Neuaubing

Gedenkort am Zwangsarbeiterlager: „Wir haben das Bewusstsein geschaffen“

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Heute sind die alten Baracken teils im Originalzustand, teils hergerichtet. Rund 40 Handwerker und Künstler gehen heute auf dem Areal ihrer Tätigkeit nach. Einer von ihnen ist der Schreiner Theo Rothkegel, der auch Vorsitzender des Vereins „Fauwe“ ist. Die Künstler haben den Wunsch, an der Zukunft des Areals mitzuwirken – und vor allem dort bleiben zu dürfen.

Derzeit entstehen erste Ideen für den Gedenkort am Zwangsarbeiterlager in der Ehrenbürgstraße. Auch die dortigen Künstler wollen weiter daran mitgestalten.

München - Große Pfützen haben sich auf den Wegen vor den Baracken an der Ehrenbürgstraße 9 gebildet. Die denkmalgeschützten Bauten, die sich an diesem sonnigen Nachmittag darin spiegeln, warten darauf, ein Lern- und Erinnerungsort zu werden. Von den ersten Vorhaben, die die Stadt für das ehemalige Zwangsarbeiterlager in Neuaubing plant, erzählt Theo Rothkegel, der neue Vorsitzende der dort ansässigen Künstler- und Handwerkerkolonie: „Im Gespräch sind ein grünes Klassenzimmer und Info-Stelen vor den jeweiligen Bauten.“ Dort werde man dann lesen können, in welcher der noch sieben erhaltenen Baracken die Behausungen der Häftlinge, die Küche oder auch das Führerlager waren. Rund 600 überwiegend aus Osteuropa verschleppte Zwangsarbeiter mussten dort zwischen 1942 und 1945 in erbärmlichen Verhältnissen leben. Voraussichtlich bis 2019 soll dieser Ort nun als Außenstelle des NS-Dokumentationszentrums über die Verbrechen dort aufklären.

Dass das Lager in Neuaubing wieder ins öffentliche Bewusstsein gerückt ist, ist wesentlich auch den Künstlern vor Ort zu verdanken, meint Rothkegel. „Wir haben das Bewusstsein hier geschaffen.“ Seit rund eineinhalb Jahren steht der 61-jährige Schreiner und Schäffler den rund 40 Mitgliedern des vor zehn Jahren gegründeten Vereins Fauwe (Freie Ateliers und Werkstätten Ehrenbürgstraße) vor. Zur Kolonie stieß er selbst bereits vor gut drei Jahrzehnten.

2007 hat der Verein entschieden, die Geschichte des Ortes tiefergehend zu recherchieren, erzählt Rothkegel. Davor war die Historie des Zwangsarbeiterlagers kaum präsent. Im November 2011 schließlich hat der Stadtrat den ersten Beschluss für den „zukünftigen Lern- und Erinnerungsort neben der Fortführung der vorhandenen soziokulturellen Nutzungen“ gefasst. Dafür sollte ein Konzept entwickelt werden, wie das Ensemble einerseits wirtschaftlich erhalten bleibt, von den ansässigen Handwerkern und Künstlern genutzt werden kann, aber eben auch als Gedenkort fungieren soll.

Spiegelbild der Geschichte: Auf dem Bild rechts spiegeln sich in einer Pfütze einige der alten Gebäude wider, in denen zwischen 1942 und 1945 mehrere hundert verschleppte Zwangsarbeiter in erbärmlichen Verhältnissen leben mussten.

Bereits weitgehend saniert ist die noch fast im Originalzustand erhaltene Baracke 5. Auf der künftigen Wiese daneben, auf der derzeit noch Wohnwägen abgestellt sind, soll ein „grünes Klassenzimmer“ entstehen, erklärt Rothkegel. Schulklassen sollen dort tageweise Geschichte vor Ort erleben. Vorgestellt wurden die Pläne den Künstlern vor wenigen Wochen von Professor Winfried Nerdinger, dem Gründungsdirektor des NS-Dokumentationszentrums. Für dieses grüne Klassenzimmer haben Schüler des Pasinger Karlsgymnasiums bereits einen Audioguide erarbeitet. Ein endgültiger Stadtratsbeschluss, wie der geplante Lern- und Erinnerungsort umgesetzt werden soll, wird im Herbst erwartet.

Wünschen würde sich der Vorsitzende der Künstlerkolonie, dass es „eine Lösung mit Respekt und Achtsamkeit geben wird für das, was war, was ist, und für die Zukunft“. Das eher Informelle, wenig Herausgeputzte des Ortes mache auch seine besondere Atmosphäre aus, ist der 61-Jährige überzeugt. Freilich müssten ordentliche Wege für die Besucher angelegt werden – „das zählt zu den dringenden Maßnahmen“. Aber das Areal zu einem Gedenkort im klassischen Museumsstil umzuwandeln, davon halten die Künstler und Handwerker nichts. Der Verein sei seit jeher bemüht, die Kolonie in den Stadtteil einzubinden, erklärt Rothkegel. Zum Beispiel mit Besuchen von Kindergartengruppen, Praktikumsplätzen für Mittelschüler bei den Handwerkern oder auch Töpferkursen. Rothkegel: „Diese Angebote sollten auch künftig genutzt werden können.“ Seine Vision vom künftigen Gedenkort an der Ehrenbürgstraße: „Der Tourist, der das ehemalige Zwangsarbeiterlager besucht, ist überrascht, dass es hier nicht nur ein Museum gibt, sondern das Leben pulsiert. Um seine Eindrücke zu verarbeiten, setzt er sich dann in ein zukünftiges Café ,Zwanglos‘.“ Man merkt, die ansässigen Künstler und Handwerker sind fest entschlossen, den Ort weiter mitzugestalten.

Hintergrund: Die Künsterkolonie

Seit 2007 gibt es unter dem Motto „Offen für alle“ regelmäßige Werkstatt- und Ateliertage an der Ehrenbürgstraße 9, die nächsten wieder vom 13. bis 15. Oktober 2017.

Die besten und wichtigsten Geschichten aus diesem Teil Münchens posten wir auch auf der Facebookseite „Mein Aubing/Lochhausen/Langwied“. 

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