Wohnungsprojekt steht still

Ehemaliger Frauenknast: Weiter Stillstand und Leerstand am Neudeck 

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Totaler Stillstand: Die Idee eines Sozialprojektes im Ex-Frauenknast Neudeck scheiterte, aber Wohnungen können auch nicht entstehen. Dagegen klagt das Landratsamt.

München - Seit mehr als sechs Jahren steht das ehemalige Frauengefängnis am Neudeck leer. Eigentlich sollen hier 200 Wohnungen entstehen, doch das Landratsamt München torpediert das Projekt. Inzwischen führt das Landratsamt drei Klagen gegen das Projekt

Direkt am Auer Mühlbach, sozusagen in Bestlage, saßen einst kriminelle Frauen ihre Strafe ab. Dies tun sie heute im neuen Frauenknast in Stadelheim. Der Komplex am Fuße des Nockherbergs wurde vom Freistaat in der Folge an einen privaten Investor, die heutige „Am Neudeck GmbH & Co. KG“, verkauft. In deren Auftrag soll die Immobilienfirma MUC Real Estate auf dem Areal rund 200 Wohnungen verwirklichen. Der Großteil soll laut MUC Real Estate in dem historischen Gefängnisgebäude entstehen, das vorsichtig saniert und umgebaut werden müsste. Auch ein Neubau mit weiteren Wohnungen war geplant.

Doch das komplette Projekt liegt seit Jahren auf Eis. Wann eine Entscheidung fällt, ist noch ungewiss. Im Hintergrund tobt ein Rechtsstreit, der erst jüngst neu befeuert wurde. So liegen der Stadt München mittlerweile schon drei Klagen gegen entsprechende Bauvorhaben und eine Baugenehmigung am Neudeck vor, wie Thorsten Vogel, Sprecher des Planungsreferates, unserer Zeitung bestätigte. Zwei der Klagen seien erst vor kurzem eingereicht worden. Als Kläger trete jeweils der Landkreis München auf. Beklagter ist die Stadt als zuständige Genehmigungsbehörde.

Ist Wohnnutzung dort überhaupt zulässig?

Seit einem Urteil des Verwaltungsgerichts vom Dezember 2014 herrscht Stillstand. Das Landratsamt, das in der Unteren Au in unmittelbarer Nachbarschaft zum Gefängnisbau residiert, hatte damals zum ersten Mal gegen den positiven Bauvorbescheid geklagt. Es ging um Abstandsfragen, aber vor allem um die Frage, ob und in welchem Umfang eine Wohnnutzung überhaupt möglich ist. Die Antwort war für den Investor negativ, der Bauvorbescheid wurde aufgehoben. Das Verwaltungsgericht stellte in dem Urteil darauf ab, dass es an dieser Stelle und in der näheren Umgebung keine oder nur kaum Wohnnutzung gebe und somit das Areal nicht als Wohngebiet, sondern als Kerngebiet anzusehen sei. Und dort sei Wohnen nur sehr begrenzt zulässig.

Der Investor ging in Berufung. „Wir warten nun schon fast drei Jahre“, sagt Christian Ruhdorfer, Geschäftsführer der MUC Real Estate. „Mir sind die Hände gebunden.“

Jetzt liegen zwei neue Klagen vor. Erst im März habe die Stadt eine Baugenehmigung für eine Nutzungsänderung des früheren JVA-Gebäudes zu einem Wohnhaus mit nur noch 128 Wohneinheiten erteilt, sagte Vogel. Ein Neubau sei nicht mehr vorgesehen, wohl aber das Anfügen von Anbauten und ein Dachgeschossausbau sowie der Neubau einer Tiefgarage mit 80 Stellplätzen. Gegen die Baugenehmigung liegt laut Vogel wieder eine Klage des Landkreises vor. Und eine weitere gegen einen jüngst verlängerten Bauvorbescheid von 2009 mit einem Nutzungskonzept für ein Studentenwohnheim – damals noch eingereicht vom Freistaat.

