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NS-Widerständler

Stiller Held: München hat jetzt einen Georg-Riedmeier-Weg

Jetzt ist Georg Riedmeier in der Au ein Weg gewidmet.

In der Au gibt es nun den Georg-Riedmeier-Weg, benannt nach einem NS-Widerständler – wer ist der Mann, der im Internet nicht zu finden ist? 

München - Der kleine Weg, der bis vor Kurzem Quellenstraße hieß, verläuft unter einem dichten Blätterdach direkt vom Auer Mühlbach bis zum Paulanerplatz. Es ist bewölkt, der Boden nass vom Regen. Die Stimmung passt zu der kleinen Zeremonie, die heute hier stattfindet. Denn die Quellenstraße heißt ab sofort Georg-Riedmeier-Weg. Mit der Neubenennung will München an einen seiner Bürger erinnern, der schon früh gegen das Nazi-Regime arbeitete – und dafür verfolgt wurde.

„Wege und Straßen sind das Gedächtnis einer Stadt“, sagt Adelheid Dietz-Will (SPD), die Bezirksausschussvorsitzende von Au-Haidhausen. Trotz des schlechten Wetters sind etwa 50 weitere Gäste zur Enthüllung des neuen Straßenschilds gekommen. Unter ihnen Riedmeiers Tochter Christine Ahlers, die 1945 geboren wurde. Sie hat ihren Vater als sehr belesenen und diskussionsfreudigen Menschen kennengelernt. „Nur über seine Erlebnisse in Haft und im Krieg hat er nicht gesprochen“, sagt sie. Erst als sie einen Schulausflug ins KZ-Dachau macht, sagt er ihr: „Na, da pass mal auf, da bin ich auch gewesen.“ Viel mehr erfährt sie nicht von den traumatischen Erlebnissen ihres Vaters. „Jahre später“, so erinnert sie sich, „meldete sich ein ehemaliger jüdischer Häftling des KZ-Dachau aus den USA. Der berichtete mir, wie mein Vater ihn in Dachau unter seine Fittiche nahm und ihm so half, das Lager zu überleben.“

Georg Riedmeier, Jahrgang 1917, entstammt einfachen Münchner Verhältnissen. Der Vater ist Hilfsarbeiter bei Paulaner, die Mutter Näherin und Putzkraft. Beide Eltern sind überzeugte SPD-Mitglieder und in diesem Sinne erziehen sie auch ihre Kinder. So lernt Georg die Jugendverbände der SPD kennen. Noch während seiner Lehre als Friseur wird er Mitglied der Sozialistischen Arbeiterjugend SAJ. Doch sein Engagement holt ihn nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler (1933) ein.

Eine Geschichte exemplarisch für die vieler Dissidenten in der Nazi-Zeit: Georg Riedmeier wurde als Sozialdemokrat mit Kontakten zum Widerstand verfolgt und ins KZ geworfen. Nach dem Krieg musste er mit dem Trauma fertigwerden – den Rest der Gesellschaft kümmerte sein Schicksal nicht.

Riedmeier wird bald danach arbeitslos. Heimlich aber bleibt er Mitglied der SAJ, auch nach dem Verbot durch die Nazis. Gemeinsam mit anderen Mitgliedern verteilt er Flugblätter und Zeitschriften gegen die NS-Diktatur. 1935 wird er von der Gestapo verhaftet. Der Vorwurf: „Vorbereitung zum Hochverrat“. Riedmeier wird zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt.

Als er 1937 entlassen werden soll, erhebt die Gestapo Einspruch: Der Gefangene entstamme einer „marxistisch verseuchten Familie“ und sei daher „zum Zwecke der Erziehung im nationalsozialistischen Sinne in Schutzhaft zu nehmen“. Der gerade 20-Jährige wird direkt aus dem Gefängnis ins KZ Dachau überführt. Er wird in Einzelhaft gesperrt, verprügelt und durch das sogenannte Pfahlhängen gefoltert. Im Frühjahr 1939 wird er zwar entlassen, jedoch ständig von der Gestapo überwacht. 1942 kommt er als sogenannter „Wehrunwürdiger“ zum Bewährungsbataillon 999.

Insgesamt zwingen die Nazis fast 40 000 Männer in dieser Einheit zum Kriegsdienst. Politisch Verfolgte werden zusammen mit Straftätern an die Front geschickt. Ausbildung und Dienst sind grausam – dutzende Männer werden schon während der Ausbildung hingerichtet. Georg Riedmeier überlebt und muss mit dem Bewährungsbataillon nach Afrika. Dort nehmen ihn am 12. Mai 1943 britische Truppen gefangen, die ihn an die US-Armee übergeben Den Rest des Krieges verbringt er in einem US-Gefangenenlager in Texas.

Im August 1945 darf er heim. Nach dem Krieg arbeitet er als Ermittler und öffentlicher Kläger an der Spruchkammer in München. Als jedoch das Interesse der deutschen Öffentlichkeit an der Entnazifizierung nachlässt, verliert er seine Anstellung bei Gericht. Er wechselt 1949 zum neu gegründeten Landesentschädigungsamt an der Möhlstraße. Täglich bearbeitet er hier Anträge von Menschen, die von den Nazis verfolgt wurden.

Die Schilderung von Enteignung, Verfolgung, Folter und Mord belasten Riedmeier sehr. Seine eigenen Wunden, besonders die seelischen, sind einfach zu tief. Er leidet unter Albträumen, Magenbeschwerden und Angstzuständen. Riedmeier ist ein gezeichneter Mann, die ständige Konfrontation mit dem Leid anderer Opfer macht es nicht besser. 1974 erleidet er einen schweren Schlaganfall, er stirbt am 7. März im Alter von 57 Jahren im Bezirkskrankenhaus Haar.

Eine Entschädigung für Haft, Folter und Zwangsrekrutierung hat Georg Riedmeier übrigens nie erhalten. Umso wichtiger ist es, dass ein kleiner Pfad in der Au ihm nun ein Denkmal setzt.

Jan Reichmann

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