Geduld und weitere Standorte

Astrazeneca-Ärger in München: Tausende Impfdosen tagelang unberührt - „Mit Tempo 30 zum Noteinsatz“

Wird im April der Impfturbo angeworfen? München soll dann ein Vielfaches der bisherigen Menge erhalten. Neben der Messe Riem sind daher weitere Impfstandorte im Stadtgebiet geplant.

München - Es wirkt wie ein Wettlauf gegen die Zeit: Die steigende Anzahl der Mutationen* besorgt die Politik, das Impftempo soll daher beschleunigt werden. Dafür gibt es nun berechtigte Hoffnung. Nach Informationen unserer Zeitung könnte München ab dem zweiten Quartal rund 13.000 Impfdosen pro Tag erhalten, also fast 400.000 pro Monat. Dies geht aus einer Beschlussvorlage von Gesundheitsreferentin Beatrix Zurek (SPD) für die Vollversammlung des Stadtrats am Mittwoch hervor. Die Stadt solle nicht nur möglichst rasch das Impfzentrum in Riem erweitern, sondern auch mehr Impfstandorte schaffen, heißt es darin. Dafür will sich Zurek am Mittwoch die Genehmigung vom Stadtrat einholen. Stand Montag hatte München seit dem Impfstart Ende Dezember rund 124.000 Impfdosen erhalten: 90.500 von Biontech, 24.600 von AstraZeneca und 8800 von Moderna.

München im Verzug mit Corona-Impfungen - Großteil der Bevölkerung ohne Möglichkeit

Das Zentrum in Riem ist für maximal 7000 Impfungen täglich ausgelegt. Aktuell werden dort 3000 Menschen pro Tag immunisiert. Daher sei eine deutliche Ausweitung der derzeit bestehenden Kapazitäten notwendig, schreibt Zurek. Es gelte daher, rechtzeitig die personellen und räumlichen Voraussetzungen zu schaffen. Nach wie vor ist in München* nicht mal die erste Priorisierungsgruppe komplett geimpft. Dieser gehören rund 120.000 der insgesamt 1,55 Millionen Einwohner an: Bewohner und Beschäftigte von Alten- und Pflegeheimen, medizinisches Personal sowie Bürger über 80 Jahre, die in ihrem eigenen Zuhause leben. Erst 52.000 Menschen sind laut Stadt bisher geimpft.

Astrazeneca-Probleme in München: Impfstoff lagert ungenutzt - „Mit Tempo 30 zum Noteinsatz“

Kritik gibt es unterdessen, weil die Stadt das Präparat Astrazeneca einige Zeit liegen ließ und erst rund zehn Tage nach der Lieferung gespritzt hat. Damit sei kostbare Zeit verstrichen, meint zum Beispiel der ehemalige Notarzt Dieter Gebauer. Mittlerweile ist der Mediziner aus Sendling pensioniert. Doch aus der Erfahrung seines Berufslebens weiß der 69-Jährige: „Zeit bedeutet auch Leben retten und Gesundheit bewahren. Da fahr ich nicht mit Tempo 30 zum Noteinsatz.“ Gebauer hat eine Mail an OB Dieter Reiter (SPD)* geschrieben und seinen Unmut über das Gesundheitsreferat kundgetan. Vor allem ärgert ihn, dass die Stadt schon seit 16. Februar über 12.700 Dosen des Impfstoffs Astrazeneca verfügt hat. Das Präparat wird aber erst seit Samstag verwendet. „Man hätte also bereits viele Menschen unter 65 Jahren mit Astrazeneca impfen können“, sagt Gebauer. Dies wiederum hätte zur Folge gehabt, dass wohl einige tausend Senioren der Gruppe 1 früher mit Biontech oder Moderna hätten immunisiert werden können.

Noch immer warten in München Über-80-Jährige lange auf einen Termin. Ein Ehepaar berichtet am Montag unserer Zeitung, dass sie sich vor sieben Wochen online registriert haben. Eine Rückmeldung sei bisher nicht erfolgt, und bei einer Nachfrage am Corona-Service-Telefon sei man beschieden worden: „Bitte haben Sie Geduld.“

Die Landesseniorenvertretung Bayern (LSVB) fordert daher nun die Zulassung des Impfstoffs von Astrazeneca auch für Ältere. Angesichts der bevorstehenden dritten Welle in der Pandemie müsse die Politik sofort handeln, betont der Vorsitzende Franz Wölfl am Montag in München. Die Politik dürfe sich nicht länger hinter der Ständigen Impfkommission (Stiko) verstecken. Die Stiko empfiehlt Astrazeneca nur für Menschen im Alter von 18 bis 64 Jahren. Zur Beurteilung der Impfeffektivität ab 65 Jahren lägen bisher keine ausreichenden Daten vor, so die Begründung. Die EU-Arzneimittelbehörde EMA hingegen befürwortet eine Zulassung für alle Erwachsenen.

München: So begründet die Stadt die Probleme bei der Corona-Impfstoff-Verteilung

Das Gesundheitsreferat begründet den späten Impfbeginn mit Astrazeneca mit organisatorischen Änderungen: Das Registrierungsportal für die Impfterminvergabe (BayIMCO) habe umgestellt werden müssen, damit nur Unter-65-Jährige ein Impfangebot für Astrazeneca erhalten. Zudem hätten im Impfzentrum in Riem erst Umbauten vorgenommen werden müssen, weil für jeden der drei Impfstoffe Biontech, Moderna und Astrazeneca nun eine eigene Impfstraße eingerichtet worden sei. Auch das Anmeldesystem sei angepasst worden, da Astrazeneca-Impflinge einen anderen Aufklärungsbogen erhalten.

Laut den aktuellen Zahlen der Stadt wurden bis dato erst 800 der 24.600 Dosen von Astrazeneca verimpft. Auch bei Moderna sind es nur 650 von 8800. *tz.de ist ein Angebot des Ippen Digital Netzwerks.

Am Mittwoch beraten Bund und Länder beim Merkel-Gipfel über den Anti-Corona-Kurs im Lockdown. Viel hängt seit langem von den Sieben-Tage-Inzidenzen ab.

Rubriklistenbild: © Marcus Schlaf

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