Außerordentliche Bürgerversammlung

2. Stammstrecke: Haidhauser protestieren gegen „Jahrhundert-Murks“

OB Reiter (SPD, am Mikrofon) und Innenminister Herrmann (CSU, oben links) hatten einen schweren Stand bei der Bürgerversammlung.

Der Protest der Haidhauser gegen den Bau der zweiten Stammstrecke ebbt nicht ab. Bei einer außerordentlichen Bürgerversammlung in der Tonhalle wurde der Stopp des Mammutprojekts gefordert.

Im zweiten Anlauf hat es geklappt: Verkehrsminister Herrmann (CSU) stand den Haidhauser Bürgern am Donnerstagabend zum Bau der zweiten S-Bahn-Stammstrecke Rede und Antwort. Ende Februar war die Veranstaltung nach tumultartigen Szenen abgesagt worden. Grund: Der Saal im Hofbräukeller am Wiener Platz hatte sich als viel zu klein für den Andrang erwiesen. Am Donnerstagabend fand die außerordentliche Bürgerversammlung nun in der Tonhalle im Werksviertel statt. Etwa 700 Zuhörer waren gekommen und forderten mit überwältigender Mehrheit den Stopp des Großprojekts.

OB Reiter (SPD) leitete die Veranstaltung, sie dauerte aufgrund unzähliger Einzelanträge und Wortbeiträge von Bürgern fast bis Mitternacht. Reiter hatte zu Beginn der Versammlung noch süffisant gesagt: „Ich hab’ Zeit, ich hab’ nichts vor“ – um 24 Uhr feierte das Stadtoberhaupt Geburtstag. Herrmann, Reiter sowie der Projektchef der Deutschen Bahn, Markus Kretschmer (er wurde mit vereinzelten Buhrufen begrüßt), hatten keinen leichten Stand. Vor dem Eingang der Tonhalle im Werksviertel wurden Sticker mit der Aufschrift „Not My Tunnel“ verteilt.

Die Haidhauser sind Hauptbetroffene der Langzeitbaustelle. Das Mammut-Vorhaben verschlingt 3,8 Milliarden Euro. Gebuddelt wird in München bis 2026. Dann, so die Prognose, soll die zweite Stammstrecke fertig sein. Der neue Verkehrsast soll ein Ventil für die heillos überlastete Stammstrecke schaffen. Die Trasse verläuft auf einer Strecke von zehn Kilometern zwischen den Bahnhöfen Laim im Münchner Westen und Leuchtenbergring im Osten. Kernstück ist ein sieben Kilometer langer Tunnel zwischen Hauptbahnhof und Ostbahnhof. Viele Haidhauser Anwohner fürchten Baulärm, Schmutz, Stau und ein Jahrzehnt Chaos, wenn die neue S-Bahn-Röhre unter ihrem Stadtviertel hindurchgebohrt wird. Beschönigen wollte der OB nichts: „Ich wäre ein Märchenonkel, würde ich behaupten, dass es keine Belastungen gibt.“ Für Verkehrsminister Herrmann steht jedoch fest: „Es ist richtig, den zweiten Tunnel zu bauen.“

Gereizt, aber nicht aggressiv war die Stimmung bei der außerordentlichen Bürgerversammlung in der Tonhalle.

Für den westlichen und den Bauabschnitt im Zentrum Münchens gibt es bestandskräftiges Baurecht, für den Ostteil sind laut Bahn-Projektleiter Kretschmer noch sechs Klagen anhängig. Der größte Einschnitt ist die riesige Baugrube am Orleansplatz, wo die unterirdische Station mit Verbindung zum Ostbahnhof entsteht. 2018 beginnen die Vorarbeiten, bis 2025 ist dort Baustelle. Laut Kretschmer ist dort mit 80 Lkw-Fahrten pro Tag zu rechnen. Aufwendig ist auch der Bau der Rettungsschächte in den Maximiliansanlagen und an der Ecke Pütrich-/Milchstraße. In den Maximiliansanlagen wird von 2019 bis 2024 gebaut, die dortige Schulsportanlage und ein Spielplatz müssen weichen. An der Keller-/Pütrich-/Milchstraße wird von 2019 bis 2022 gebuddelt, nahe an der bestehenden Wohnbebauung. Bürger befürchteten Statikschäden an ihren Häusern und äußerten Sicherheitsbedenken aufgrund der Baufahrzeuge. Eine Geschäftsfrau aus der Kellerstraße befürchtete zweieinhalb Jahre lang Staub und Dreck vor ihrer Konditorei: „Die Leute wollen nicht jeden Tag Sandkuchen haben.“

