Qualvolle Experimente

Hunderttausende Tiere sterben in Münchner Labors

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Jedes Jahr sterben nur in den Münchner Labors Hunderttausende Tiere für Experimente.

München - München hat die besten Ärzte, doch über die dunkle Seite der Forschung reden die Kliniken nicht freiwillig: Jedes Jahr sterben nur in den Münchner Labors Hunderttausende Tiere für Experimente!

Das berichteten die Amtstierärztinnen Marie-Luise von Brühl und Roswitha Ziegler im Rathaus. Für KVR-Chef Wilfried Blume-Beyerle ist es ein wichtiges und emotionales Thema. Er will die Kontrollen verstärken und bekommt dafür sechs neue Stellen, darunter zwei neue Amtstierärzte. Die tz beantwortet die wichtigsten Fragen:

Wie viele Versuchstiere gibt es in München? 

Bis zu 300.000 Tiere dürfen in den Laborkäfigen gehalten werden – von der Maus bis zum Pavian. Allerdings kommen die Tiere fortlaufend zum Einsatz und werden nachgezüchtet. Eine Maus kann alle acht Wochen Minimäuse werfen. Darum bleibt es nicht bei bis zu 300.000 toten Tieren. „Pro Jahr werden in München um ein Vielfaches mehr Tiere in Versuchen verbraucht“, stellen die Tierärztinnen fest.

Wer betreibt die Forschung?

Mehr als 100 Einrichtungen in der Stadt experimentieren mit dem Leben, 45 halten selbst Tiere. Meist sind es Institute der großen Kliniken LMU mit Großhadern und TU mit rechts der Isar, aber auch kleine Biotech-Firmen in Martinsried. Derzeit laufen rund 600 einzelne Projekte mit teils Hunderten genehmigten Tieren.

Worüber wird geforscht?

Zu allen Bereichen der Medizin: „Es gibt heute keine Medikament und keine OP ohne Versuch“, sagt Dr. Ziegler. Die meisten Wissenschaftler halten Tierversuche für unverzichtbar. In einigen Fällen sind sie sogar gesetzlich vorgeschrieben. Die Genehmigung erteilt die Regierung von Oberbayern, die Stadt kontrolliert.

Welche Tierversuche gibt es in München? 

Die Amtstierärztinnen nannten mehrere Beispiele aus dem Hochrisikobereich, den sie stärker kontrollieren wollen, weil den Tieren die schlimmsten Schmerzen drohen: Knochenbrüche und Achillessehnenrisse, die den Tieren gezielt zugefügt werden, oder – besonders gravierend – Herz-OPs am offenen Brustkorb. In München würden Paviane gehalten, denen Schweine­herzen eingesetzt werden, sagte Grünen-Stadträtin Katrin Habenschaden. Bei der Debatte gehe es nur um den „Versuch der Verbesserung der Todesumstände“. Die „Ärzte gegen Tierversuche“ prangern schon lange an, dass in Großhadern seit Ende der 90er Jahre Operationen mit Affen und Schweinen liefen, etwa um die Durchblutung zu untersuchen. Das Klinikum wollte auf Anfrage der tz keine Auskunft über die eingesetzten Tierarten geben.

Warum wächst die Zahl der Versuchstiere? 

Einer der wichtigsten Trends ist der Einsatz von Versuchstieren, meist Mäuse, deren Gene verändert werden. Jedes dritte Münchner Institut arbeitet mit ihnen. Dadurch sollen die Tiere gezielt an Arteriosklerose, Fettleibigkeit oder Diabetes erkranken. Das Problem: Nach der Vererbungslehre haben teils nur 25 Prozent der Nachkommen die gewünschten Gene. Der Rest – also drei Viertel der Tiere – werde laut KVR sofort „mangels anderweitiger Verwendungsmöglichkeiten getötet“!

Müssen alle Tiere sterben?

Nicht alle. Beagle-Hunden etwa wird Blut für die Antikörperforschung abgenommen. Danach werden sie an neue Herrchen vermittelt. Auch die klassischen Verhaltensexperimente gibt es noch: Forscher beobachten etwa, auf welche Reize Ratten wie reagieren.

Was sagen Tierschützer? 

Judith Brettmeister vom Münchner Tierschutzverein hat in den 90er-Jahren schon gegen Affenversuche in Großhadern demonstriert – für sie ist die Lage in München ein Skandal: „Das ist ethisch nicht vertretbar.“ Mit dem Forschungsgeld für Tierversuche sollten Projekte gefördert werden, die ohne das Töten auskommen.

Was sagen die Tierärztinnen?

Sie sehen sich als Tierschützer: Je besser die Tiere gehalten würden, umso besser seien die Forschungsergebnisse und umso weniger Tiere müssten für die Forschung sterben. Und über die Getöteten sagt Dr. Ziegler: „Die Tiere geben für uns alles. Deswegen müssen wir ihnen zurückgeben, dass sie wenigstens nicht unnötig leiden müssen.“

Die Arten

So viele Tiere dürfen in der Stadt zu Versuchszwecken gehalten werden
Tierart Anzahl
Mäuse 200 000
Fische (z.B. Zebrafische) 32 000
Frösche 30 000
Ratten 9000
Geflügel 2500
Sonstige Nager 2000
Kaninchen 400
Schweine 350
Wiederkäuer (z.B. Rinder) 290
Hunde (z.B. Beagles) 180
Katzen 60
Frettchen 60
Pferde 26
Affen (z.B. Paviane) 4
Quelle: Kreisverwaltungsreferat

Drei Labors kommen noch

Tierschützer demonstrieren gegen immer mehr Experimente mit dem Leben: Das KVR erwartet ein Plus von 15 Prozent bei den Versuchen in München – obwohl die Gesetzgebung langfristig einen deutlichen Rückgang fordert. Grund zu der Annahme liefert der Grünen-Stadträtin Katrin Habenschaden, dass Rechts der Isar, Großhadern und Deutsches Herzzentrum neue Zentren planten.

Menschenkette gegen das geplante Labor am Rechts der Isar.

Am bekanntesten ist das Krebsforschungszentrum TranslaTUM am Rechts der Isar: Rund 61 Millionen Euro sollen in den Neubau an der Einsteinstraße (Haidhausen) mit Käfigen für bis zu 36.000 Mäuse und 800 Ratten fließen. Erst Ende April gingen rund 300 Menschen gegen das Projekt auf die Straße. Im Januar lehnte eine Bürgerversammlung den Neubau ab, an dessen Stelle schon heute mit Tieren geforscht wird. Das stinkt den Haidhausern im wahrsten Sinne des Wortes, weil die Abluft aus den Labors ins Stadtviertel ziehe. Die Klinik argumentierte dagegen, dass sich im Neubau mit modernster Technik der Geruch vermindert.

David Costanzo

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