Besuch in Flüchtlingsunterunterkunft in Lochhausen

Ein Münchner Sonderweg für sozialen Frieden

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Die Skepsis im Dorf war groß: Hausleiterin Inge Knobloch, die Chefin der Asylsozialbetreuung, Petra Bauer, sowie die beiden SPD-Politiker Christian Müller und Verena Dietl (von links) bei einem Ortstermin. 

München - Vor knapp einem Jahr sollte sie schon in Betrieb genommen werden, nun haben 240 Flüchtlinge im Ortsteil Lochhausen die Gemeinschaftsunterkunft bezogen. Wie das Zusammenleben mit den Dorfbewohnern funktionieren soll, darüber hat sich die SPD nun vor Ort informiert.

Petra Bauer von der Münchner Arbeiterwohlfahrt (AWO) redet offen. Die Skepsis im Dorf sei groß gewesen, als Ende 2016 plötzlich 200 afrikanische Männer in die Gemeinschaftsunterkunft an der Langwieder Hauptstraße einzogen. Bauer leitet die Asylsozialberatung in der Einrichtung. Sie und ihre Kolleginnen hätten mit Bewohnern über den Gartenzaun hinweg Gespräche geführt, um Ängste abzubauen – Ängste vor den fremd wirkenden Menschen. Bauer sagt, sie habe den Lochhausern versichert, sie könnten sich jeder Zeit bei den Sozialarbeitern melden, wenn es Probleme gebe. Die es aber nach ihrer Einschätzung bislang nicht gegeben hat und hoffentlich auch nicht geben werde. Denn: „Die Atmosphäre im Haus ist toll, der Umgang respektvoll.“

Zum Ortstermin im Stadtteil Lochhausen, gefühlt meilenweit vom Zentrum entfernt, hat die Stadtratsfraktion der SPD geladen. Eigentlich wollten die Sozialdemokraten die Besichtigung ohne Presse machen. Doch weil unlängst der frühere CSU-Fraktionschef im Rathaus, Hans Podiuk, forderte, die freiwilligen Leistungen bei der Flüchtlingshilfe zu kürzen, sah die SPD Aufklärungsbedarf. Nämlich in dem Sinne, dass das Geld sinnvoll angelegt ist. Christian Müller, sozialpolitischer Sprecher der Fraktion, erklärt: „Die Asylsozialbetreuung ist entscheidend für eine gelingende Integration.“ Stadträtin Verena Dietl assistiert: „Es geht auch darum, dass anerkannte Flüchtlinge schnell die deutsche Sprache lernen und einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz finden.“ An dieser Linie sei nicht zu rütteln, was die CSU im Übrigen im Stadtrat mitgetragen habe.

Konkret geht es um den „Münchner Sonderweg“. So bezeichnet Frank Holzkämper, Referatsleiter für Jugendhilfe und Flüchtlingsbetreuung bei der AWO, den Umstand, dass die Großstadt München einen höheren Betreuungsschlüssel leistet als vom Freistaat refinanziert. „Für den sozialen Frieden in der Stadt ist das gut“, erklärt er. Auch in der Gemeinschaftsunterkunft in Lochhausen ist mehr sozialpädagogisches Fachpersonal beschäftigt, als es der staatliche Schlüssel von 1:150 vorsähe. Holzkämper bringt es auf eine einfache Formel: „Je mehr Sozialbetreuung, desto weniger Sicherheitspersonal ist notwendig.“

Eine Aussage, die als Seitenhieb auf die CSU verstanden werden kann, weil aus dortigen Parteikreisen immer wieder die Forderung nach mehr Security laut wird. In Lochhausen sind zwei Wachleute im Zeitraum von 23 bis 8 Uhr angestellt. CSU-Politikern aus dem Münchner Westen ist das zu wenig. Der Sicherheitsdienst solle 24 Stunden gewährleistet sein, heißt es in einer gemeinsamen Pressemitteilung des Landtagsabgeordneten Otmar Bernhard, Stadtrat Hans Sauerer, Bezirksrätin Barbara Kuhn und Sebastian Kriesel, Vorsitzender des Bezirksausschusses Aubing-Lochhausen-Langwied. Wie auch immer man zu der CSU-Forderung steht, eines ist klar: Mehr Sicherheitspersonal kostet natürlich ebenfalls Geld, genauso wie die freiwilligen Leistungen der Stadt.

Für die CSU-Politiker ist indes das Unterbringungskonzept des Sozialreferats nicht nachvollziehbar. Entgegen der ursprünglichen Zusage, in Langwied schutzbedürftige Familien unterzubringen, seien zwischen Weihnachten und Neujahr „bei Nacht und Nebel“ 200 Afrikaner in die Unterkunft eingewiesen worden. Dies habe bei der Bevölkerung massiven Ärger und Ängste ausgelöst, so die Politiker. Die restlichen noch zur Verfügung stehenden 50 Plätze sollten mit Familien belegt werden, fordern die CSU-Mandatsträger. Laut Thomas Ascherl vom Sozialreferat ist dies auch so geplant.

Allerdings hat die Zahl ankommender Flüchtlingsfamilien und minderjähriger Geflüchteter rapide abgenommen. Außerdem hat das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge entschieden, dass derzeit in München zum Beispiel keine Syrer mehr untergebracht werden. Hauptherkunftsländer von Asylbewerbern sind derzeit afrikanische Staaten oder Afghanistan. Asylbewerber aus Herkunftsländern mit einer hohen Anerkennungsquote würden nicht mehr in München untergebracht, sagt Ascherl. Für die Sozialbetreuer keine einfache Situation, wie Petra Bauer einräumt: „Das dämpft die Stimmung.“ In Lochhausen sind hauptsächlich Menschen aus Nigeria, Sierra Leone und Somalia untergebracht. Nur Letztere haben eine gute Bleibeperspektive.

Der SPD-Landtagsabgeordnete Florian Ritter, Koordinator des örtlichen Helferkreises, versucht dennoch Deutschkurse und Sportangebote für die Flüchtlinge zu organisieren. „Die Lochhauser wollen ihren Teil dazu beitragen, dass die Menschen hier ankommen“, sagt Ritter. Denn nichts sei schlimmer, „als jeden Tag an die Wand starren zu müssen“. Ihren Tagesablauf mit Putzen, Waschen und Bügeln organisieren die Männer übrigens selbst, erzählt Petra Bauer und fügt augenzwinkernd an: „Mancher hat große Augen gemacht, als Flüchtlinge mit Bügeleisen und Schrubber durch das Dorf gelaufen sind.“

Klaus Vick

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