Ein Jahr Corona in München

Den Virus-Varianten auf der Spur: Die neuen Herausforderungen für die Mediziner im Rechts der Isar

Das Eingangsschild am Uniklinikum rechts der Isar.
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Das Klinikum rechts der Isar in Haidhausen ist Münchens zweitgrößtes Universitätskrankenhaus.

Mehr als 700 Corona-Patienten wurden im Klinikum rechts der Isar behandelt, seit vor einem Jahr die Pandemie begann. Heute dreht sich alles um die Mutationen.

München - Fast ein Jahr ist vergangen, seit das Münchner* Uniklinikum rechts der Isar seine erste Corona*-Patientin aufnahm. Seitdem hat das Krankenhaus mehr als 700 Covid-19-Patienten behandelt, davon gut 200 auf den Intensivstationen. Neben der Betreuung Erkrankter begann die Klinik früh damit, an Medikamenten gegen das Virus zu forschen – und die Mediziner wissen mittlerweile deutlich mehr über den Erreger. Die Mutationen machen ihnen dennoch Sorgen, betonen Privat-Dozent Dr. Christoph Spinner, Infektiologe und Pandemiebeauftragter des Klinikums, sowie Prof. Ulrike Protzer, Direktorin des Instituts für Virologie.

Wie viele Mutationen es überhaupt gebe, ist schwierig zu sagen

Viren mutieren – das ist deren Überlebensstrategie. Das gilt auch für das Coronavirus. Inzwischen gibt es besonders gefürchtete Varianten, etwa die aus Großbritannien. Wie viele Mutationen es überhaupt gebe, sei schwierig zu sagen, erklärt Protzer. Zum einen neige SARS-CoV-2 als RNA-Virus dazu, zu mutieren. Gleichzeitig sei seine Mutationsrate aber vergleichsweise gering. „Das hängt damit zusammen, dass es Reparaturenzyme an Bord hat, die Mutationen wieder korrigieren.“ Nicht jede Veränderung habe auch automatisch eine bessere Übertragbarkeit zur Folge oder ziehe gar eine ausgeprägtere Symptomatik nach sich, fügt Spinner hinzu. „Daher ist die absolute Anzahl weniger wichtig als die konkreten Folgen der Mutationen auf die Funktionalität des Virus. Natürlich können auch Mutationen auftreten, die für die Übertragbarkeit des Virus nachteilig sind und daher auch keine bevorzugte Verbreitung finden.“

Also sei nicht jede Mutation gleich ein Grund zur Sorge, sagt Protzer – sondern nur, wenn sie die Eigenschaften des Virus verändere. „Häufig reicht dazu eine einzelne Mutation nicht aus, es bedarf einer Kombination verschiedener Mutationen. Dabei kann dann eine neue Virusvariante entstehen.“ Wenn diese neue Variante dann etwa auch die neue Eigenschaft habe, ansteckender zu sein, bezeichne man sie als „Variant of Concern“, abgekürzt VoC. Bei der englischen oder der südafrikanischen Variante des SARS-CoV-2 handelt es sich um solche „Variants of Concern“.

Die Gefahr durch Mutationen steigt

Nicht jeden, der auf Corona getestet wird, könne man allerdings einfach auf verschiedene Varianten testen, stellt Protzer klar. „Jeden Infizierten mehrfach zu untersuchen, ist nicht zielführend. Man sollte sich auf ausgewählte Proben fokussieren, aber dafür möglichst flächendeckend und repräsentativ testen, damit man einen guten Überblick bekommt – ähnlich wie bei einer Wahlumfrage.“ Damit es schneller geht, habe man inzwischen mutationsspezifische PCR-Tests etabliert. Spinner: Bei der Sequenzierung muss das Erbgut von SARS-CoV-2 entschlüsselt werden, das ist technisch aufwendiger, dauert länger – und ist damit auch kostenintensiver. Danach müssen die Ergebnisse bewertet werden. Sofern sich keine direkte therapeutische Konsequenz im Individualfall ergibt, ist es verhältnismäßig, nur Stichproben zu untersuchen.“

Infektiologe Dr. Christoph Spinner vom Klinikum rechts der Isar.

Die Entwicklung in Deutschland zeige, dass die Gefahr durch Mutationen steigt, sagt Spinner. „Das Auftreten und der Import der besorgniserregenden Varianten (VoC) ist nur eine Frage der Zeit. Insbesondere Mutationen, die mit einem hohen Risiko erhöhter Transmission einhergehen, sollten wir wirksam entgegentreten.“ Wichtig sei dennoch, dass die Wissenschaftler inzwischen gelernt hätten, wie man die Infektionen unterdrückt, das heißt, wie man sich verhalten muss, um sich nicht anzustecken oder das Virus weiterzugeben, sagt Protzer. „Konsequentes Tragen eines medizinischen Mund-Nasen-Schutzes oder einer FFP2-Maske, Meiden von Menschenansammlungen vor allem in geschlossenen Räumen – all das hält ja auch die Varianten ab. Und die Impfung wirkt auch.“ tz.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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