Spenden und Quartiere gesucht

Asyl-Welle in München! Die Verzweiflung wächst

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Hochbetrieb am Hauptbahnhof

München - Die Zahl der Flüchtlinge in München - was in mehrfacher Hinsicht zu Problemen führt: Bei der Polizei herrscht Hochbetrieb und Angst vor Krankheiten. Die Stadt muss sich ständig nach neuen Unterkünften umschauen - und auch die Kleiderkammern sind leer.

Es ist die größte Fluchtbewegung seit dem Zweiten Weltkrieg. Der Krieg in Syrien vertreibt Millionen Menschen aus ihrer Heimat. Doch auch aus dem Irak, Afghanistan und afrikanischen Kriegs- und Krisengebieten fliehen immer mehr Menschen. Dieses Jahr erwartet Deutschland 800 000 Flüchtlinge. Jeder Fünfte kommt in ­München an, etwa 1,5 Prozent von ihnen werden bleiben. Allein die Münchner Polizei brachte 30 009 Frauen, Männer und Kinder zu der genau heute vor einem Jahr eröffneten Registrierungsstelle am Hauptbahnhof. Fluchtpunkt München! Der tz-Report über die fieberhafte Suche nach Spenden und Quartieren.

Der traurige Alltag der Bahnhofs-Polizisten

In einem offenen Brief an die Bayerische Staatsregierung prangert die Gewerkschaft der Polizei (GdP) unhaltbare Zustände in den Dienststellen der Landes- und Bundespolizei an, die speziell in den Grenzgebieten mit der ständig steigenden Zahl der Flüchtlinge an Bahnhöfen und Autobahnen mancherorts heillos überfordert sind. Bis zu 750.000 Menschen werden in diesem Jahr erwartet, 300.000 sind nach Schätzungen noch auf dem Weg. Erfassung, Unterbringung, Transport, Schleuser-Festnahmen – das alles bleibt überwiegend an der Polizei hängen und die Kriminalitätsbekämpfung entlang der Autobahnen bleibt auf der Strecke. Die tz fragte in der für die Münchner Flüchtlinge zuständigen Polizeiinspektion 16 im Hauptbahnhof nach:

Polizist Michael Junker trägt ein erschöpftes Flüchtlingskind. Die Mutter lächelt dankbar.

Vor ziemlich genau einem Jahr hat sich Robert Bachmaiers (43) Revier quasi über Nacht verändert. Der Polizeikommissar ist der Leiter der Verfügungsgruppe der PI 16 am Münchner Hauptbahnhof und damit zuständig für die typische Bahnhofskriminalität wie Diebstahl, Raub, Körperverletzungen, Hausfriedensbrüche, Alkoholexzesse und Drogendelikte. Zusätzlich empfängt er mit seinem Team Flüchtlinge, die täglich mit den Zügen aus Italien und Österreich kommen und nach der Registrierung der Regierung von Oberbayern übergeben werden. Der August-Rekord liegt bei 422 Menschen an einem Tag. „Die Leute trauen uns. Ihre Freundlichkeit und Dankbarkeit sind berührend.“ Zuweilen hört man unflätige links- und rechtsradikale Bemerkungen von Bürgern. Bachmaier: „Das überhören wir. Diskutieren ist da sinnlos.“

Ein großes Problem für die Beamten der Landes- und Bundespolizei war die Angst vor ansteckenden Krankheiten. Seitdem in der Registrierungsstelle im Starnberger Flügelbahnhof ein Arzt und ein Sanitäter sofort helfen und alle Beamten geschult wurden, ist dieses Problem gelöst. Der stellvertretende Dienststellenleiter Artur Mitterer: „Wir sehen zuweilen Fälle von Krätze, Malaria, Fieber, Durchfall und Verletzungen. Nichts davon ist ansteckend, solange die Hygienevorschriften eingehalten werden. Die eigentliche Belastung ist die Masse der Menschen.“ Manchmal erfahren Bachmaier und seine Kollegen von den Schicksalen der Flüchtlinge: „Wir können nicht ermessen, was diese Menschen erlebt und mitgemacht haben. Aber wir können versuchen, sie auf ihren ersten Schritten in Deutschland zu begleiten. Menschen zu helfen ist einer der Gründe, warum ich gern Polizist bin.“

Stadt plant jede Woche neue Unterkünfte

Für Sozialreferentin Brigitte Meier (SPD) ist die Unterbringung der Flüchtlinge, die der Stadt zugeteilt werden, eine riesige Aufgabe. 1,5 Prozent der in Deutschland registrierten Asylbewerber muss München aufnehmen. Und Zelte sowie Massenlager kommen für sie nicht in Frage – bislang jedenfalls. „Bis gestern hatte ich gedacht, wir kommen mit unseren bisherigen Planungen über den Winter“, so Meier. „Als dann der Bundesinnenminister mit der neuen Prognose kam, musste ich schon schlucken.“ Thomas de Mazière erwartet 800 000 Asylbewerber. Das würde bedeuten, dass München dieses Jahr 12 000 Asylbewerbe neu aufnehmen müsste.

