Bürgerversammlung in der Tonhalle

Reiter und Herrmann verteidigen zweite Stammstrecke gegen 650 Gegner

Bei der von 650 Münchnern besuchten Bürgerversammlung verteidigten Bayerns Innenminister Joachim Herrmann und Münchens OB Dieter Reiter den Bau der zweiten Stammstrecke.

München - Im zweiten Anlauf hat es geklappt: Verkehrsminister Joachim Herrmann (CSU) stand den Haidhauser Bürgern am Donnerstagabend zum Bau der zweiten S-Bahn-Stammstrecke Rede und Antwort. Ende Februar musste die Veranstaltung nach tumultartigen Szenen abgesagt werden. Grund: Der Saal im Hofbräukeller am Wiener Platz war viel zu klein für den Andrang. Am Donnerstagabend fand die außerordentliche Bürgerversammlung nun in der Tonhalle im Werksviertel statt. Rund 650 Zuhörer waren gekommen und forderten mit überwältigender Mehrheit den Stopp des Großprojekts, an dem seit Anfang April gewerkelt wird. OB Dieter Reiter (SPD) leitete die Veranstaltung. Der Projektleiter der Deutschen Bahn Markus Kretschmer, der mit vereinzelten Buhrufen begrüßt wurde, klärte über das Mammut-Vorhaben auf, das 3,8 Milliarden Euro verschlingen wird.

650 Haidhauser verfolgten am Donnerstag die Bürgerversammlung.

Gebuddelt wird in München bis 2026. Dann, so die Prognose, soll die zweite Stammstrecke fertig sein. Der neue Verkehrsast soll ein Ventil für die heillos überlastete Stammstrecke schaffen. Die Trasse verläuft auf einer Strecke von zehn Kilometern zwischen den Bahnhöfen Laim und Leuchtenbergring. Kernstück ist ein sieben Kilometer langer Tunnel zwischen Hauptbahnhof und Ostbahnhof (360-Grad-Videos der 2. Stammstrecke: So sehen die neuen Haltestellen aus).

Viele Haidhauser Anwohner fürchten Baulärm, Bauschutt, Stau und ein Jahrzehnt Chaos, weil die neue S-Bahn-Röhre auch unter ihrem Stadtviertel hindurchgebohrt wird. Sie verschafften gestern ihrem Unmut lauthals Luft. Viele Kritiker bezweifelten auch den Nutzen der zweiten Stammstrecke: Sie würden den Bau eines Nord- und Südrings als schnell zu realisierenden Bypass für effizienter halten. Sowohl Herrmann als auch Reiter beteuerten jedoch, dass diese Vorhaben auch realisiert würden, der Tunnel aber Vorrang habe. Herrmann: „Wir werden noch vor der Sommerpause ein Grundgerüst für den S-Bahn-Ausbau nach 2026 vorlegen.“

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (l.) und Münchens OB Dieter Reiter auf dem Podium.

Angesichts des bis zu 40 Meter tiefen Tunnels sorgten sich viele Zuhörer um das Sicherheitssystem bei einem Katastrophenfall. Der Weg nach oben sei viel zu weit. Eine Geschäftsfrau aus der Kellerstraße befürchtete zweieinhalb Jahre lang Staub und Dreck vor ihrer Konditorei: „Die Leute wollen nicht jeden Tag Sandkuchen haben.“ 

Klaus Vick

Bilder: Startschuss für den Stammstrecken-Bau

Ich halte gar nichts davon

Ferdinand Schuster (72): „Ich wohne schon seit meiner Geburt in Haidhausen und betreibe dort ein Lokal, das Nomiya. Ich wohne am Ostbahnhof, und direkt unter meinem Haus soll jetzt ein Bahnhof entstehen. Da halte ich nichts von. Ich sehe das als eine Kriegserklärung der Politiker an unsere schöne Stadt. Die Meinung von uns Bürgern wird einfach unterminiert.“

Angst vor Lkw-Lärm

Ilse Baumgart (75): „Ich lebe seit 40 Jahren in Haidhausen, in der Nähe vom Gasteig. Ich habe Angst vor dem Lastwagenlärm, der unsere Nachbarschaft jahrelang belasten wird. Wahrscheinlich ist das Projekt nicht mehr aufzuhalten, auch wenn vielen unwohl dabei ist, wenn dort 40 Meter tief in die Erde gebohrt wird. Aber wir versuchen es halt trotzdem.“

Kurz vor dem Kollaps

Christoph Becker (50): „Ich möchte wissen, wie die Proteste weitergehen. Es gibt bessere Projekte, die man auf die Beine stellen könnte, um die Verkehrssituation zu verbessern. Man müsste den Verkehr ums Zentrum herumführen, anstatt noch mehr ins Zentrum zu verlegen. Ich pendle zur Arbeit und beschäftige mich sehr viel mit diesem Thema – ich glaube, der Nahverkehr in München steht kurz vor dem Kollaps.“

Interviews: Anna Mayr

Lesen Sie hier den Gastbeitrag „Dieser Nahverkehr ist der 1,5-Millionen-Stadt München unwürdig“

Unsere wichtigsten Geschichten aus Haidhausen posten wir auch auf der Facebookseite „Haidhausen - mein Viertel“

Rubriklistenbild: © Sigi Jantz

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