Um Studentenwohnungen geht es längst nicht mehr

Um Studentenwohnungen geht es ohnehin nicht mehr. Es seien „Eigentumswohnungen mit am Münchner Markt üblicher Ausstattung“ geplant, erklärt Ruhdorfer. „Die Wohnungen sind im Schnitt nur 35 Quadratmeter groß, weil wir aufgrund des Denkmalschutzes die Struktur der Gefängniszellen erhalten müssen.“ Typischerweise würden solche Wohnungen von Singles, Pendlern, Studenten oder auch Senioren genutzt. Ob und wann es dazu kommt, bleibt die Frage.

Einst gab es für das Frauengefängnis ohnehin eine ganz andere Idee: Anstelle hochwertiger Apartments wollte die Stiftung „Hotel Biss“ 60 Vier-Sterne-Hotelzimmer in dem Gebäude einrichten und Jugendlichen aus schwierigen sozialen Verhältnissen eine Ausbildung ermöglichen. Doch der Freistaat verkaufte meistbietend. Lokalpolitiker kritisierten das vehement. Der Bezirksausschuss forderte vergeblich, die Stadt möge das Areal kaufen und sinnvoll nutzen. Beim Landratsamt will man sich derzeit wegen des laufenden Verfahrens nicht äußern.

Die Münchner Au: Ein Dorf mitten in der Stadt!

