Stiftung verhökert 36 Wohnungen

Mieter flehen: Bitte verlängert unsere Frist!

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Die Bewohner in den Häusern Welfenstraße 39 und 41 haben Angst vor höheren Mieten.

München - Die Georg-Hegenauer-Stiftung will am Donnerstag Wohnungen in der Au im Bieterverfahren verhökern. Die Bewohner befürchten eine Mietanhebung und suchen verzweifelt selbst nach Käufern.

Der Holzhändler Georg Hegenauer wäre beschämt: Der verstorbene Gründer der gleichnamigen Regensburger Stiftung setzte sich einst zum Ziel, sozial schwachen Senioren bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Ausgerechnet diese Stiftung aber will am Donnerstag 36 Wohnungen in der Au im Bieterverfahren verhökern! „Das ist unmöglich und überhaupt nicht sozial“, sagt Beatrix Zurek, die Münchner Mietervereins-Chefin.

Über 30 Jahre wohnen die ältesten Mieter schon in den Häusern Welfenstraße 39 und 41. Ihre relativ günstigen Mieten halfen mit, in Regensburg Seniorenwohnanlagen zu finanzieren. Aber damit ist Schluss: Schon Anfang November wurde den Mietern laut Münchner Mieterverein mitgeteilt, dass sich die Stiftung von den Häusern trennt, um den Kauf von Regensburger Immobilien zu finanzieren. Erst hieß es offenbar, das würde in der ersten Jahreshälfte 2015 geschehen. Nun geht es der Stiftung aber nicht schnell genug.

Vergangene Woche erfuhren die Mieter die Hiobsbotschaft: Am heutigen Donnerstag soll der Zuschlag für den neuen Käufer fallen. „Da hat wohl jemand ein sehr lukratives Angebot gemacht, wenn das so plötzlich kommt“, mutmaßt die Mietervereins-Chefin. Das Problem: „Dieser Zeitrahmen ist für die Mieter viel zu kurz, um einen sozial denkenden Käufer zu suchen. Die plötzliche Dringlichkeit ist nicht erklärbar.“ Denn selbst wenn die Stadt München in irgendeiner Form helfen wollen würde, sieht Zurek dafür keine Möglichkeit: „Das ist in der kurzen Zeit nicht möglich!“

Zwar interessiert sich auch der Bauverein Haidhausen aus der Nachbarschaft schon eine Weile für das Objekt. Deren Vorstand Jörg Kosziol gibt zu: „Wir haben auch ein Angebot abgegeben.“ Aber er lässt durchblicken, dass es wohl schwer werde, die Angebote von freien Immobiliengesellschaften zu übertreffen.

Die Mieter und der Mieterverein sehen dem heutigen Donnerstag deshalb ängstlich entgegen. Sie flehten am Mittwoch das Regensburger Liegenschaftsamt an, das die Stiftung verwaltet: „Bitte verlängert die Frist! Denkt an eure soziale Verantwortung!“ Eine Sprecherin der Stadt Regensburg sagte gegenüber der tz, man könne die Sorgen der Mieter verstehen, die Frist werde aber nicht verlängert. Es hätten sich genügend Bieter gemeldet. „Darunter waren auch Genossenschaften. Wir sind optimistisch, dass der Zuschlag an gute Käufer gehen wird.“ Zumal die Mieter durch diverse Schutzklauseln gegen Kündigung und Luxussanierung geschützt seien. Ob ihnen das was bringt, zeigt aber erfahrungsgemäß erst die Zukunft …

Unsere Ängste ernst nehmen

Rainer Mund (49), Event-Manager.

Seit fast 20 Jahren ist das hier mein Zuhause. Demnächst wollte ich endlich mal renovieren — das muss ich wohl auf Eis legen. Die Unwissenheit und Unsicherheit nagt natürlich. Es war idyllisch hier: bezahlbare Mieten, tolle Nachbarn. Der ideale Käufer? Eine Genossenschaft, die unsere Ängste ernst nimmt. Dann ist der ­Besitzerwechsel eine Chance, um die Häuser auch für die nächsten Jahre sozialverträglich zu halten.

München ist meine Heimat

Frederik Rosenstand (31), Erzieher.

Mein Gehalt als Erzieher ist sehr bescheiden. Darum bin ich der Stiftung auch dankbar: Ich kam aus Dänemark her und konnte im schönen, aber sehr teuren München wohnen. Eine drastische Mieterhöhung kann ich nicht stemmen — und genau davor habe ich Angst. Man hört ja überall, dass mit Luxussanierungen die alten Mieter vertrieben werden. Manche werden jetzt sagen: Dann geh doch zurück nach Dänemark! Aber ich möchte hier nicht weg, München ist jetzt auch meine Heimat. Ich hoffe, dass unser Engagement etwas bringt.

Wir wollen Kooperation

Michael Georgi (49), Grafiker.

Die Nachricht war ein großer Schock. Dass hier eine Stiftung Eigentümer war, kam einem Versprechen gleich: Mieterfreundlich und sozialverträglich sollte alles ablaufen. Langsam habe ich da meine Bedenken. Wir sträuben uns ja nicht stur gegen jede Art von Veränderungen. Aber: Wir wollen eine echte Chance und mitreden. Deshalb will hier auch niemand die Stiftung anschwärzen, wir haben einfach Angst.

Nina Bautz, Tobias Scharnagl

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