Der bayerische Japaner sagt Sayonara

Münchner Kult-Lokal muss schließen - Stammgäste verzweifelt: „Gehört unter Naturschutz gestellt“

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Die Stammgäste trauern um ihr Lieblingslokal: Ganz vorne Maxi Pongratz, hinter ihm stehen Chris Boettcher (li.) und Stofferl Well.

Nach 23 Jahren schließt das „Nomiya“ in Haidhausen. Im April läuft der Pachtvertrag aus. Wirt Ferdinand Schuster und seine Stammgäste können noch nicht loslassen. 

  • Die Stammgäste wollen es nicht wahrhaben: das „Nomiya“ in Haidhausen muss schließen.
  • Seit 23 Jahren war der „bayerische Japaner“ in der Wörthstraße geöffnet.
  • Immer wieder gab es Streit mit dem Vermieter.

München - Es ist nebelig im Nomiya. Rauchschwaden ziehen an die Decke. Links vom Eingang brutzeln Butterfisch- und Garnelenspieße auf dem Yakitori-Grill, es riecht nach Grillparty und japanischen Gewürzen in dem kleinen Wirtshaus. 44 Menschen passen an die rustikalen Holztische – und es ist fast immer knallvoll beim „bayerischen Japaner“ in Haidhausen. Hier essen die Gäste Sushi und Schweinsbraten und trinken bayerisches Bier aus Steinkrügen. An den Wänden hängen Geweihe und japanische Schriftzüge. Bayern und Japan – seit 23 Jahren gibt es das in der Wörthstraße 7.

Die Idee hatte Wirt Ferdinand „Ferdl“ Schuster, 75, Filzhut, grüner Janker, Schnauzbart und buschige Augenbrauen. Er sitzt an der Theke mit seinen Stammgästen. Dass es Momente wie diesen bald nicht mehr geben wird, will er nicht glauben. „Ich habe noch Hoffnung“, sagt er. Tatsache ist aber: Ende April muss er das Nomiya schließen.

Das will hier aber noch keiner wahrhaben. Donnerstagvormittag: Ferdl, seine Familie und seine engsten Stammgäste setzen sich im Nomiya zusammen, wollen über die Rettung des Kultlokals reden – dabei steht für den Vermieter schon seit zwei Monaten fest, dass er den Pachtvertrag nicht verlängern will. In den vergangenen Jahren gab es immer wieder Streit zwischen den Eigentümern und Schuster. Mietrückstände und Vertragsstörungen seien etwa Gründe für die Kündigung gewesen, heißt es von der Immobilienverwaltung, der das Anwesen gehört. Stimmt nicht – sagen Ferdl und seine Familie. „Es schaut aber so aus, dass der Vermieter bei jeder Gelegenheit die Miete erhöhen will“, sagt Schuster.

Video: Immer wieder ruinieren Vermieter Kult-Läden in München 

München: „Bayerischer Japaner“ muss nach 23 Jahren schließen

Unter den Stammgästen sind auch die Musiker Christoph „Stofferl“ Well, Chris Boettcher und Maxi Pongratz. „Hier herrscht Freiheit“, sagt Boettcher, „hier gibt es keine Grenzen. Als ich vor 15 Jahren aus Ingolstadt hergezogen bin, habe ich im Nomiya meine Leute kennengelernt. Wenn ich nicht arbeite, dann ist das mein Wohnzimmer.“

So geht es vielen. Die Stammgäste haben Angst, dass eine Burger-Kette Nomiyas Platz einnehmen wird. Während sich alle angeregt unterhalten, bleibt Ferdl Schuster still in seiner Ecke am Tresen sitzen. Er ist zwar nicht mehr ganz so fit, trotzdem hat er sich ganz gut von zwei Schlaganfällen erholt. Er sagt: „Es endet nicht. Wir suchen nach Möglichkeiten, daran halte ich fest.“

Der japanische Koch grillt vor den Augen seiner Gäste.

Das Nomiya ist ihr Baby – so sagen es Ferdl und sein bester Freund und Nomiya-Mitbegründer Toshio Kusaba, von allen Toshi genannt. „Das Lokal ist wie ein Kind, das man großgezogen hat“, sagt Ferdl. Toshi lacht. „Die Renovierung hat damals genau neun Monate gedauert – die Eröffnung war wie eine Geburt!“ Er erinnert sich gerne an diese Zeit. Die Freunde haben sich vor über 20 Jahren im Café „Größenwahn“ kennengelernt. 

