„Ich fühle mich terrorisiert“

Münchnerin bekommt fiese Zettel von ihrem Nachbarn

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Sonja D. zeigt die Zettel, die ihr Nachbar geschrieben hat.

Immer wieder findet Sonja D. kleine Post-its mit Beleidigungen darauf. Sie kommen von ihrem Nachbarn, der die Frau seit einigen Jahren auf dem Kieker hat.

München - Es hört einfach nicht auf. Jeden Tag bekommen sich tz-Leserin Sonja D. (52) und ihr Nachbar Peter S. in die Haare. Dann schreien sie sich an, werfen sich Beleidigungen an den Kopf, knallen mit den Türen. „Ich fühle mich terrorisiert und habe Angst“, sagt Sonja D., die in einem großen Block nahe des Ostbahnhofs wohnt. Der Nachbar kontert: Sie beleidige ihn genauso.

Die Mieterin fühlt sich eingeschüchtert, weiß sich nicht zu helfen: „Ich habe die Hausverwaltung angerufen und bekam den Hinweis, ich solle zur Polizei gehen. Da war ich auch – doch bei der Polizei hieß es dann, ich solle die Hausverwaltung einschalten…“ Beinahe täglich finde sie Post-it-Zettel mit beleidigendem Inhalt. Teilweise macht sich der Verfasser darüber lustig, dass Sonja D. sich als Hausmeisterin aufspiele. Da heißt es etwa: „Zum Tür schließen reicht dein Hirn gerade noch!!!“ Hintergrund: Am Ende des Flurs liegt ein kleiner Balkon mit Tür – und diese Tür macht Peter S. immer wieder auf. Er sagt: „Ich muss lüften! Auf dem Gang stinkt es nach Zwiebeln und Knoblauch, wenn all die Leute kochen.“ 

Die umstrittene Tür im Hausflur.

Sonja D. dagegen beschwert sich, S. lasse die Tür oft die ganze Nacht offen stehen. Deswegen werde es kalt – und die Tür müsse aus Feuerschutzgründen ohnehin geschlossen bleiben. Außerdem werde der Balkon auch zu Saufgelagen genutzt, was verboten sei.

In diesem Haus wohnt Sonja D. Ärger gibt‘s um den Balkon im dritten Stock (von Bäumen verdeckt).

Die tz sprach mit beiden Streitparteien. Peter S. versprach, in Zukunft Rücksicht zu nehmen. „Ich werde die Frau nicht mehr anschauen und ansprechen und keine Zettel mehr hinkleben“, sagte er. Auch von der Hausverwaltung bekam er vergangene Woche einen Anruf mit der Bitte, Rücksicht zu nehmen. Sonja D. hatte sich dort ja beschwert – ebenso bei ihrem Vermieter, der auf Mallorca lebt. Der wiederum versprach, mit dem Vermieter von Peter S. Kontakt aufzunehmen.

In dem riesigen Komplex am Ostbahnhof gibt es insgesamt 280 Appartements. Bei so vielen Menschen in einem Haus bleiben Konflikte nicht aus. Die Hausverwaltung konnte auf tz-Anfrage noch keine Antwort geben. Der zuständige Sachbearbeiter sei zurzeit nicht im Haus, hieß die Begründung. „In einem solchen Fall ist es wichtig, dass die Hausverwaltung beziehungsweise die jeweiligen Vermieter ihre Mieter an die Einhaltung der Hausordnung erinnern“, sagt Mietrechtsexpertin Anja Franz vom Mieterverein. Sie hofft, dass die Streitparteien doch noch gemeinsam eine friedliche Lösung finden: „Streit im Haus kann sehr zerstörerisch wirken“, weiß sie aus ihrer langjährigen Erfahrung als Mietrechtsanwältin.

Apropos Nachbarn: Eine kuriose Geschichte hat sich in Hannover abgespielt - auch dort stand ein Zettel im Mittelpunkt des Geschehens.

Die häufigsten Probleme

Was tun, wenn der Nachbar nachts Lärm macht? „Wir Mieterschützer fragen uns oft, wie viele Leute denn nachts Möbel rücken, um ihre Nachbarn zu tratzen? Es müssen Tausende sein – so oft, wie wir Beschwerden dazu bekommen“, sagt Rechtsexpertin Anja Franz vom Mieterverein. Ihr Praxistipp für alle streitenden Nachbarn: Sich trotz aller Meinungsverschiedenheiten zusammensetzen und versuchen, gemeinsam eine Lösung zu finden. „Ich rate den Leuten, auch Kompromisse einzugehen – natürlich nicht übermäßig, aber eben in dem Umfang, dass keine Partei übervorteilt ist“, sagt sie. Ansprechpartner sollte immer erst der Nachbar selbst sein, dann erst der Vermieter.

Übermäßigen Lärm aus der Nachbarwohnung muss man nicht hinnehmen. Denn: Jeder muss die allgemeinen Ruhezeiten einhalten. Ruhezeiten stehen in der Hausordnung – und falls es eine solche nicht gibt, muss ab 22 Uhr Ruhe sein. Ab dann müssen die Mieter auf Zimmerlautstärke achten. „Normale Wohnnutzung“ muss man allerdings hinnehmen. Insbesondere kann man den Nachbarn nicht zwingen, einen Teppich zu verlegen.

Manchmal kann es sein, dass ein Baumangel vorliegt und deshalb der Lärm aus der Nachbarwohnung zu stark zu hören ist. Zum Beispiel ist das bei nicht vorhandener oder fehlerhafter Trittschalldämmung der Fall. Dann hat der Mieter einen Anspruch gegen den Vermieter auf Abhilfe. Außerdem kann der Mieter in so einem Fall Mietminderung geltend machen. Hier sollte er aber nicht selbsttätig einfach weniger bezahlen, sondern die Miete ausdrücklich unter Vorbehalt einer späteren Minderung zahlen, rät die Mietschützerin. Sonst riskiert er nach neuer Rechtsprechung möglicherweise die Kündigung.

Bei Partylärm oder ständigem Geschrei der Nachbarn kann man auch die Polizei einschalten. Wichtig, wenn solche Probleme immer wieder auftreten: ein Lärmprotokoll anfertigen und um Zeugen kümmern! Beweise sind wichtig.

Bei Bedrohungen oder Beleidigungen können Straftaten vorliegen. Da sind dann die Strafverfolgungsbehörden der richtige Ansprechpartner.

In Mehrfamilienhäusern gilt das „gegenseitige Rücksichtnahmegebot“. Darunter fällt auch, dass man beim Blumengießen nicht den Balkon des Nachbarn unter Wasser setzt oder seine Wäsche, die auf dem Balkon trocknet, nicht nass oder dreckig macht. In der Beratungspraxis beim Mieterverein ging es auch schon um Nachbarn, die ihre Tischdecke über dem Balkon des Nachbarn ausschüttelten, jeden Tag grillten oder so üppige Hängepflanzen auf dem Balkon hatten, dass diese vor dem Fenster des Nachbarn baumelten.

Mietrechtsexpertin Anja Franz appelliert an alle Mieter, auf Rücksichtnahme zu achten. „Ohne diese ist ein Zusammenleben unter einem Dach schlicht nicht möglich“, sagt sie. Dazu gehört auch, den Fernseher nur auf Zimmerlautstärke einzustellen.

Susanne Sasse

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