Immer noch ein Tabuthema

Diese Münchner reden offen übers Scheitern

+
Die Organisatoren: Marcel Rasche (24) und Sabine Sikorski (38).

München - Auf den Veranstaltungen von Marcel Rasche und Sabine Sikorski erzählen junge Menschen keine Erfolgsstorys: Sie erzählen Geschichte, in denen sie richtig gegen die Wand gefahren sind.

Mein Haus, mein Auto, mein Boot – mit Erfolgen prahlen kann jeder. Übers Scheitern dagegen spricht man in Deutschland nicht gern. Marcel Rasche (24) und Sabine Sikorski (38) wollen das ändern: Auf ihren Veranstaltungen erzählen junge Menschen in kurzen Beiträgen keine Erfolgsstorys.

Sondern Geschichten, in denen sie richtig gegen die Wand gefahren sind. „Fuckupnight“ nennt sich das, vom Englischen to fuck up, also etwas richtig versauen. „Scheitern ist ein Tabu in Deutschland. Dabei ist Scheitern nicht das Gegenteil von Erfolg“, sagt Rasche. „Es ist ein Teil, ein unausweichlicher Teil, auf dem Weg zum Erfolg!“

Der erfolgreiche Jungunternehmer weiß, wovon er spricht. „Ich hatte einen guten Job. Aber ich wollte mein eigener Chef sein, Unternehmen gründen, die Welt verändern.“ Vor vier Jahren kündigte er Stelle und Wohnung, wollte richtig durchstarten. Die Realität sah anders aus: kein Geld, kein Dach über dem Kopf. „Ich war obdachlos, schlief von Couch zu Couch.“

Als er sich aufgerappelt hatte, bekam er Wind von den Fuckupnights, die ursprünglich aus Mexiko kommen. Auch Sabine Sikorski, die heute in einer PR-Agentur ihr Geld verdient, hörte von dem Format. „Ich wollte das nach München bringen!“

Es kam an. Gut 150 Menschen besuchten die Veranstaltung im Muffat Café. Rasche gab zwei Regeln aus: Triff einen neuen Menschen. Und erzähle woran du gescheitert bist.

Zehn Jahre nur Blödsinn gemacht

„Wie ich bin? Extrem gut drauf! Warum ich hier bin? Wegen meiner Mutter.“ Gelächter. Patrick Häfner (30) scheint mit dem Mikro in der Hand geboren. Großer Bruder von sieben Geschwistern, starke Schulter, Vorbild – Unternehmer.

Patrick Häfner.

Das war nicht immer so: „Zehn Jahre lang habe ich eigentlich nur Blödsinn gemacht. Von der Schule geflogen, irgendwann doch Abitur, halbes Jahr Australien. Sommer, Sonne, läuft bei mir! Aber dann ging’s steil bergab“, sagt Häfner. Er fängt bei einem großen Pharma-Unternehmen an. „Ich hatte quasi noch den australischen Sand in den Schuhen, saß da auf meinem Stuhl und musste die Todesanzeigen in der Zeitung durchkämmen. Für jede Trauerfamilie gab’s einen Blumenstrauß.“

Zu seiner Mama sagt er: „Da geh ich keinen Tag mehr hin!“ Er bleibt bis zum Ende der Ausbildung. Anstatt nun zu kündigen fängt er in der Marketingabteilung an: „Einfach Kacke!“

Die Mama ist nicht begeistert, sieht das sichere Reihenhaus ihres Sohnes in Gefahr. Er kündigt trotzdem. „Mama, ich mach mein Geld jetzt mit Partys!“ Nebenbei studiert er BWL. „Ich war drei Mal in der Uni. Nach drei Semestern haben sie mich rausgeschmissen.“ Er schreibt sich in München ein, studiert Film. „Da gab’s natürlich Laola auf der Familienfeier“, schmunzelt Häfner. „Ich hatte zehn Jahre lang viel Spaß, aber ziemlich wenig Erfolg.“

