25.000 Euro Schadensersatz

Halbnacktem Patient 19 Zähne gezogen - Arzt muss blechen

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Zahnarzt Rudolf A. (57, Name geändert) mit Verteidiger Hans-Jörg Weber vor dem Oberlandesgericht.

München - Ein Patient will, dass ihm alle Zähne gezogen werden. Der Arzt erfüllt ihm diesen Wunsch und wird anschließend verklagt. Der irre Fall landet vor dem OLG und bestätigt den Anspruch auf Schadensersatz.

Ein Patient kommt halbnackt zum Zahnarzt und bittet ihn: „Ziehen Sie meine Zähne. Und zwar alle.“ Ein Scherz? Nein. Peter S. (29, alle Namen geändert) suchte im Januar 2013 tatsächlich mit diesem Wunsch die Praxis von Rudolf A. (57) in Germering auf. Der operierte ihm innerhalb von zwei Wochen 19 Zähne aus dem Kiefer. Und stellte eine Privatrechnung über 2047 Euro aus.

Ist das nicht irre? Tatsächlich: Denn Peter S. litt zum Zeitpunkt der Behandlung an einer schizophrenen Psychose. Im Wahn glaubte er, seine Zähne machen ihn impotent – und wollte sie um jeden Preis loswerden. Nur zwei Wochen später wurde S. in die Psychiatrie eingewiesen. Sein gesetzlicher Betreuer verklagte den Zahnarzt auf Schadensersatz und forderte 25.000 Euro. Das Landgericht gab ihm Recht! Dagegen legte der Zahnarzt Berufung ein. Am Mittwoch verhandelte das Oberlandesgericht den Fall.

Richter schimpft: "Kunde ist doch nicht König"

„Mein Mandant war gar nicht einwilligungsfähig. Das hätten Sie erkennen müssen, bevor Sie ihm die Zähne ziehen“, sagte Anwalt Enrico Knaak, der Peter S. vertritt. Selbst Richter Wilhelm Schneider machte diese Geschichte ratlos. „Sie müssen doch hellhörig werden, wenn ein Patient mit solchen Wünschen kommt. Es gilt ja nicht Grundsatz, der Kunde ist König“, schimpfte er den Zahnarzt. Der sagte: „Ich habe mir schon gedacht, dass der Mann eine Macke hat. Aber er machte sich stundenlang Gedanken um seine Zähne.“ Seine Diagose: akute Knochenentzündung. Zudem stellte der Zahnarzt angeblich eine Allergie gegen Zahnfüllungen fest. So wollte er die Eingriffe medizinisch begründen!

Richter Schneider: „Das war eine beliebige Behauptung, keine Diagnose. Es gab überhaupt keine medizinische Notwendigkeit.“ Er wertete das Zähneziehen sogar als Eingriff in die körperliche Unversehrtheit. „Der Patient muss lebenslang eine Prothese tragen.“

Nach einer Stunde Verhandlung zog Rudolf A. seine Berufung zurück – und muss nun 25 000 Euro an Peter S. zahlen. Aber nicht nur das: Er will auch seine Tätigkeit als Zahnarzt niederzulegen. „Ich mag nicht mehr“, sagte er zur tz. „Mir sind die Patienten zu anstrengend.“ Ab sofort will er sich auf alternative Heilmethoden konzentrieren.

Andreas Thieme

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