Am Giesinger Berg, wo's raufgeht nach Giesing, da endet eines der ursprünglichsten Stadtviertel Münchens: Die Au! Wir stellen Ihnen die ehemalige Arbeitervorstadt mal ein bisschen genauer vor. © gs
Die Au umfasst ein Areal von etwa 158 ha (1.580.000 m2 = 1,58 km2) und gliedert sich in die untere und obere Au. Sie liegt auf der östlichen Flussniederung und auf der Isarhochterrasse. Die Hangkante am Nockherberg ist ca. 15 m hoch. © gs
Die Au wurde vom 2. Weltkrieg hart getroffen: 64 Auer kamen dabei ums Leben, 80 Prozent der Bausubstanz wurden zerstört. Nur noch ein Fünftel des heutigen Wohnungsbestandes in der Au stammt aus der Zeit vor 1919. © gs
Dennoch stehen in der Au noch viele alte Häuser ... © gs
... wie zum Beispiel hier in der Nockherstraße, direkt unterhalb des Nockherbergs. © gs
Der Strukturwandel von der ehemaligen Arbeitervorstadt zum begehrten Randgebiet der City ist in der Au allerdings weniger stark ausgeprägt als in anderen Stadtteilen. © gs
Dennoch werden auch hier immer mehr Altbauwohnungen (hier zu sehen die Taubenstraße) "aufgepimpt" und zu Wucherpreisen verkauft oder vermietet. © gs
Die Humboldtstraße markiert die südliche Grenze der Au nach Untergiesing und ist zugleich wichtige Verkehrsachse zwischen der Innenstadt und den Stadtteilen hinter Giesing. © gs
Blick von der Ohlmüllerstraße in Richtung Nockherberg/Salvatorkeller. Der liegt in der Hochstraße und damit an der Grenze zwischen der Au und Haidhausen. © gs
Erstmals wurde die Au (im Bild die Sommerstraße) am 12. Dezember 1340 urkundlich erwähnt. © gs
Im 19. Jahrhundert erlebte die Münchner Vorstadt dann einen regelrechten Boom, als sich innerhalb von 100 Jahren die Einwohnerzahl verdreifachte. Am 1. Oktober 1854 erfolgte die Eingemeindung nach München. © gs
In der Eduard-Schmid-Straße steht noch heute die 1904 von Hans Grässel gebaute Ölbergkapelle. © gs
Neben der Wittelsbacherbrücke führt mit der Reichenbachbrücke eine weitere Isarüberquerung von der Innenstadt in die Au und führt direkt in die Ohlmüllerstraße (Bild). Dort gibt es gerade einmal 33 Hausnummern. © gs
Der Bereiteranger. Verkehrsberuhigtes Wohnen ganz nah an der Isar. © gs
Neurenaissance im Bereiteranger. © gs
Eines der Wahrzeichen der Au ist die Maria-Hilf-Kirche. © gs
Sie wurde 1831 bis 1839 von Joseph Daniel Ohlmüller begonnen und von Georg Friedrich Ziebland fertiggestellt. © gs
Im Zweiten Weltkrieg wurde die Mariahilfkirche bis auf die Außenmauern zerstört, nur der Turm hielt stand. 1951/52 erfolgte der etwas vereinfachte Wiederaufbau durch Hans Döllgast. 1953 wurde die Kirche wieder eingeweiht. © gs
Bis heute hat sich in der Au ein Stück traditioneller Alltagskultur gehalten: die Auer Dulten. Die Jahrmärkte finden nach wie vor dreimal im Jahr hier auf dem Mariahilfplatz statt. Von Geschirr über Antiquitäten bis Trödel ist in den Buden unterhalb der Mariahilfkirche alles Mögliche zu finden. © gs
Am Neudeck stand bis 1905 ein Jagdschlösschen, das Herzog Wilhelm V. um 1600 hatte erbauen lassen. Anfang des 20. Jahrhunderts fanden hier grundlegende Umgestaltungen statt. Der Nockherberg wurde neu angelegt und für den Trambahnbetrieb verbreitert; das unterhalb gelegene Schlösschen und die dazugehörigen Bauten wurden abgerissen. © gs
Gegenüber entstanden die für den Frauen- und Jugendarrest genutzten Strafanstalten (Am Neudeck 10 und 12). An gleicher Stelle errichteten 1627 Paulanermönche ein Kloster. Sie wirkten 172 Jahre lang als Seelsorger und Helfer der Armen. Als das Kloster 1799 aufgelassen wurde, nutzte man es noch von 1800 bis 1801 als Feldspital, bevor es zum Zuchthaus München-Au avancierte. © gs
Der Freistaat Bayern beabsichtigt nun, das staatseigene Anwesen zum Verkauf auszuschreiben. Die weitere Nutzung des denkmalgeschützten Gebäudes ist deshalb noch ungewiss. © gs
Auch das Gebäude der Polizeiinspektion (Am Neudeck 1) stammt aus der Zeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts. © gs
Es fungierte bis 1985 als Landesimpfanstalt. © gs
Im Zuge der Baumaßnahmen nach der Jahrhundertwende wurde der Auer Mühlbach am Neudeck überwölbt, vor kurzem wieder freigelegt und als "stadträumliches Element" entdeckt. © gs
Als kreisfreie Landeshauptstadt hat München dennoch ein Landratsamt - und zwar ebenfalls Am Neudeck. Es steht, wie auch die Strafanstalt, auf dem ehemaligen Gelände des Paulanerklosters. © gs
