Razzia in Augsburg: Terrorverdacht gegen drei Männer

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„Ich möchte nur leben“ 

NS-Zwangsarbeiterlager Neuaubing: Anna zurück am Ort des Grauens

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Bewegende Rückkehr: Anna Lipstowa verlässt zusammen mit ihrer Tochter jene Baracke, in der sie vermutlich während des Krieges untergebracht war.

Nach langen Recherchen hat das NS-Dokuzentrum eine Zeitzeugin bewegen können, das ehemalige Zwangsarbeiterlager in Neuaubing noch einmal aufzusuchen. Unsere Zeitung durfte mit Anna Lipstowa sprechen. 72 Jahre liegen zwischen der grauenhaften NS-Zeit und ihrer Rückkehr nach München. Eine bewegende Geschichte.

Anna Wladimirowna Lipstowa weiß es nicht mehr so genau. Acht Baracken gab es im Zwangsarbeiterlager an der Ehrenbürgstraße in Neuaubing während des Zweiten Weltkrieges. In welcher sie 1944 und 1945 hausen musste, vermag Lipstowa mehr als 70 Jahre später nicht unzweifelhaft zu erkennen. „Es gab weder Büsche noch Bäume, nur einen leeren Platz.“

Anna Lipstowa ist an diesem tristen Herbsttag mit ihrer Tochter zurückgekehrt an die Stätte des Grauens. Viele Monate waren Mitarbeiter des NS-Dokumentationszentrums damit beschäftigt, noch lebende Zeitzeugen des ehemaligen Zwangsarbeiterlagers Neuaubing ausfindig zu machen. Lipstowa ist eine von ihnen, die übrigen vier sind zu alt oder zu gebrechlich, als dass sie die Reise nach Deutschland hätten auf sich nehmen können.

Auch die Russin, geboren am 25. Juli 1931 in dem kleinen Ort Dubrowka, etwa 400 Kilometer südwestlich von Moskau, ist schon 86 Jahre alt. Ihre Augen sind gerötet, als sie an diesem Nachmittag bei Kaffee und Kuchen in einer der Baracken sitzt. Die restaurierten Bauten am Münchner Stadtrand werden heute von Handwerkern und Künstlern genutzt. Am Eingang zu dem Gelände findet sich die Kita „Ehrenbürger“. Kinder tollen in idyllischer Umgebung herum. Das Gebäude, in dem das NS-Dokuzentrum an diesem Herbsttag einen Pressetermin mit der NS-Zeitzeugin organisiert hat, beherbergt das Atelier einer Künstlerin.

Gedenkort: In der „Baracke 5“ ist eine Ausstellung über Zwangsarbeit geplant.

1943 wird Anna Wladimirowna zusammen mit ihrer Mutter und den zwei älteren Schwestern aus Russland verschleppt. „Die Deutschen kamen und es begannen diese Erschießungen. Sie hängten Menschen auf“, erinnert sie sich. Ihr kranker Vater ist schon zwei Jahre zuvor verstorben. 1944 kommt die zwölfjährige Anna mit ihrer Familie in Neuaubing an. „Man trieb uns über die Landstraße, in großen Kolonnen liefen wir.“ Im Lager des Reichsbahnausbesserungswerks (RAW) muss sie unter anderem große Metallteile an einer Werkbank feilen. Mittags gibt es Suppe aus Kastanien, erzählt Lipstowa. Abends? Sie hat keine Erinnerung mehr.

„Gib mir ein klein Stück Brot oder ein Kartoffel“: Einen deutschen Satz beherrscht die ehemalige Zwangsarbeiterin Anna Lipstowa noch.

Der Hunger. Natürlich ist der Hunger immer präsent. Manchmal aber verlässt sie heimlich das Lager. Zusammen mit einem Buben schlüpft sie durch ein Loch im Lagerzaun, um in der Nachbarschaft um Essen zu betteln. Als Anna Lipstowa dies erzählt, huscht ein kurzes Lächeln über ihr Gesicht. Schelmisch, als würde sie von einem Jugendstreich erzählen. Den Namen des Buben weiß sie heute noch: Wanja Tischunin. Sie erinnert sich an einen Wachmann, „ein seelenguter Mensch“, der einfach mal weggeschaut hat. „Es gab auch gute Menschen unter den Wachleuten. Der Lagerführer aber hat sehr viel geprügelt.“ Immer wieder übermannen Anna Lipstowa die Gefühle und sie muss Pausen machen.

