Video: Asylbewerber-Camp geräumt

Ein Flüchtling wiederbelebt, mehrere im Koma

München - In der Nacht zum Sonntag haben Stadt und Freistaat das Asylbewerber-Camp am Rindermarkt geräumt. Ein Flüchtling musste laut OB Christian Ude wiederbelebt werden, mehrere Personen seien im Koma gelegen.

Um Punkt fünf Uhr in der Nacht auf Sonntag wollen Stadt und Freistaat beim Hunger-Drama auf dem Rindermarkt nicht mehr abwarten, bis der erste Mensch stirbt. 350 Polizisten umstellen das Lager und verschaffen Notärzten Zutritt. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit: Die Demonstranten essen seit einer Woche nichts und trinken seit fünf Tagen nicht mehr. Die Retter verteilen die 44 Flüchtlinge – darunter drei Kinder – auf ein Dutzend Krankenhäuser. Der Staat räumt den Rindermarkt!

OB Christian Ude (SPD) rechtfertigt den Einsatz: „Es ging nicht darum, dass die Polizei die Asyldebatte beendet, sondern ausschließlich um die Rettung von Menschenleben.“ Innenminister Joachim Herrmann (CSU) sagt: „Wir hatten von Anfang an zwei Prinzipien: Leben zu schützen und den Rechtsstaat aufrecht zu halten.“ Der Krisenstab habe die Auflösung der Versammlung angeordnet, nachdem drei Notärzten der Einsatz verwehrt worden sei, sagt KVR-Chef Wilfried Blume-Beyerle. Zuvor habe ein Arzt der Kassenärztlichen Vereinigung, der noch im Lager war, Alarm geschlagen: Mehrere Menschen schwebten in Lebensgefahr!

Die Behörden sehen sich nach der Räumung bestätigt: Die Beamten fanden einen Bewusstlosen unter Decken, sagte Polizeivizepräsident Robert Kopp: „Das war erschreckend.“ Ein Flüchtling habe wiederbelebt werden müssen, sagte Ude. Dem Mann sei der Kreislauf zusammengebrochen, möglicherweise durch Herzstillstand. Mehrere Personen seien im Koma gelegen. Zehn Flüchtlinge hat die Polizei nach eigenen Angaben in die Klinik zwingen müssen. Einige Unterstützer hätten sogar noch die Abfahrt der Rettungswagen blockiert!

Ein neuer Sprecher behauptete, die Hungerstreikenden seien von Polizisten „angegriffen, geschlagen und getreten“ worden. Der Flüchtlingsrat nannte den Einsatz „menschenverachtend“. Die Polizei wies die Vorwürfe zurück.

Ude bekräftigte, dass es dem Anführer „nie um erfüllbare Forderungen“ ging – sondern um Asyl für alle. Die Flüchtlinge sind in Notunterkünften der Stadt untergekommen. Danach protestierten einige wieder am Rindermarkt.

Jacob Mell, David Costanzo

Die „Unterstützer“ behindern Räumung

Bis zu 200 vermeintliche Unterstützer der Flüchtlinge seien in der Nacht rund um den Rindermarkt unterwegs gewesen, sagt Polizeivize Kopp. Der Innenminister ordnet sie der „linksautonomen Szene“ zu. Während der Räumung nahm die Polizei zwölf Personen meist wegen Widerstandes und Beleidigung vorläufig fest, Sonntagmittag waren zehn schon wieder frei. Bei drei Unterstützern wurde die Identität festgestellt. Elf Personen nahm die Polizei kurzzeitig in Gewahrsam, weil sie sich nicht an den Platzverweis hielten. Aus Sicht des Polizeivizes wurde niemand verletzt.

Die Flüchtlinge müssen in die Klinik

Am Ende sind die Demonstranten aus Asien und Afrika gezeichnet von sieben Tagen Hunger- und fünf Tagen Durststreik. Lebensgefahr! 44 Flüchtlinge, darunter drei Kinder, kommen in zwölf Krankenhäuser. Manche erholen sich dank der Infusionen schnell, andere nicht: Von den 26 Menschen in den städtischen Kliniken Schwabing, Bogenhausen, Neuperlach und Harlaching ist am Sonntagmittag die Hälfte noch in Behandlung, sagt der Ärztliche Direktor, Prof. Hans-Jürgen Hennes. Ob sie bleibende Schäden davontragen, lasse sich noch nicht abschätzen. Das Bundesamt für Migration sagte den Hungerstreikenden eine schnelle Prüfung ihrer Asylanträge zu. Bei mehreren sei der Flüchtlingsschutz sogar schon gesichert. Zehn Bewerber klagten derzeit, sieben seien bereits abgelehnt.

Die Vermittler scheitern

Sie wurden am Samstagnachmittag um Hilfe gebeten, kurz darauf waren sie zur Stelle – Ex-Minister und Alt-OB Hans-Jochen Vogel (87, SPD) sowie Ex-Landtagspräsident und Chef des Zentralkomitees der Katholiken Alois Glück (73, CSU). „Wir kamen als Menschen, um aus eigener Verantwortung Gespräche zu führen, um Menschenleben zu retten“, sagte der Alt-OB der tz. Doch auch die beiden dürfen nicht mit den Flüchtlingen reden, sondern nur mit dem Anführer. Auf dessen Forderung nach Asyl für alle können und wollen sie nicht eingehen – Vogel und Glück gehen erschüttert. „Es erfüllt uns mit großer Sorge und Trauer“, sagt Vogel. Die Entscheidung zur Räumung sei erst nach ihrem Bericht gefallen. Zumindest ein Gutes findet Vogel: „Es stärkt die Demokratie, dass in Wahlkampfzeiten die Repräsentanten von Stadt und Land in dieser Weise zusammenarbeiten.“

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