Meier sagt: „Wir haben derzeit 6000 Asylbewerber, die aus dem vorigen Jahr da sind. Bislang sind heuer 4000 hinzugekommen.“ Nächste Woche wird es wieder einen Standortbeschluss für neue Unterkünfte geben. Zum einen soll das ehemalige MAHAG-Zentrum in der Karlstraße statt – wie bisher geplant – 500 Menschen nun 800 Asylbewerber aufnehmen. Außerdem sind weitere Leichtbauhallen in Pasing, Feldmoching, Obermenzing, Karlsfeld und Schwabing geplant. Überdies werden zusätzliche Gewerbebauten bezogen und bestehende Unterkünfte erweitert. Insgesamt 1600 neue Betten werden nächste Woche beschlossen.

Erschwerend kommt hinzu: Viele für Flüchtlingsfamilien angemietete Pensionen müssen für Oktoberfestgäste geräumt werden. Auch die Containersiedlung an der Messe wird wegen der bevorstehenden Bauma aufgelöst. Wird die Stadt irgendwann doch etwa die Olympiahalle belegen müssen? Meier: „Wir wollen auf jeden Fall keine Bezirkssporthallen belegen.“

Kleiderkammern der Helfer sind leer

Eigentlich könnten sich die Helfer der Diakonia nicht beschweren: Viele Münchner haben in den ­vergangenen Monaten fleißig Altkleider abgegeben, das Schwierige ist nur: 97 Prozent der Textilspenden, die in den Lagern am Stahlgruberring der Hilfsorganisation landen, sind Frauenkleider.

Nicole Bößl, Leiterin Diakonia-Annahmestelle, zeigt die leeren Tonnen in der Kleiderkammer.

Dabei kommen viel mehr Männer in München an als Frauen. Mehr als 10 000 Flüchtlinge hat die gemeinnützige Organisation seit Jahresbeginn in der Bayernkaserne und ihren Dependancen versorgt. Doch für Männer gibt es kaum noch etwas. Darum bittet das Hilfswerk vor allem um Männerkleidung in kleinen Größen.

Hier die Liste des Notwendigsten, das an den beiden Annahmestellen in der Dachauer Straße 192 (Rückgebäude) und am Stahlgruberring 8 abgegeben werden kann. Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 9 bis 16 Uhr, Donnerstag bis 19 Uhr. Samstag 9 bis 14 Uhr.

Herrenkleidung: Hosen, T-Shirts. Pullover, Unterwäsche, Socken für Männer in den Größen S bis L, Schuhe in den Größen 38 bis 48

Damenkleidung: Umstandsmoden, Strumpfhosen, Kopftücher

Säuglinge und Babys: Babynahrung, Windeln, Schnuller, Fläschchen, Strampler, Pflegeprodukte, Wickelunterlagen, Fläschchenwärmer, Stilleinlagen, Thermoskannen, Töpfchen, Toilettensitzverkleinerer, Tragetücher, Babytragen, Kinderwägen und Buggys

Hygieneartikel: Duschgel, Shampoo, Seife, Deos, Zahnbürsten, -pasta und -seide, Bürsten und Kämme, Haargummis, Ohropax, Binden und Tampons, Taschentücher, Wattestäbchen, Handtücher, Waschlappen, Waschpulver

Reisegepäck: Koffer, Rucksäcke, Taschen, Regenschirme, Decken, Schlafbrillen

Bildung/Freizeit: Notizhefte, Vokabelhefte, Schulhefte, Malkasten und Pinsel, Buntstifte, Kugelschreiber, Bleistifte. Spitzer, Radiergummis, Musikinstrumente, Bastelmaterialien, Wörterbücher (Deutsch – Englisch, Persisch, Französisch, Arabisch, Spanisch, Russisch), Spiele, Lego, Duplo, Puzzle, Schach

Geldspenden: Da es vor allem an Kleidung für schlanke Männer fehlt, müssen Textilien gekauft werden. Aber auch Medikamente, Fahrkarten und Sprach-Bücher kosten Geld. Spendenkonto: Landeshauptstadt München, HypoVereinsbank München, Konto Nummer 81300, IBAN: DE34700202700000081300. BIC: HYVEDEMMXXX, BLZ 70020270.

Weitere Informationen gibt es im Internet: muenchen.de/fluechtlinge

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