Immer mehr Bedürftige

Armut in München: Drei Schicksale, die bewegen

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Dutzende Menschen warten darauf, versorgt zu werden.

München - Die Armut in München wird immer größer. Die Münchner Tafel zählt immer mehr Bedürftige - mittlerweile sind es 20.000 Menschen. Die tz stellt drei Schicksale vor.

Mensch an Mensch reiht sich frierend in der Kälte aneinander. Alte und Junge, Männer, Frauen, Kinder. Es ist die lange Schlange der Armut: Die Bedürftigen stehen an der Münchner Tafel an, um dort Essen zu kriegen. Und die Schlange wird immer länger! 20.000 Menschen holen mittlerweile wöchentlich ihre Lebensmittel von der Tafel, wie der Verein jetzt bekannt gab. 2000 mehr als 2015.

„Wir werden geradezu überrannt“, sagt Hannelore Kiethe, die Vorsitzende der Münchner Tafel. „Besonders die Altersarmut kriegen wir immer mehr zu spüren. Außerdem werden es immer mehr alleinerziehende Mütter und Geringverdiener.“ 

Tragisch: Es gibt auch Menschen, die monatelang warten müssen, bis sie überhaupt zur Tafel gehen dürfen. Denn: Nur wer einen Berechtigungsschein hat, darf zur Tafel. Und nur wer Auflagen gemäß Hartz IV oder Sozialgesetzbuch erfüllt, bekommt so einen Schein. Das zu prüfen, dauert aber Zeit. Zeit, in der die Anwärter auf einer Warteliste stehen. „Die Wartezeit ist zum Teil lang“, sagt Gregor Tschung, Sprecher der Tafel. „Im Hasenbergl bis zu sechs Monate.“ Ausnahme: „Im Notfall, wenn jemand nichts mehr zu essen hat, darf er auch ohne Schein kommen. Wir lassen niemanden stehen“, sagt Tschung. Er berichtet, welch enorme Logistik hinter der Tafel steht: Mittlerweile arbeiten über 600 Ehrenamtliche für den Verein, sie verteilen 120 Tonnen Lebensmittel wöchentlich, die mit 17 Fahrzeugen transportiert werden. 

Kein Vergleich zu den Anfängen: Vor 22 Jahren gründeten sieben Münchner die Tafel, seitdem wächst der Verein mit der Bedürftigkeit der Bürger. „Ein Meilenstein war die Einführung des Euro. Da kamen mit einem Schlag viele nicht mehr zurecht mit ihrem Geld“, erzählt Kiethe. Extrem stieg die Zahl der Bedürftigen dann mit der Einführung von Hartz IV. Aktuell kommen auch viele Flüchtlinge. Trotz der Unterstützung vieler Sponsoren ist die Tafel heute wie damals auf Spenden angewiesen (Spendenkonto: IBAN: DE37 7002 0270 6850 1933 10).

Doch was sind die Hintergründe der Armut in München? Die tz zeigt Fakten, Zahlen – und Schicksale.

In München nimmt das Elend stetig zu

  • Deutschlandweit ist die Zahl der Armen laut Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichem Institut (WSI) von 11 Prozent im Jahr 1993 auf 15,3 Prozent 2013 gestiegen. Als „arm“ gelten Haushalte, die 2013 weniger als 11.758 Euro im Jahr zur Verfügung hatten. Das Sozialreferat der Landeshauptstadt schätzt, dass Ende des Jahres rund 80.000 Münchner Sozialhilfe beziehen – darunter 23 000 Kinder und 7100 Flüchtlinge. Beispiel München-Pass: Ihn nahmen im vergangenen Jahr rund 80.000 Münchner mit geringem Einkommen in Anspruch, um gratis oder vergünstigt vielerlei Einrichtungen nutzen zu können.
  • Kinderarmut: Laut Bertelsmann-Stiftung ist die Quote der unter 18-Jährigen in Hartz-IV- Haushalten in München gleichbleibend hoch, sie liegt bei 11,8 Prozent (Schnitt bayernweit 6,8 Prozent). Spitzenreiter in Bayern ist Schweinfurt mit 21,9 Prozent. Am häufigsten betroffen sind Kinder, die nur bei einem Elternteil aufwachsen oder die zwei Geschwister oder mehr haben.
  • Arm durch Krankheit: Unter anderem wegen der höheren psychischen Belastung im Job sind immer mehr Deutsche arbeitsunfähig. Die Zahl der Bezieher von Erwerbsminderungsrente ist laut Sozialverband VdK in Oberbayern zwar von 75 354 im Jahr 2000 auf 60 513 im Jahr 2015 gesunken. Das liegt aber vor allem an den erschwerten Zugangsbedingungen. Inzwischen würden die Erwerbsminderungsrentner rund 20 Prozent aller Neurentner ausmachen.
  • Altersarmut: Die Zahl der Rentner, die Grundsicherung beziehen mussten, steigt stetig an: Ende 2015 bezogen 14 253 Ruheständler in München Zuschüsse zur Rente vom Sozialamt – insgesamt 95 Millionen Euro. Am 30. Juni waren es schon 14 382 Münchner. Bis Jahresende rechnet das Sozialreferat mit 14 840 Rentenaufstockern, das wären 4,1 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. 2015 suchten 88 500 Menschen die Alten- und Servicezentren auf, in den Beratungsstellen wurden etwa 13 500 Gespräche geführt. Kein Wunder: Derzeit bekommen Männer in Bayern im Schnitt nur eine Rente von 1049 Euro vom Staat, Frauen nur 616 Euro. Ein Münchner Mann, der 2015 in Rente ging, bekommt laut DGB im Schnitt lediglich 891 Euro!
  • Obdachlosigkeit: Die Stadt geht davon aus, dass über 6700 Obdachlose derzeit in München leben, Tendenz steigend. 6232 Menschen hat die Stadt München in ihrem Sofortunterbringungsprogramm für Obdachlose und in anderen Programmen untergebracht. Rund 550 obdachlose Menschen leben in München wirklich auf der Straße, obwohl sie teils Anspruch auf Unterbringung hätten, schätzt das Sozialreferat. 35 Millionen Euro hat die Stadt im Jahr 2015 für die Unterbringung bei akuter Wohnungslosigkeit ausgegeben.

