Sanierte Philharmonie statt neuer Konzertsaal

Projekt Konzertsaal: Mit Pauken und Trompeten vergeigt!

+
Außen bleibt die Philharmonie, wie sie ist – innen soll alles anders werden. Das Ziel: eine „Weltklasse-Akustik“, wie Seehofer und Reiter sagen.

München - Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) und Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) wollen die Philharmonie der Stadt kernsanieren. Der neue Konzertsaal ist vom Tisch.

Wenn in Hamburg nach ’zig verschluderten Millionen und Jahren die Elbphilharmonie eröffnet wird, dann wird die Häme schnell weg sein. Was bleibt, ist ein Bekenntnis zur Kultur. Ein weltweites Ausrufezeichen. Und München? Geigt weiterhin in Philharmonie und Herkulessaal. Die Hamburger in der Allianz Arena, und wir im Grünwalder.

So sieht’s aus, wenn sich das durchsetzt, was Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) und Münchens OB Dieter Reiter (SPD) am Montag präsentierten: Die Philharmonie wird kernsa­niert und soll dann akustische Weltklasse bieten. Abgerissen wird sie nicht – das sei nie das Thema gewesen, so Seehofer. Zweitens wird der Herkulessaal aufgehübscht, ohne an den Besucherzahlen (1300) etwas ändern zu können – das lässt der Bau nicht zu. Der neue Konzertsaal ist vom Tisch. Und aus der Vision eine Witzion geworden.

Staat und Stadt wollen also gemeinsam einen dreistelligen Millionenbetrag in die Hand nehmen, um diese Pläne zu erreichen. In acht Tagen will der Ministerpräsident die Pläne dem Landtag vorlegen. Er spricht von „hundert Prozent Realisierungschancen“.

Freistaat-Chef Horst Seehofer, Stadtchef Dieter Reiter auf der spontanen Pressekonferenz.

Werglaubt, dass die boomende Stadt München in zehn Jahren zumindest mehr Konzertplätze hat – die Abozahlen schießen prozentual stärker durch die Decke als München Neubürger bekommt –, der irrt. Die Philharmonie der Zukunft werde „geringfügig weniger Plätze“ haben als bisher (rund 2400), so Dieter Reiter. Es gehe schließlich um Qualität, nicht Quantität, betonen beide Politiker. Eine boomende Stadt mit einem hervorragenden Kulturangebot schrumpft in der Klassik bei steigender Nachfrage.

Und wann soll’s losgehen mit der Entkernung? Im Jahr 2020. Zwei (!) Jahre später wolle man fertig sein. Das ist tatsächlich mal eine Utopie – nichts weiter als eine gigantische Beruhigungspille für Abonnenten und private Veranstalter. Wo Ausweichstätten sein sollen? Weiß man noch nicht. Was das Projekt kostet? Weiß man noch nicht. Zu wie viel Prozent welches Orchester in Herkulessaal und Philharmonie spielen wird? Weiß man noch nicht. Man sei in der „Sondierungsphase“, so Seehofer.

Die Lokalgröße Philharmoniker sind zufrieden. Die Weltgröße BR-Symphoniker sind nun mit im Boot und brüskiert. Ihr Star-Chefdirigent Mariss Jansons ist frustriert. Wie Seehofer das Orchester wertschätzt, sähe man am Vorgehen: Gespräche mit dem Orchester über einen Neubau habe es nie gegeben. „Das jetzige Ergebnis ist ein Schlag ins Gesicht des Orchesters“, so deren Manager Nikolaus Pont.

Projekt Konzertsaal: mit Pauken und Trompeten vergeigt. Und etliche Weltstars der Zunft wundern sich, wie das im reichen München passieren kann. Für einen neuen Saal waren und sind u. a. Anne-Sophie Mutter, Daniel Barenboim, Kent Nagano, die Wiener Philharmoniker, Sir Simon Rattle, Andriss Nelsons und Kirill Petrenko.

Matthias Bieber

Das sagt der BR-Intendant

In den vergangenen Monaten hat sich BR-Intendant Ulrich Wilhelm leidenschaftlich für einen Konzertsaal für sein Weltklasse-Orchester, die BR-Symphoniker, eingesetzt. Den jetzigen Seehofer-Reiter-Schulterschluss kommentiert er so: „Das ist ein schwerer Schlag für die weltweit berühmte Orchesterkultur Bayerns und eine folgenschwere Entscheidung. Wir haben schon heute zu wenig Kapazität für große Orchestermusik in München, die Umbauzeit wird eine zusätzliche Lücke ins Konzertleben reißen. Die Klangkörper des Bayerischen Rundfunks (…) werden dadurch in ihren Entwicklungsmöglichkeiten genauso geschwächt wie alle anderen Orchester und privaten Veranstalter. Ich bin sehr enttäuscht über dieses Ergebnis einer zehnjährigen intensiven Debatte.“

Das sagt der private Konzertveranstalter

Ich bin erschüttert über die Pläne, Philharmonie und Herkulessaal zu sanieren und keinen neuen Konzertsaal zu bauen. Weil es niemanden wirklich weiterbringt. Die Philharmoniker verlieren ihre Erstbelegung der Philharmonie und müssen laufend in den Herkulessaal umziehen. Und für die BR-Symphoniker ist die Entscheidung eine große Enttäuschung. Der Herkulessaal ist für große Symphonik ungeeignet. Dazu ist die geplante Bauzeit für die neue Philharmonie mit zwei Jahren utopisch, damit ist es nicht abgetan. Die blühende Musiklandschaft der Stadt wird komplett kahlgemäht – und sie nach dem Umbau zu neuer Blüte zu bringen, ist wahnsinnig schwer. Diese Pläne können einen irreparablen Schaden verursachen. Wenn man alle Nachteile vereinen wollte, hat man eine sehr gute Wahl getroffen.

Andreas Schessl, MünchenMusik

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

Was denken Sie über diesen Artikel?

Kommentare