Gschichtn ausm Münchner Nachtleben

Arzt ist in München als Taxifahrer unterwegs - einen Superstar chauffierte er, ohne ihn zu erkennen

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Hat immer einen Blick für seine Fahrgäste: Urs Schmidt genießt das Leben als Taxler.

Er ist eigentlich Arzt, verdient sein Geld aber als Taxler. Doch nicht nur das unterscheidet Urs Schmidt von den anderen Chauffeuren in München. Uns erzählt er die spannendsten Erlebnisse.

München - „Sind Sie glücklich?“, fragt der Taxler auf dem Weg von der  Innenstadt nach Schwabing. Das hat so direkt in so einer kurzen Begegnung auf ein paar Kilometern auch noch keiner gefragt - mit einem bezaubernden Lächeln in den Rückspiegel. „Warum wollen Sie das wissen?“, fragt die tz-Klatschreporterin zurück. „Es interessiert mich einfach, wie es meinen Fahrgästen geht.“

Nein, das ist keine plumpe Anmache, dieser Fahrer meint es schnurstracks ernst. Und so wie sein ganzes Gesicht strahlt, hat er selbst sein Glück längst gefunden. Als Taxler. Das wirft natürlich jede Menge Fragen auf! Was ist das Geheimnis dieses Glücks? Eine Unterhaltung von der Rückbank in den Spiegel...

„Wenn man zu sehr plant, geht man am Leben schnell vorbei“

„Taxifahren - das ist Menschen, das ist Reise, das ist Abenteuer, nicht wissen, was als Nächstes passiert... Wenn man zu sehr plant, geht man am Leben schnell vorbei“, sprudelt’s in den Wagenfond. „Ich möchte diese Offenheit haben, und das kann man in keinem Beruf besser als beim Taxifahren.“

Ein Philosoph? Ein Träumer? Ein ewiger Student?

„Nein, eigentlich bin ich Arzt.“

Eigentlich. Also einer, der Taxi fährt. Gäbe es für so einen empathischen Menschen nicht ein maßgeblicheres Betätigungsfeld? „Nein, ich bin schon richtig hier. Das Handwerkliche hat mir am Beruf des Arztes zwar wirklich Spaß gemacht, aber der ganze Rest hat mir seelische Probleme bereitet. Mit Ärzten kann ich irgendwie nicht. Da krieg ich die Wellenlänge einfach nicht rein, die ich bei allen anderen Menschen fast immer eingestellt kriege. Ich bin nicht der, der sich in die Klinik stellt und sagt: Ich heil’ dich jetzt mal.“

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“Heilen tut man sich nur selbst“

Warum nicht? Heilen ist doch was sehr Schönes... „Heilen tun sich Menschen immer nur selbst. Kein Arzt heilt. Ärzte versuchen etwas wieder geradezubiegen, damit man mehr Chancen hat, aber heilen tut man sich nur selbst“, sagt der fahrende Doc. „Ich nehme sehr die seelische Welt der Menschen wahr. Und wenn ich da ein Unfallopfer vor mir habe, dann seh’ ich diese Welt, die gerade zusammenbricht, die Familie. Da braucht’s andere Leute wie mich, die einfach sagen: ,Yeah! Den rette ich jetzt!‘ Die richtigen Ärzte nehmen den Menschen eher als Sache wahr, und das kann ich nicht. Nie.“

Urs Schmidt heißt dieser Menschenfreund. 47. Verheiratet, zwei Kinder, die Mutter Heilpraktikerin, der Vater Professor für Meteorologie, drei Brüder, seit 23 Jahren am Steuer eines Taxis - erst als Student, dann als fertiger Arzt. Was daran so gut ist?

„Für mich ist das genial! Ich steig’ am Abend ein und guck, was passiert, und es passiert viel!“

Alles - das ganze Leben, das nichts auslässt - in jeder Richtung. Hässliches und Schönes. Irre Geschichten.

Tour durch München: Urs Schmidt hatte auch schon Jack Nicholson und Robbie Williams auf der Rückbank sitzen.

Taxi-Tour zur Ostsee für 1500 Euro

„Da stieg mal ein total betrunkener Typ ein, der wollte zur Ostsee. Früh um 7 Uhr hatte er da einen Termin, zuvor aber wollte er noch zu einer Freundin. Die wohnte in einem Bordell. Nach einer Stunde kam er wieder raus und wir sind losgefahren. Am Ende zeigte das Taxameter 1360 Euro - das war aber noch vor vielen Tariferhöhungen. 1500 Euro hat er mir dann gegeben und mich noch volltanken lassen.“

