Große Serie: Münchner Polizeiinspektionen

PI 21 Au-Haidhausen: Zwischen Kult und Kultur

+
Er kennt jeden Winkel: Seit 39 Jahren patrouilliert Anton Köhler im Viertel. Die stillen Ecken am Auer Mühlbach haben es ihm angetan. 

Der Münchner Merkur und die tz starten ihre große Serie über die Münchner Polizei. Brennpunkte, Schwerpunkte und kuriose Fälle: Wir haben das für jedes Viertel zusammengefasst. Diesmal: Au-Haidhausen.

Ein Viertel zwischen Tradition und Umbruch - das ist das Gebiet der Polizeiinspektion 21 in der Au, die viele Jahre lang mit der wilden Kultfabrik und sozialen Spannungen am Ostbahnhof kämpfte. Vieles hat sich zum Guten gewendet. Manches darf gern auch noch besser werden – wie der PI-Chef, Polizeidirektor Peter Sondermeier (52), und der Kontaktbeamte, Polizeihauptkommissar Anton Köhler (59), die uns beim Streifengang ihr abwechslungsreiches Revier zeigten.

Auf Streife in der Au

Man darf wohl sagen: Wenige kennen Haidhausen so gut wie er. Seit 39 Jahren und neun Monaten patrouilliert Polizeihauptkommissar Anton Köhler (59) durch Haidhausen, zuletzt als Kontaktbeamter. „Meine große Liebe“ nennt er das Viertel. Doch im vergangenen August auf dem Bordeauxplatz hatte Köhler das Gefühl, in einem schlechten Film gelandet zu sein: „50 junge Leute, die im Rudel wie ferngesteuert mit den Handys vor der Nase über die Straße rannten – beinahe vor die Tram. Das war unheimlich.“

Belagerung im vergangenen Sommer: Überall Pokemon-Jäger. 

Die verrückte Show der Pokémon-Go-Community ist an Haidhausen spurlos vorübergezogen, wie auch manch andere Irrwitzigkeit, mit der die Großstadt leben muss. Manche Trends haben aber Spuren hinterlassen, und einige waren einfach nur schlimm. Alkohol- und Drogenexzesse, Schlägereien, Müll, K.-o.-Tropfen und Ungeziefer – den langen Abschied von Europas größtem Partygelände Kunstpark Ost (später Kultfabrik; heute Werksviertel Mitte und Optimolwerke) begleitet die Polizei heuer ins siebte Jahr. 

Ein ganz neues Viertel im Viertel entsteht

Meter für Meter graben sich die Bagger jetzt durch das ehemals 90 000 Quadratmeter große Vergnügungsviertel, das in seiner Hochzeit bis zu 250 000 Partygänger monatlich anzog – eine Ballermann-Wiesn an 365 Tagen im Jahr. Nun entstehen hier Wohnungen, Büros und später auch Münchens neuer Konzertsaal. Doch eine ganze Reihe Clubs sind noch da: „Der Übergang vom Kult zur Kultur braucht seine Zeit“, beschreibt Peter Sondermeier (52) Chef der Inspektion in der Au, die aktuelle Situation.

Nachwuchswerbung: Anton Köhler mit Eva Fechter und Söhnchen Luis Xaver. Sie lebt seit 15 Jahren in Haidhausen: „Wir fühen uns hier absolut sicher.“

In der Jahresbilanz für 2016 zeigt sich schon die Veränderung. Die Zahl der Straftaten ist binnen Jahresfrist von rund 7000 auf 6500 gesunken. Von den 980 Körperverletzungsdelikten wurden 290 als gefährliche Körperverletzung verfolgt. Dazu kamen 819 Drogendelikte: „Meist Marihuana, Cannabis und Ecstasy, aber auch die Kräutermischungen.“ 

Wenn die Polizei per Notruf zu den Clubs gerufen wird, rücken grundsätzlich eher mehr als zu wenige Beamte aus: „Weil das oft Delikte sind, bei denen es wirklich um was geht.“ Nicht selten um die Gesundheit der Opfer. Und manchmal auch ums Leben, wie der tragische Fall des Musikers Manuel R. zeigte. Im Dezember 2015 wurde der 36-Jährige von einem aggressiven Betrunkenen angegriffen. Er stürzte so unglücklich, dass er starb.

Alkohol und Drogen enthemmen, Respektlosigkeit und Aggressionen sind oft die Folge – gerade auch gegen Polizisten. Darum tragen manche Beamte der Au zurzeit kleine Kameras (Bodycams) an der Uniform. Das Projekt wird derzeit getestet, es soll vorbeugen und abschrecken.