Die Tafel als Stütze

Michaela Deininger (52), Rentnerin aus München: „Ich gehe seit drei Jahren einmal in der Woche zur Tafel. Ich habe 35 Jahre als Altenpflegerin gearbeitet, aber dann bin ich krank geworden. Erst das Knie, dann ein Tumor … Von einem Tag auf den anderen ist alles zusammengekracht. Nun bin ich voll-erwerbsunfähig und habe nicht viel Geld. Gott sei Dank gibt es die Tafel. Ich bin so froh!“

Meine Rente reicht nicht zum Leben

Leonid Kazkdan (68), Rentner: „Ich war früher Software-Entwickler, jetzt bin ich Rentner. Aber das Geld ist viel zu wenig zum Leben. Ich bekomme Grundsicherung und komme seit 2014 jede Woche hierher zur Tafel. Hier kriege ich zum Glück alles, was ich so brauche. Ich merke, dass es immer mehr Menschen werden, die zur Tafel kommen.“

Halbblind: Keiner gab mir Arbeit

Emö Ramos (64), arbeitslos: „Lange habe ich versucht, Arbeit zu finden. Aber meine Sehkraft ist zu schlecht geworden, 50 Prozent Behinderung auf jedem Auge. Deshalb konnte mir auch das Arbeitsamt nicht mehr helfen. Die Sachbearbeiterin hat mir geraten, zur Tafel zu gehen. Ich musste mehrere Monate auf meinen Berechtigungsschein warten. Jetzt komme ich jede Woche.“

Interview: Not hinter der Glitzer-Fassade

Frau Mascher, bei der Münchner Tafel wachsen die Warteschlangen …

Ulrike Mascher: Ja, leider. Das liegt auch daran, dass viele ältere Menschen mit einer kleinen Rente versuchen, die Grundsicherung zu vermeiden, weil sonst ihr Erspartes verloren geht oder der Nebenjob sich nicht mehr lohnt. Auch die Kleiderkammern und andere Einrichtungen der Wohlfahrtsverbände verzeichnen eine steigende Nachfrage.

Und das im wirtschaftlich starken München.

Mascher: Hier ist das Leben insgesamt einfach sehr teuer, durch die hohen Mieten oder die Kosten für den Nahverkehr. Viele sind vor 20 Jahren zum Arbeiten hierher gezogen. Jetzt haben sie keine Arbeit mehr oder beziehen eine kleine Rente und wollen oder können nicht mehr weg, weil sie hier verwurzelt sind. Es gibt vor allem zwei Gruppen, die sich aus eigener Kraft nicht mehr helfen können …

Welche?

Ulrike Mascher, Präsidentin des Sozialverbands VdK.

Mascher: Alte Menschen mit einer kleinen Rente, die auf den Nahverkehr angewiesen sind und zudem immer mehr Medikamente selbst zahlen müssen. Und alleinerziehende Mütter oder Väter, die hohe Mieten zahlen. Sie können zudem in der Stadt wenig Freizeitangebote wahrnehmen, die nicht mit Kosten verbunden sind. Für alle Bedürftigen ist Armut in München besonders bitter.

Warum?

Mascher: Eine Stadt wie München hat eine glitzernde Fassade. Da schämen sich viele bedürftige Senioren oder Alleinerziehende, Hilfe anzunehmen.

Die meisten Bedürftigen beklagen, dass sie lange gearbeitet haben und jetzt trotzdem arm sind …

Mascher: Armut kann von heute auf morgen kommen, das kann blitzschnell gehen – durch einschneidende Veränderungen im Leben.

Zum Beispiel?

Mascher: Große Einschnitte können eine plötzliche Krankheit sein, eine Firmenpleite oder Scheidung. Auch kleine Veränderungen können dramatisch enden. Früher bekam man einen kaputten Herd oder Eisschrank übers Sozialamt bezahlt, heute gibt es nur ein Darlehen. Ein großes Problem ist heute die Verschuldung.

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