Die Rebellin von Haidhausen

„Wir lassen uns nicht rausekeln“ - Diese Münchnerin lässt sich nicht vertreiben

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Bettina Weickers Blick geht nicht auf die Straße, sondern auf ein Gerüst.

Schon bei dem Wort Luxussanierung stellen sich bei vielen Münchner Mietern die Haare auf. Eine Mieterin in einer Wohnung in Haidhausen hat seit Jahren ein Gerüst vor dem Fenster. Ans Aufgeben denkt sie aber nicht.

München - Der Kampfgeist blitzt aus Bettina Weickers Augen. „Meiner Schwester ist es längst zu viel, aber ich sage, wir lassen uns nicht rausekeln“, sagt sie. Weicker sitzt in ihrer Wohnung, und auf den ersten Blick sieht die ganz normal aus: blaue Couch, eine grüne Yogamatte daneben, Laminatboden und ein Fernseher. Bei genauem Hinsehen jedoch erkennt man, dass das TV-Gerät mit Zimmerantenne ausgestattet ist – das Kabel nach draußen hätten die Bauarbeiter stets abgezwickt, sagt Weickert. Und beim Blick aus dem Fenster sieht man nicht viel: Ein Baugerüst versperrt die Sicht – seit fast vier Jahren nun schon.

Im Haus Kellerstraße 41 in Haidhausen sind von ehemals 17 Mietparteien nur noch zwei übrig. Früher gehörte das Haus einer alleinstehenden Dame. Die starb und vermachte das Haus an die Tierrettung. Die verkaufte es weiter – und das Unglück nahm seinen Lauf. „Wenn die frühere Vermieterin wüsste, was inzwischen alles passiert ist, würde sie sich im Grab umdrehen, denn sie wollte wirklich etwas Gutes tun“, sagt Bettina Weicker.

Mit einem Gerüst vor dem Haus ging es los

Der neue Eigentümer wandelte die Wohnungen um in Eigentumswohnungen. Den Mietern wurde es laut Weicker so ungemütlich gemacht wie nur möglich. Ab Herbst 2014 stand ein Gerüst vor dem Haus und eine großflächige Plane raubte den Bewohnern eineinhalb Jahre lang Tageslicht und frische Luft – bis auf den Fensteraustausch aber passierte am Haus selbst kaum etwas. Weicker: „Die meisten Mieter haben sich in der Zeit rauskaufen lassen oder sind ausgezogen.“

Die Fassade des Hauses an der Kellerstraße.

„Ein Irrsinn“

Weicker im Treppenhaus.

Als 2014 die Wohnungen in Eigentumswohnungen umgewandelt wurden, schossen die Preise in die Höhe. 2012 hatte die Tierrettung das ganze Haus noch für drei Millionen Euro an einen Investor verkauft. Drei Jahre später bekamen Weicker und ihre Schwester die 74-Quadratmeter-Wohnung, in der sie leben, aus Gründen des Vorkaufsrechts für 685.000 Euro angeboten – zudem stand in dem Kaufvertrag, sie sollten sich verpflichten, für die geplante Modernisierung des Hauses 103.000 Euro auf einem Rücklagenkonto der Wohnungseigentümergemeinschaft zu hinterlegen. Weicker; „Ein Irrsinn.“

Als 2016 der jetzige Eigentümer alle Wohnungen in dem Haus kaufte, konnte er die verbliebenen Mieter an einer Hand abzählen. Er kündigte an, etwa das Bad in der Wohnung von Bettina Weicker verlegen zu wollen, stellte den Schwestern eine Mieterhöhung von rund 120 Prozent in Aussicht. Zu den derzeit 700 Euro inklusive Nebenkosten sollten 768 Euro umgelegte Modernisierungskosten kommen.

Die Weicker-Schwestern wehrten sich erfolgreich. Inzwischen ist die alte Modernisierungsankündigung hinfällig – es gibt eine neue. Auf neun Seiten kündigt der Vermieter allerhand an: Heizungsaustausch, Anbau von Balkonen, Erneuerung der Schließanlage, Einbau einer Videogegensprechanlage. Auf die Miete der Weickers sollen 543 Euro aufgeschlagen werden.