Nicht immer geht es so freundlich aus. „Es gibt Leute, die steigen ein und sagen: Fahr’ mi hoam, du Arsch! Direkt so.“ Dann ist es Urs’ Menschenliebe, die das mit Langmut erträgt. „Ja, weil wir uns alle ähnlich sind. Egal, was wir machen - wir wollen geliebt werden und wir funktionieren nach diesem Prinzip. Wenn Leute böse sind, ist irgendwas, was sie daran hindert, ihre Freiheit und ihr Glück zu leben.“

Eigenes Isar-Funk-Gerät demoliert

Urs holt seine Fahrgäste da ab, wo sie grad emotional stehen. Einmal hat einer auf sein Isar-Funk-Gerät eingeschlagen. „Ich hab dann einfach auch draufgeschlagen. Da schaute er mich an und fing an zu lachen: ,Du bist echt der blödste Taxifahrer, der mir je begegnet ist! Wieso haust du dein Gerät kaputt?‘ Darauf ich: ,Du, ich wollt’ einfach mal wissen, wie sich das anfühlt.‘“ Am Ende war das Gerät zwar etwas demoliert, es entwickelte sich aber eines der besten Gespräche, die Urs im Taxi je hatte. „Dem ist alles weggebrochen, alles hat ihn an seinem Glück gehindert. Er hat’s mir erzählt und sich tausend Mal entschuldigt. Und gleichzeitig hat er mir damit ein Geschenk gemacht: Er hat seine Gefühle offenbart!“

Urs tut das auch. Gern sogar. Zum Beispiel das Verlorensein in der Klinikwelt. „Die Patienten sind gehemmt, sie untergeben sich, denken, dieser Gott in Weiß kann alles. Und als Arzt sollte man ja auch nach allen Regeln der Kunst handeln. Aber diese Hierarchie war nichts für mich. Jetzt ist das Taxi mein Medium. Da bin ich für die Leute der doofe Fahrer. Sie hauen entweder auf mich ein oder sie erzählen mir was - sie bringen ihre Stimmung mit. Lustig, traurig, schräg. Da gibt’s alles.“

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Nicholson kauft eine Stunde lang im Media Markt ein

Die ganze Welt - von oben bis unten. Vom Penner, der einfach mal zwei Stunden durch die Stadt chauffiert werden will, bis zum Hollywoodstar, wie Jack Nicholson. „Der war genauso schräg wie im Film. Der stieg mit einer jungen Russin ein, an einer Ampel stieg er dann einfach aus. Als ich die Frau ansah, meinte sie, der kommt schon wieder... Er kam wieder. Nach einer Stunde. Er hatte im Media Markt eingekauft.“

Superstar Robbie ­Williams hatte Urs erst gar nicht erkannt. „Der kam um drei Uhr nachmittags aus dem Arabella Sheraton und wollte zum Park Hilton. Ich hab’ ihn halt gefragt, woher er kommt, wir haben uns super unterhalten. Vielleicht hat er es sogar genossen, dass ich ihn nicht erkannt habe. Wir sind für damals 10,30 Mark beim Park Hilton angekommen, er hat mir einen Hunderter in die Hand gedrückt. Ich sagte ihm, da ist ’ne Null zu viel auf dem Schein; und er meinte, nein, das passt. Dann stürzten die ganze Groupies auf ihn los. Sie erzählten mir dann, wer der Fahrgast war.“

Ein Mann und sein Taxi: Urs Schmidt zieht die Touren durch München die Arbeit in einer Klinik vor.

Als Taxler braucht man drei Sachen

Ach, viele Geschichten könnte Urs erzählen - von Prominenten, Unbekannten - immer aber Menschen, die ihm das Leben ins Taxi spült und die ihn so glücklich machen. Was man dafür als Taxler braucht? „Drei Sachen! Als Erstes, Menschenliebe, egal wie die Leute drauf sind. Das Zweite: dass man gern Auto fährt. Ich hab’ ne Zeit lang mit GoCart-Rennen mein Geld verdient. Überholen, überholt werden, Geschwindigkeit, schnelle Reaktionen - das ist wie Tanzen. Und Nummer drei: Man muss ein Zocker sein, ein Spieler. Taxifahren heißt: Wie krieg ich möglichst schnell den nächsten Fahrgast, und wie kann ich das optimieren, dass der womöglich zum Flughafen fährt und der nächste gleich wieder da steht.“

Urs gilt in der Branche als einer der schnellsten und umsatzstärksten der Stadt. Vier Nächte die Woche müssen reichen - an diesem Punkt ist er eiskalt: Er hat Frau und zwei Kinder - die Familie ist sein Ein und Alles.

Beruflich hat er die Erfüllung gefunden: Menschen und die Gesetze des Lebens. An diesem Punkt sind der Arzt und Taxler eins!

Übrigens: Robbie Williams ist zum dritten Mal Vater geworden. Die Geburt der kleinen Coco konnte jedoch niemand erahnen. Denn: Seine Frau Ayda Field war gar nicht schwanger.

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Ulrike Schmidt

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