Jobaussichten: düster. Langsam dämmert es ihm: Fast 30 und keine Ahnung, was er tun soll. Er besinnt sich auf seine Stärken: Feiern und organisieren. Heute leitet er die Firma Partyguerilla – und liefert Freibier und Schnaps auf Partys. Häfner: „Meine Mutter denkt immer noch, ich hätte einen Kiosk.“ 

Streber sein ist gar nicht so uncool

Sein Weg ist vorgezeichnet. Den elterlichen Bauernhof im fränkischen Ansbach soll Markus Sauerhammer übernehmen – als erstgeborener Sohn. Der mittlerweile 35-Jährige hat andere Pläne. Doch zunächst hält er sich an die Tradition. Er sagt: „Viele machen einfach das, was Papa macht.“

Markus Sauerhammer.

Also wird er Landwirt, macht danach eine Ausbildung zum Betriebswirt. Schnell merkt er: Der Bauernhof ist ein Auslaufmodell. Als sein Vater einen neuen Kuhstall bauen will, zieht er die Reißleine. „Das war wirtschaftlich nicht tragbar.“ Als Betriebswirt einen Job finden? „Kein Problem“, denkt sich Sauerhammer.

Doch er sieht sich getäuscht. Was jetzt? Schule war nie sein Ding. Ein Streber will er nicht sein. Trotzdem holt er sein Abitur nach und studiert. „Die Uni habe ich mit Hanf finanziert.“ Wie bitte? Mit einem Spezl entwirft er Labyrinthe auf Hanfplantagen. Er räumt den Gründerpreis der Financial Times Deutschland ab.

Er will mehr und scheitert. Als die beiden ein noch größeres Labyrinth eröffnen, macht ihnen der Regen einen Strich durch die Rechnung. Nach einem Intermezzo als Gründerberater bei der Industrie- und Handelskammer zieht es ihn zu einer Crowdfunding-Agentur nach Berlin. Dort hilft er anderen Gründern. Sein Motto: „Ich will die Welt verändern.“

Angst ist keine Option

Eva Hutter (29) sagt: „Ich bringe eigentlich alles mit, was zum Scheitern gehört. Drum hat mich auch gewundert, dass es so lange gedauert hat!“

Sie ist Journalistin mit Leib und Seele, macht eine Ausbildung in ihrem Wunschberuf, schreibt sieben Jahre lang für verschiedene Zeitungen. Unter anderem als Schwangerschaftsvertretung bei der tz. „Ich habe mich über meinen Job definiert, war emotional sehr verbandelt.“

Eva Hutter.

Darum trifft sie die Nachricht hart: Ihr Vertrag wird nicht verlängert, vielen Dank, alles Gute. „Alles war weg. Von heute auf morgen.“ Hutter fällt in ein tiefes Loch, aus dem sie über ein Jahr nicht mehr herausfindet. „In meiner Zeitungswelt war ich gut. Aber ich dachte: Draußen kann ich gar nichts!“

Angst macht sich breit, das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden. „Ich war sehr traurig, erstarrte in meiner Angst.“ Irgendwann wird sie aktiv: Kuchen backen, Zimmer streichen, Blumen züchten. „Mann kann nicht zehn Stunden am Tag einen Job suchen.“

Als sie bei einer PR-Firma anfängt, zieht sie nach kurzer Zeit die Reißleine: „Das war nicht das, was ich machten wollte.“ Heute sagt sie: „Eine wichtige Entscheidung für mich!“ Eva Hutter holt sich Hilfe, geht zu Agentur für Arbeit. „Dort sagte man zu mir: Mach dir Gedanken, was du machen möchtest!“ Das hilft.

Seit März macht sie nun eine Umschulung zur Bürokauffrau. Spießig? „Ein wenig. Aber: neue Stadt, neuer Mut. Und ich tue etwas, bei dem ich merke: Das kann ich gut!“

Tobias Scharnagl, Johannes Heininger

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

Was denken Sie über diesen Artikel?

Kommentare