„Damals war das Viertel noch anders“

„Das war damals eine der wenigen Gaststätten, in der man wirklich interessante Menschen kennenlernen konnte“, erzählt er und zwinkert Ferdl zu. „Damals war das Viertel noch so anders. Es waren so viele Wahnsinnige da“, sagt Toshi und lacht. Von da an waren die beiden Freunde. „Ferdl hatte eine heiße Platte, wir haben immer gekocht. Das war so lustig, wir haben ohne Ende gefeiert. Einmal waren wir 18 Leute in einer winzigen Küche. Und im Sommer haben wir im Hof gegrillt.“

Gemeinsam reisten sie nach Japan – dort war Ferdl begeistert von den japanischen Kneipen. „Ich dachte mir: Da gibt’s so schöne Wirtshäuser“, erinnert sich Ferdl. Und deshalb schlug er seinem Freund vor: „Toshi, wenn das passt, dann machen wir so eins in München auf.“ Der Name war schnell klar: Nomiya, das ist Japanisch für „Bar“.

Ferdl Schuster und seine Tochter Barbara Rau wollen ihr Lokal noch nicht loslassen – aber der Pachtvertrag für das Nomiya läuft Ende April aus.

Seitdem ist das Nomiya Kult. „Eigentlich gehört der Laden unter Naturschutz gestellt“, sagt Stofferl Well. Er lebt seit zwölf Jahren in Haidhausen, das Lokal gehört seitdem zu seinem Leben. „Das Nomiya ist wie ein Biotop. Hier entwickeln sich Freundschaften, nichts kann mehr in dieser Stadt wachsen, wenn es solche Lokale nicht gibt. München verliert seinen Charakter. Und seine Unverwechselbarkeit gegenüber Städten wie Bochum oder Hannover.“ Und auch Musiker Maxi Pongratz hängt am Nomiya: „Wir hatten mit unserer Band hier unsere ersten Auftritte. Es war so stürmisch hier, man war frei“, sagt er. „Ich komme vom Dorf. Und das Nomiya war meine erste Heimat in München.“

Aus für Nomiya in München - Stammgäste sind erschüttert

Bayerische Volksmusik zu japanischem Essen – irgendwer hatte immer ein Instrument dabei und spielte spontan los. Rupert Pfliegl, 65, ist Stammgast, seit es das Nomiya gibt. „Hier waren in den vergangenen Jahren viele bekannte Persönlichkeiten zu Besuch“, sagt er. „Es gibt Wirte, die hängen Fotos von allen Promi-Besuchen an ihre Wand.“ Er deutet auf zwei schwarz eingerahmte Bilder im Lokal – sie zeigen zwei verstorbene Stammgäste. „Darauf hat Ferdl nie Wert gelegt. Ihm waren nur seine Gäste wichtig. Im Nomiya ist es egal, wie bekannt du bist. Hier sind alle gleich.“

Als Ferdl vor anderthalb Jahren krank wurde, sprangen Stammgast Pfliegl, Ferdls Tochter Barbara Rau und ihr Mann ein. „Damals hatten wir einen kleinen Engpass“, sagt Pfliegl. „Wir mussten kurzzeitig schließen und kamen bei einer Monatsmiete in den Rückstand. Aber das Nomiya kam schnell wieder auf die Beine.“ Tochter Barbara Rau, 50, sagt: „Wir wollten schon damals das Nomiya nicht sterben lassen. Meinem Vater hängt so viel daran. Ich sehe, dass es ihm wehtut.“ Der Vermieter habe im März 2019 eine Mieterhöhung von 2000 Euro verlangt – und dann ein halbes Jahr nichts von sich hören lassen, bis er letztlich die Kündigung eingereicht hat.

Kellnerin Tu Dang serviert Kushiyaki – Spieße vom Grill.

Zu der Erhöhung will sich Rudolf Schwaab von der Immobilienverwaltung nicht äußern. Aber er sagt: „Herr Schuster und ich haben intensiv über eine Verlängerung des Vertrags verhandelt. Aber er hat das Mietvertragsangebot klar abgelehnt.“ Laut Schwaab habe Schuster ihm gesagt, dass das Nomiya Verluste macht und er ohnehin nicht weitermachen kann.

Was genau stimmt, können Außenstehende kaum beurteilen. Fest steht nur: Das Lokal wird Ende April schließen. Für immer? Wer weiß. Ferdl Schuster sagt: „Wir sind in Haidhausen daheim.“ Woanders wird es jedenfalls kein Nomiya geben.

Kathrin Braun

Schließen muss auch die Max-Emanuel-Brauerei in der Maxvorstadt. Nach über 50 Jahren war die Wirtschaft eine echte Institution. Zuletzt hatten Gäste jedoch über üble Zustände geklagt.

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