Der Straßenstrich hinterm Ostbahnhof ist verschwunden

Kein Thema mehr sind die Frauen auf dem Straßenstrich an der Friedenstraße hinter dem Ostbahnhof: „Das junge Publikum war nicht ihre Zielgruppe. Ständig wurden sie blöd angeredet. Eines Tages waren sie dann weg.“ Ein Dauerthema jedoch ist Graffiti und Vandalismus: 700 Sachbeschädigungen wurden allein 2016 angezeigt. Wo gefeiert und gelebt wird – 220 Biergärten, Kneipen, Bistros, Restaurants und Cafés sind allein in Haidhausen und am Ostbahnhof ansässig – sind Beschwerden nie fern: 1000 Mal meldeten erboste Anwohner Ruhestörungen - oft auch Bewohner der Eduard-Schmid-Straße an der Isar, wo in warmen Sommernächten mächtig Remmidemmi ist. 

Nachts ein bisschen unheimlich: Einer der Durchgänge von der Friedenstraße zum Ostbahnhof.

46 Mieter und Hauseigentümer wurden 2016 Opfer von Einbrechern und 54 Menschen wurden von Trickbetrügern angegangen. 20 davon richteten sich gezielt gegen ältere Menschen, wovon die Hälfte glücklicherweise im Versuchsstadium steckenblieb.

Parknot! 22.500 Knöllchen in einem Viertel

Parkraum ist in großen Teilen der Au und Haidhausens knapp. Die Folge: 22 500 Knöllchen. Durch das Inspektionsgebiet ziehen sich mehrere Hauptverkehrstraßen wie der Innsbrucker Ring und die Rosenheimer Straße vom Gasteig bis zur Autobahn A 8 in Ramersdorf. Wenn dort die Ampel ausfällt, müssen vier Beamte die Verkehrsregelung übernehmen – reine Nervensache bei 70 000 Fahrzeugen täglich auf diesem Abschnitt des Mittleren Rings. Am Autobahnende gab es auch immer wieder schwere Unfälle. Zum Beispiel am Freitag, 13. Dezember 2013, als zwei Brüder (39 und 42 Jahre) ihr Leben verloren. Ein Sattelzug war im Nebel bei Rot über die Kreuzung gedonnert und hatte den Kleinwagen der Männer erfasst. 2016 ereigneten sich im Revierbereich 3000 Unfälle mit 350 Verletzten. Ein Radler und zwei Fußgänger starben.

Die Grablichter erinnern an zwei Brüder, die hier starben. 

Kameraüberwachung vertreibt Trinker und Junkies

Richtig stolz sind die Polizisten aus der Au auf den Orleansplatz - früher dauerbesetzt von Trinkern und Junkies. Am Ende half nur noch die Kameraüberwachung, die längst wieder abgebaut ist. Heute sitzen im kleinen Park wieder die, für die er gebaut wurde: „Wir haben den Platz für die Bürger zurückerobert. Und wir achten sehr darauf, dass sich die Szene nirgendwo wieder festsetzt.“

Der nächste Großeinsatz steht schon fest: Schon bald wird auf dem Abbruchgelände der Paulaner-Brauerei am Nockherberg ein Industrie-Wahrzeichen gesprengt: Der riesige Brauerei-Turm soll mit einem Knall in sich zusammenfallen - Startschuss für das neue Wohngebiet für 3000 Menschen.

Ende eines Wahrzeichens: Der Schornstein auf dem Abbruch-Gelände der alten Paulaner-Brauerei wird bald gesprengt.

Der Fall Theresa Z. 

Ein heikles Thema liegt seit vier Jahren wie ein Schatten über der PI 21: Am 20. Januar 2013 verlor hier ein Beamter (34) die Nerven und schlug eine gefesselte Frau (24), die ihm ins Gesicht gespuckt hatte. Der Fall Teresa Z. machte bundesweit Schlagzeilen. Vereinzelt hören die Polizisten in der Au noch heute bei Einsätzen Sprüche wie diesen: „Na? Suchen wir mal wieder neue Opfer zum Verprügeln?“ Wie sich das speziell für junge Einsatzkräfte anfühlt, die jeden Tag den Kopf für andere hinhalten, könne man sich kaum vorstellen, gibt Peter Sondermeier zu bedenken: „Darüber sollte man bei aller Kritik auch mal nachdenken.“

