Weil nicht sein kann, was er nicht mag

Keine Fakten! Seehofer macht den Konzertsaal-König

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Horst Seehofer.

München - Philharmonie als "neuer" Konzertsaal. Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU), der den BR-Musikern einen neuen Konzertsaal versprochen hatte, macht den Monarchen: Was er nicht will, das darf nicht sein.

Die Wogen schlagen hoch über den Schulterschluss zwischen Stadt und Freistaat, die Philharmonie im Kern zu sanieren und sie als neuen Konzertsaal zu verkaufen. Einen weiteren, dringend nötigen soll es nicht geben.

Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU), der den BR-Musikern ja einen neuen Konzertsaal versprochen hatte, macht den Monarchen: Was er nicht will, das darf nicht sein. In einer langen, internen gestrigen Sitzung der CSU-Fraktion brachte er alle Abgeordneten hinter seine Linie. Und spöttelte über „sehr gescheite Leute“, die der Politik Aufträge erteilen wollten …

Der Gasteig als Heimat beider Orchester soll die Lösung sein.

Ernsthafte Gespräche mit den BR-Spitzen gab es nie. Und, so Intendant Ulrich Wilhelm zur tz: „Bei dieser Entscheidung ist ein grundsätzliches Problem ja nicht gelöst: München braucht mehr Sitzplatzkapazität in Sälen für große Orchestermusik. Der Großraum München wächst, die Klassik boomt, und die Zahl der Konzertbesucher steigt stetig. Bestehende Säle zu sanieren, reicht nicht aus. Die ­Sach­argu­men- ­te für einen dritten Konzertsaal wurden in den vergangenen Tagen so dringlich und kompakt vorgetragen, dass ich hoffe: Die Diskussion wird noch einmal geöffnet werden.“

Der Münchner Ausnahme-.Sänger Christian Gerhaher ist fasungslos: „Ich kann es nur so verstehen, dass hier zwei Politiker (Seehofer und Reiter) ihr Desinteresse an den darstellenden Künsten ausleben. Das kann ich nicht gutheißen“, sagt er im BR.

Gestern wurde im Landtag der Vorstoß von Seehofer und OB Dieter Reiter (SPD) diskutiert: die Kosten, die knapp kalkulierte Umbauzeit (zwei Jahre, siehe Kasten unten), Ausweichorte, Kostenrisiko. Und auch gestern: Keine Frage wurde beantwortet.

Konzertsaal-Studie für den Finanzgarten als Heimat der BR-Symphoniker. Für Horst Seehofer uninteressant.

Dafür meldete sich Kunstminister Ludwig Spaenle (CSU) zu Wort. Noch nie hätten Freistaat und Stadt in dieser Form und Intensität im Kulturbereich zusammengearbeitet. Die Situation werde sich für Philharmoniker und BR-Symphoniker „dramatisch verbessern“. Im umgebauten Gasteig könne man jene 1400 Quadratmeter Platz fürs BR-Ensemble (Verwaltung, Übungsräume) schaffen, die es brauche. Bei Ersatzspielstätten während des Umbaus ist er optimistisch.

In diesen Fragen hielt die Große Koalition im Landtag zusammen. Oliver Jörg (CSU) etwa sprach von einem „effizienten Einsatz von Steuermitteln“. Dass über Letzteres noch keine Angaben vorliegen, kritisierte Michael Piazolo (Freie Wähler). „Unausgegoren“ nannte er die Entscheidung, zumal es noch überhaupt keine Machbarkeitsstudie gebe. Es „nerve enorm“, wenn Seehofer ständig Versprechen breche.

Dass „keine verlässlichen Aussagen getroffen würden“, monierte auch Sepp Dürr von den Grünen. Im Übrigen sei es nicht Aufgabe des Freistaats, die Sanierung eines städtischen Gebäudes zu finanzieren, das der Stadt außerdem noch nicht einmal ganz gehöre.

Nur zwei Jahre? Unmöglich!

Undenkbar, innerhalb von zwei Jahren den Philharmonie-Konzertsaal neu hinzustellen. „Für die Entkernung braucht man ein dreiviertel Jahr – bleiben noch eineinviertel Jahre, um alles einzubauen. Das ist nicht möglich“, sagt ein MTECH-Projektleiter. Die Abbruch-Firma hat u. a. den Zara-Shop (Kaufingerstraße) und die Generali-Hauptverwaltung am Adenauerring entkernt.

Und zur Kunst: Pultstar Daniel Barenboim (F.: dpa) weiß ob Münchens Qualität. „Ich bin überzeugt, dass sich die Dichte von Auftritten der weltweit besten Ensembles, Dirigenten und Solisten angesichts des international einzigartigen, musikbegeisterten Publikums erheblich steigern würde“, schrieb er Horst Seehofer – bevor dieser sein Versprechen brach.

mth/m.b.

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