Zeitgemäßer, bewohnbarer Zustand

Der Eigentümer erklärte auf Anfrage, als er das Haus 2016 kaufte, seien die meisten Wohnungen leer gewesen: „Wir haben uns zur Aufgabe gemacht, alle Wohnungen in einen zeitgemäßen, bewohnbaren Zustand zu versetzen und damit das gesamte Anwesen dem Wohnungs- und Mietmarkt wieder zur Verfügung zu stellen.“ Der Umbau der Heizanlage sei für Oktober geplant. „Da müssen wir im Normalfall schon heizen“, sagt Weicker. Sie will auch die neue Modernisierungsankündigung vom Mieterverein überprüfen lassen. Sie spüre eine Veränderung in der Stadt, sagt sie: „Man versteht nun auch in der Politik, dass wir uns dieses Spekulantentum nicht mehr gefallen lassen – weil es der Untergang Münchens ist.“

Video: Luxus-Sanierung - Mieter sollen sehen, wo sie bleiben

Tipps gegen die Luxussanierer

Ungefähr jede dritte Modernisierungsankündigung in München ist fehlerhaft, berichtet Mieterschützerin Anja Franz vom Mieterverein. Wir zeigen, wo sich Mieter wehren können.

  • Grundsätzlich muss man Modernisierungen dulden. Das gilt aber nicht für goldene Wasserhähne oder handbemalte Fliesen – also für Luxussanierungen. „Der Mieter muss nicht dulden, dass der Zustand der Wohnung wesentlich verändert wird“, sagt Mietrechtsexpertin Anja Franz.
  • Bauliche Veränderungen muss der Mieter nicht dulden – also wenn etwa Fenster zugemauert oder Bäder verlegt werden sollen. Nein sagen kann er auch, wenn der Grundriss verändert werden soll.
  • Mieter müssen bei Modernisierungen nicht für Baufreihei t sorgen und ihre Möbel wegräumen – dafür hat der Vermieter zu sorgen. Auch unzumutbare Arbeiten müssen Mieter nicht zulassen, etwa den Umbau der Heizung oder den Austausch von Fenstern während der Heizperiode.
  • Die Kosten für Sanierungs- oder Instandhaltungsarbeiten kann der Vermieter nicht auf Mieter umlegen – also etwa die Erneuerung eines alten Bades. Alle Kosten für etwas, das repariert wird oder wegen gewöhnlicher Abnutzung erneuert wird, sind nicht auf die Mieter umlegbar.
  • Eine Modernisierung, bei der man elf Prozent der Kosten auf die Miete umlegen darf, ist dann gegeben, wenn der Wohnwert verbessert oder energetisch modernisiert wird zur Einsparung von Heizkosten. Mieter können in diesem Fall in den ersten drei Monaten der Bauzeit auch die Miete nicht mindern.
  • In eine wirksame Modernisierungsankündigung muss der Vermieter schreiben, welche Maßnahme er wann durchführen will und wie hoch die Mieterhöhung ausfallen wird. Die Ankündigung muss so genau sein, dass der Mieter sich ein Bild von dem machen kann, was passieren wird. Die Modernisierungsankündigung muss mindestens drei Monate vor Baubeginn schriftlich beim Mieter sein. Da viele Fehler für Laien nicht auf den ersten Blick erkennbar sind, raten Mieterschützer, jede Modernisierungsankündigung von Fachleuten prüfen zu lassen.

Lesen Sie auch:  Münchner Mieter schlagen Alarm: Hilfe, wir werden wegsaniert

Münchner Miet-Wahnsinn: Sieben krasse Fälle aus der Landeshauptstadt

Von Susanne Sasse

Die besten und wichtigsten Geschichten aus diesem Teil Münchens posten wir auch auf der Facebook-Seite „Haidhausen – mein Viertel“.

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