Die PI Au in Zahlen

Im historischen Gebäude der ehemaligen Landesimpfanstalt Am Neudeck 1 residiert seit April 1987 die Polizeiinspektion 21 Au - in direkter Nachbarschaft zum Kloster der Armen Schulschwestern und der Pfarrkirche Maria Hilf. 78.000 Menschen leben im 6,5 Quadratkilometer großen Gebiet der Inspektion. Und jedes Jahr kommen rund 1400 meist junge Bürger dazu. Zum Gebiet der PI 21 gehört das In- und Ausgehviertel Haidhausen sowie Teile von Ramersdorf, Berg am Laim, Giesing und die Au zwischen Isar, Einsteinstraße, Innsbrucker Ring, Ostfriedhof und Maria-Hilf-Platz. Im Westen begrenzen die vier Isar-Brücken zwischen Wittelsbacher- und Ludwigsbrücke das Einsatzgebiet. 18.500 Einsätze fuhren die 18 Polizistinnen und 85 Polizisten im letzten Jahr. 6500 davon waren Straftaten. Zu den Attraktionen zählen das Deutsche Museum, die Biergärten und Großgaststätten vom Nockherberg und Hofbräukeller sowie die jährlich drei Dulten auf dem Mariahilf-Platz mit etwa 300.000 Besuchern.

Bilder: Auf Streife mit der Polizei Au-Haidhausen

Der Fall aus dem Viertel: Drama im Auer Mühlbach

Es ist ein Fall, den Peter Sondermeier nie vergessen hat - wie alle, die damals dabei waren: Drei Tage lang suchten im Juni 2010 Polizisten, Feuerwehrleute, Taucher, Hundeführer und Techniker nach dem kleinen Tugra (2), der am Freizeitheim Kegelhof in den Auer Mühlbach gestürzt war. Erst ein hohes Schott - zur Entlastung der Turbine an der Muffathalle in den Fluss geschlagen - brachte die Gewissheit: Ganz unten auf dem Grund des Rechens lag Tugra. Bei der Überbringung der schlimmen Nachricht brachen mehrere Mitglieder der türkischen Familie, die zunächst an ein Verbechen geglaubt hatte, zusammen. Peter Sondermeier fand für dieses Leid nur ein Wort: „Erschütternd.“

Das sind die weiteren Folgen

Maxvorstadt: Das Studentenviertel kämpft mit Dieben und Rasern. 

Sendling: Der starke Verkehr beherrscht den Arbeitsalltag der Beamten.

Pasing: Einbrecher und der Verkehr prägen die Polizeiarbeit.

Bogenhausen: Einbrüche machen einen Löwenanteil der Straftaten im Nobelviertel aus.

Perlach:  Streitereien, Ruhestörungen und Ladendiebstähle kommen hier oft vor.

Trudering-Riem: In der Messestadt trifft sich die Welt. Auch ein Ort sozialer Spannungen

Westend & Ludwigsvorstadt: Das Südliche Bahnhofsviertel und der Gärtnerplatz halten die Beethoven-Wache auf Trab.

Giesing: Das Viertel der Geschichte und Geschichten. Fußball ist allgegenwärtig - auch bei der Polizei.

Altstadt: Touristen, Taschendiebe und die Feierbanane machen der Polizei Arbeit.

Olympiapark: Hier sind die Schwerpunkte die vielen Veranstaltungen.

Neuhausen: Einbrüche, Trickdiebstähle und das Strafjustizzentrum sind hier Schwerpunkte.

Planegg: Grüne Idylle mit schwarzen Fleckchen. Einbrüche sind hier das Problem.

Grünwald: Die Isar und ihre zahlreichen Sport- und Freizeitmöglichkeiten bestimmen den Arbeitsalltag der Polizei.

Dorita Plange

Auch interessant

Meistgelesen

MVG-Offensive: So soll der Nahverkehr besser werden
MVG-Offensive: So soll der Nahverkehr besser werden
Bus-Streik in München: Das erwartet Fahrgäste am Dienstag
Bus-Streik in München: Das erwartet Fahrgäste am Dienstag
Miriams Samen-Streit vor Gericht: Jetzt herrscht wohl Gewissheit
Miriams Samen-Streit vor Gericht: Jetzt herrscht wohl Gewissheit
Feueralarm im Kiesselbach-Tunnel: Mega-Stau auf dem Ring
Feueralarm im Kiesselbach-Tunnel: Mega-Stau auf dem Ring

Kommentare