Eine Besonderheit des Stadtbezirks waren die zahlreichen hier ansässigen Brauereien, die an der Terrassenkante ideale Standorte für Tiefbrunnen und Lagerkeller vorfanden. Von diesen Brauereien produziert heute nur noch die Paulaner-Brauerei in der Au. Hier der Blick am Nockherberg. © gs
Hier das Gebäude von der Falkenstraße aus gesehen. Die älteste Urkunde der Paulaner-Brauerei stammt aus dem Jahr 1634. Damals brauten die Paulanermönche kräftiges Bier, dessen überschüssige Reste an die Armen verschenkt wurden. Ab 1780 durften die Mönche uneingeschränkt Bier ausschenken. Allerdings ist damit bald Schluss: Paulaner gab bekannt, nach Langwied zu ziehen. Auf dem Areal der Brauerei werden wohl teure Apartments entstehen. © gs
Unterhalb der Brauerei fließt der Auer Mühlbach, der sich dann ... © gs
... entlang einer der schönsten Münchner Straßen schlängelt: Die Quellenstraße. © gs
Hier standen an der mit Wasserquellen durchsiebten Hangkante im 19. Jahrhundert zahlreiche morsche Holzhütten, heute ist nur noch die Westseite des Baches bewohnt. © gs
Im Jahr 1942 wurde an der Quellenstraße ein Luftschutzbunker gebaut. Heute ist hier die Tanz- und Musikschule untergebracht. © gs
Der die Quellenstraße kreuzende Kegelhof am Auer Mühlbach ist nach dem ehemaligen Kögelhof am selben Ort benannt. Hier stand früher eine Papiermühle, die heute umgebaut als Jugendtreff genutzt wird. © gs
Der ungewöhnliche Straßenname Am Herrgottseck hat seinen Ursprung in den früher an den Hauswänden angebrachten Kruizfixe. © gs
Gleich hinter dem Herrgottseck ist die Franz-Prüller-Sraße. Hier fühlt man sich wie nach einer Zeitreise ins 19. Jahrhundert. Dort reiht sich ein Herbergshäuschen an das nächste. © gs
Die Bewohner der Herbergen damals waren Tagelöhner, kleine Handwerker oder Krämer. Mit herzoglichem Privileg arbeiteten die "Haderlumper", die die gesammelten Stoffreste bei der Papiermühle am Kegelhof ablieferten. © gs
Blick von der Franz-Prüller-Straße Richtung Am Wageck. © gs
Auch solch nette Straßennamen gibt es in der Au. An dieser Stelle soll ein zu Ehren des heiligen Kreuzes erbautes und 1466 geweihtes Kirchlein gestanden haben. © gs
Ein Markenzeichen: Das Wirtshaus in der Au in der Liliensraße. Mitte des 19. Jahrhunderts stand hier erstmals eine Braustätte mit dem Namen "Schmuckerbräu". 1858 wurde der Brauereibetrieb eingestellt und nur die Wirtschaft fortgeführt. Später wurde das Gebäude abgerissen und durch einen Neubau ersetzt. Im Oktober 1901 wurde in den Räumlichkeiten des heutigen Wirtshaus in der Au erstmals Bier ausgeschenkt. © gs
Der 1848 von Ludwig Schwanthaler entworfene Augia-Brunnen am Paulanerplatz/Ecke Lilienstraße. © gs
Die Wegeverbindung zwischen der Franz-Prüller-Straße und der Quellenstraße wird seit Januar 2009 nach Schwester Josefa Imma Mack benannt. Die Ordensschwester der Kongregation der Armen Schulschwestern von Unserer Lieben frau versorgte unter Einsatz ihres Lebens zwischen 1944 und 1945 hunderte Insassen des KZ in Dachau. Außerdem schmuggelte sie Briefe in und aus dem KZ und ermöglichte es so den Insassen, Kontakt mit deren Angehörigen zu halten. © gs
Eines der berühmtesten Kinder der Au ist Karl Valentin. Der große Komiker wurde in der Zeppelinsraße 41 geboren. © gs
Eine Gedenktafel erinnert noch heute daran. © gs
Die Schweigerstraße führt von der Corneliusbrücke in die Au. © gs
Hier prägen vor allem moderne Bauten die Szenerie. Nicht immer schön, aber dafür sonnig. © gs
Am Feuerbächl wurde 1806 ein unterirdischer Abwasserkanal gebaut. © gs
Und noch heute verläuft die Kanalisation unterirdisch - ein Glück. © gs
Die Ohlmüllerstraße dient als viel genutzte Tramverbindung zwischen Innenstadt und Giesing. © gs
Diese Fassade in der Ohlmüllerstraße hat sicher auch schon bessere Tage gesehen. Aber irgendwie hat Altes und Heruntergekommenes ja auch seinen Charme ... © gs
Marienstatuen hinter Glasscheiben ... © gs
... sieht man auch in der Au an vielen Häusern. © gs
Das nördliche Ende der Au bildet das Ende der Lilienstraße. Auch dort stehen noch einige alte Herbergsanwesen. © gs
Am Rosenheimer Berg mit dem Müllerschen Volksbad und dem Gasteig (rechts, nicht im Bild) beginnt dann Haidhausen. Bis in die 90er Jahre war die Lilienstraße eine wichtige Verbindung in die Innenstadt. Heute übernehmen Humboldt- und Ohlmüllerstraße diese Funktion von der Au in die Innenstadt. © gs

Anne Hund

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