Der hatte in diesem Haus sein Büro und kam, um sich zu entspannen. Da war das Kino oft ziemlich leer – weil er so klein war, habe ich ihn von hinten oft übersehen.“

Dem nicht gerade als schüchtern geltende Kabarettisten Dieter Hildebrandt habe eine robuste Mitarbeiterin einmal den Marsch geblasen. „Weil wir keine Platzkarten haben, hatte er es sich über mehrere Plätze hinweg bequem gemacht. Dann kamen aber doch mehr Zuschauer. Meine Kollegin ging an seine Reihe und forderte zum Aufrutschen auf. Sie sagte ganz laut: ,Ja, auch Sie, Herr Hildebrandt.‘ Er hat sofort pariert.“

Viele Prominente gingen hier in 54 Jahren Kinogeschichte ein und aus. Die Premieren-Feiern endeten nicht selten erst am Morgen. „Ich erinnere mich etwa an die Premiere von ‚Die Apothekerin’. Da bin ich mit Katja Riemann ziemlich an der Bar versumpft.“

Oben, im Springbrunnen im Foyer vergnügte sich etwas zum Ärger von Bessing immer ein kleiner Mann: „Die Fürstin Gloria war öfter mit ihrem Sohn hier – der verwechselte den Brunnen gerne mit einem Planschbecken.“

Quelle: tz

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