Viele Kritiker bezweifelten ohnehin den Nutzen der zweiten Stammstrecke: Sie hielten den Bau des Südrings und auch des Nordrings als schnell zu realisierenden Bypass für effizienter. Ein Bürger sagte: „Es macht keinen Sinn, immer mehr Leute durch die Innenstadt zu schleusen.“ Ingeborg Michelfeit von der Bürgerinitiative Haidhausen bezeichnete das Projekt zweite Stammstrecke als „Jahrhundert-Murks“. Sowohl Herrmann als auch Reiter sagten zu, dass die Planungen für Süd- und Nordring forciert würden, der Tunnel aber Vorrang habe. Herrmann: „Wir werden noch vor der Sommerpause ein Grundgerüst für den S-Bahn-Ausbau nach 2026 vorlegen.“ Angesichts des bis zu 40 Meter tiefen zweiten Tunnels sorgten sich viele Zuhörer um das Sicherheitssystem bei einem Katastrophenfall. Der Weg nach oben sei viel zu weit.

In Anträgen wurde die Stadt überdies aufgefordert, sich für einen Zehn-Minuten-Takt bei der S-Bahn und eine „seriöse Kosten-Nutzen-Rechnung“ für die zweite Stammstrecke einzusetzen. Außerdem solle die Stadt ihren Finanzierungsanteil in Höhe von 161 Millionen Euro zurückziehen. Herrmann erntete Kritik, weil auf der bestehenden Stammstrecke zu Hauptverkehrszeiten zu wenige längere Züge eingesetzt würden. Laut Verkehrsminister soll in zwei Jahren Abhilfe geschaffen werden: „Wir haben 36 zusätzliche Triebzüge bei der Deutschen Bahn bestellt.“

Das sagen Besucher der Veranstaltung zur zweiten Stammstrecke

Jörg Spengler (42)

„Ich bin natürlich gegen die zweite Stammstrecke, weil ich direkt an der Wörthstraße in Haidhausen wohne. Ich finde es Wahnsinn, was da geplant wird. Aber ich glaube, CSU und SPD haben sich darauf eingeschossen und können sich jetzt eben keinen Rückzieher mehr erlauben. Als Bürger zeigen wir, dass wir dagegen sind – auch wenn es wahrscheinlich kein Zurück mehr gibt.“

Ulrike Krone-Balke (57)

„Ich bin total gegen die zweite Stammstrecke, weil sie nichts Neues bringt. Es wäre viel besser, den Südring auszubauen. Da werden Milliarden in den Sand gesetzt, dafür, dass man am Ende 20 Minuten braucht, um von einer Bahn in die nächste umzusteigen. Am schlimmsten ist es aber, dass die Kinder darunter leiden, weil auch viele Spielplätze den Bauarbeiten weichen müssen.“

Ferdinand Schuster (72)

„Ich wohne seit meiner Geburt in Haidhausen und habe dort auch ein Lokal, das Nomiya. Ich wohne am Ostbahnhof, und unter meinem Haus soll jetzt ein Bahnhof entstehen. Davon halte ich gar nichts. Ich sehe das als Kriegserklärung der Politiker an unsere schöne Stadt. Die Meinung von uns Bürgern wird einfach unterminiert. Es ist ein Schildbürgerstreich, einfach so Geld zu verpulvern.“

Ilse Baumgart (75)

„Ich lebe seit 40 Jahren hier in Haidhausen, in der Nähe vom Gasteig. Ich habe Angst vor dem Lastwagenlärm, der unsere Nachbarschaft jahrelang belasten wird. Wahrscheinlich ist das Projekt zweite Stammstrecke nicht mehr aufzuhalten, auch wenn vielen unwohl dabei ist, wenn dort 40 Meter tief in die Erde gebohrt wird. Aber wir versuchen es halt trotzdem.“

Christoph Becker (50)

„Es gibt bessere Projekte als die zweite Stammstrecke, die man auf die Beine stellen könnte, um die Verkehrssituation in München zu verbessern. Man müsste den Verkehr ums Zentrum herumführen, anstatt noch mehr ins Zentrum zu verlegen. Ich pendle täglich zur Arbeit und beschäftige mich sehr viel mit diesem Thema – ich glaube, der Nahverkehr in München steht kurz vor dem Kollaps.“

Hermann Schommer (60)

„Ich bin hier, weil ich nicht will, dass ganz München jahrelang stillsteht. Am Bahnhof wird ein riesiges Loch sein und ganz Haidhausen wird ab dem Ostbahnhof umgegraben.Dasbewegt mich. Ich selbst wohne in Riem und möchte auch ohne Störung in die Stadt fahren können. Warum verlängert man nicht einfach jeden Zug auf der Stammstrecke, anstatt eine zweite zu bauen?“

Umfrage von Anna Mayr

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