Wahnsinn, dieser Wandel! 

Haidhausen: Einst Armenhaus, heute Trendviertel - charmant und teuer

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Im Wandel der Zeit: Wirtin Brigitte Schnös zeigt alte Bilder des Preysinggartens in Haidhausen.

Haidhausen war einmal das frühere Armenhaus Münchens, heute muss man sich das Wohnen hier leisten können. Der Stadtteil hat sich seinen historischen Charme an vielen Ecken bis heute bewahrt .

Sie gehören zu Haidhausen wie die Straßen mit französischen Namen, der Max-Weber-Platz und das Müller’sche Volksbad: kleine, oftmals liebevoll sanierte Arbeiterhäuser aus alten Zeiten. So sehr sie heute Blickfang im Viertel sein mögen, früher hätte man die Gebäude, die Herbergen genannt wurden, wohl als Schandfleck bezeichnet. „Die Bedingungen waren verheerend“, sagt Heimatforscher Hermann Wilhelm zum Lebensstandard in früheren Zeiten. Miserable hygienische Zustände, undichte Dächer, weder Strom noch Heizung: Haidhausens Arbeitersiedlungen waren das Armenhaus der Stadt. Davon zeugt auch ein Foto, das in dem neuen Bildband „München 1890 bis 1960. Eine historische Bilderreise“ von Klaus Fröba erschienen ist. Die Kinder darauf stehen vor Häusern, die an Baracken erinnern.

In genau so einer einstigen Herberge lebt der Malermeister Johannes Hajer seit 1996. Die Geschichte seines Hauses ist exemplarisch für den unglaublichen Wandel, den das Stadtviertel durchgemacht hat. Früher hätte wohl niemand gern in der Arme-Leute-Siedlung an der Preysingstraße gewohnt. Heute beneiden viele Hajer um sein Schmuckstück.

Haidhausen damals und heute - Stadtviertel im Wandel der Zeit. Hier: Ein Bild von der Gegend um die Preysingstraße, wie sie früher aussah.

Als er mit dem Umbau begonnen hat, gab es mehr als genug zu tun. Das Dach war offen, die Heizung bestand aus zwei kleinen Ölöfen, die Wände waren zur Dämmung irgendwie mit Styroporplatten beklebt. Und: Malereien auf den Wänden erinnerten an die alten Zeiten im Viertel.

Haidhausen: Das Viertel war einst verrufen 

Mit denen beschäftigt sich Wilhelm, der zugleich das Haidhausen Museum leitet, immer wieder. „Das Viertel galt als düster“, sagt er. Lange Zeit lag die Siedlung für Arbeiter und Tagelöhner weit draußen vor den Toren der Stadt. In den Häusern – Eigentum, das in der Regel als Zimmer oder Wohnung vermietet wurde – lebten die einfachen Leute auf engstem Raum. Sechs, sieben Menschen in einem Zimmer waren Normalität, erzählt der Heimatforscher.

Der 70-Jährige hat schon immer am Max-Weber-Platz gewohnt und konnte in den vergangenen Jahrzehnten die Veränderungen im Viertel beobachten. Etwa Ende der 1970er-Jahre, als mit den Künstlern und Studenten die Kunstszene Haidhausen für sich entdeckt hat. Seitdem lebt Wilhelm in einem Trendviertel, in dem es heute viele junge Eltern und Kinderbetreuungsangebote gibt. Aber eben auch hohe Mieten.

Haidhausen: Ab den 1970er Jahren auf dem Weg zum Trendviertel

Einen Wandel auf dieser Ebene nimmt auch Brigitte Schnös wahr, die in der Wirtschaft Preysinggarten für das Büro und den Service zuständig ist. Unter der eigentlich bunt gemischten Kundschaft gibt es immer mehr Wünsche nach gehobener Küche.

In direkter Nachbarschaft zu dem Lokal ist vor 30 Jahren ein Künstlerquartier entstanden, in dem sich Eva Sperner engagiert. Zum einen betreibt sie eine Glaswerkstatt, zum anderen organisiert sie die Kulturbiennale, die bereits zehn Mal Kunsthandwerker und Künstler im Viertel zusammengebracht hat. So sehr Haidhausen heute blüht, „die Geschichte ist einem schon sehr bewusst“, sagt Sperner. 

Auch ihre Werkstatt befindet sich in einer ehemaligen Herberge. Den Umbau des Hauses hat die 66-Jährige vor einigen Jahren in einer eigenen kleinen Fotoausstellung in Erinnerung gerufen. Darin waren auch die Häuser der Nachbarschaft vertreten. Zu letzterer gehört Johannes Hajer. Dem Malermeister gefällt, das man sich kennt, die Gartentüren immer offen sind. Vertrauen, das in München nicht überall selbstverständlich ist.

Nadja Hoffmann

Das Buch

„München 1890 bis 1960. Eine historische Bilderreise“ von Klaus Fröba ist im Sutton-Verlag erschienen. Es ist für 19,99 Euro unter der ISBN-NR 978-3-96303-130-4 erhältlich.

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