Die Geschichten der Russin werden Bestandteil des vom NS-Dokuzentrum geplanten Erinnerungsortes in der leer stehenden „Baracke 5“ sein. Eine Ausstellung soll am historischen Ort an das Verbrechen der NS-Zwangsarbeit und seine Opfer in München erinnern. Das ehemalige Bahngelände steht seit 2017 unter Denkmalschutz. Es gehört nun der Stadt. „Wir wollen die Gesichter der Zwangsarbeit zeigen“, sagt Winfried Nerdinger, Chef des NS-Dokuzentrums. Nerdinger hebt die „enorme erinnerungspolitische Bedeutung“ des Ensembles in Neuaubing hervor: „Es ist eine Verpflichtung, diesen Ort sicherzustellen.“ Bundesweit gibt es nur noch ein weiteres Beispiel eines erhaltenen Lagers, in Berlin-Schöneweide.

Spartanisch: Elf Gebäude dienten als Schlaflager, acht sind noch erhalten.

Paul-Moritz Rabe, wissenschaftlicher Mitarbeiter des NS-Dokuzentrums, bezeichnet Zwangsarbeiterlager als „Massenphänomen, das damals von der Gesellschaft verdrängt wurde“. Kontakte mit Gefangenen seien unter Strafe gestanden. „Aber natürlich gab es diese. Es gab sicher Mitleid, aber auch Ablehnung und Verachtung.“ Dies zu erkunden, ist auch eine der künftigen Rechercheaufgaben der Wissenschaftler. Vor allem aber hofft man, mehr über den Alltag der Zwangsarbeiter zu erfahren. „Wir sind auf der Suche nach weiteren Zeitzeugen und Biografien“, erklärt Nerdinger. Vor allem in Polen und der Ukraine würden die Forschungen des NS-Dokuzentrums mit großem Interesse verfolgt. Von einem niederländischen Gefangenen liegen Tagebucheinträge vor, in der Ukraine wurde vor einigen Jahren ein Zeitzeuge interviewt. Nach Neuaubing zurückgekehrt ist niemand – außer Anna Lipstowa. „Ich rechne nicht damit, dass noch jemand kommen wird“, sagt Nerdinger. Über Lipstowas Besuch sagt er: „Es war höchste Zeit.“

Unterdessen berichtet der Gast aus Russland weiter von den Erlebnissen im Zwangarbeiterlager. Manches ist so fern, manches schildert sie detailgetreu. Sie trägt eine himmelblaue Wollweste, die geröteten Augen bilden einen markanten Kontrast. „Ja, die Leute haben gegeben“, erzählt sie von ihren Bettelzügen in die benachbarte Wohnsiedlung der Dornier-Werke. Auf die Frage, ob sie denn noch einen deutschen Satz formulieren könne, überlegt die 86-Jährige nur einen kurzen Moment. Dann sagt sie ohne Dolmetscherin: „Gib mir bitte ein klein Stück Brot oder ein Kartoffel.“

Ende April 1945 wird das Zwangsarbeiterlager von den US-Amerikanern befreit. Und auf einmal gibt es gutes Essen. „Plötzlich hat man uns die Sonne geschenkt“, erklärt Lipstowa, die heute in der lettischen Hauptstadt Riga lebt. Die Sonne scheint nicht lange für das damals 13-jährige Mädchen. Ihre Mutter muss ins Krankenhaus. Lipstowa erinnert sich noch, wie sie zu Fuß in die Klinik nach Germering gegangen ist. Dort stirbt ihre Mutter – gerade 32 Jahre alt – an den Folgen der harten Zeit im Zwangsarbeiterlager. „Wir haben sie noch mit dem Auto zum Friedhof gebracht und beerdigt“, erinnert sich Anna Lipstowa.

Im Sommer 1945 kehrt ein kleines russisches Mädchen zurück in seine Heimat – als Waisenkind. 72 Jahre danach will man von ihr wissen, ob sie diese furchtbare Zeit gestärkt habe. Anna Lipstowa wirkt etwas ratlos und erwidert: „Ich weiß nicht, ich möchte nur leben.“ Pause. Dann äußert sie die Bitte, sie wolle nun wirklich nichts mehr sagen. Wenig später verlässt sie mit ihrer Tochter und der Dolmetscherin das Gelände des ehemaligen Zwangsarbeiterlagers. Einmal noch dreht sich die betagte Frau um. Sie winkt und lächelt schelmisch-charmant, als wenn sie ihre Jugend in den Kriegswirren nie verloren hätte. Bevor Anna Lipstowa ins Taxi steigt, sagt sie: „Besuchen Sie mich zu meinem 100. Geburtstag in Riga.“

Auf dem Gelände des ehemaligen Zwangsarbeiterlagers München-Neuaubing sieht man Informationstafeln zu dem Projekt, bei dem dort ein Erinnerungsort zu geschaffen werden soll.

150.000 Zwangsarbeiter in München

Etwa 13 Millionen ausländische Arbeitskräfte mussten für das NS-Regime während des Krieges Zwangsarbeit leisten. Allein in München gab es mehr als 400 Sammelunterkünfte, eine davon in Neuaubing an der Ehrenbürgstraße, wo etwa 1000 Menschen interniert waren. Insgesamt waren während des Krieges mehr als 150 000 Zwangsarbeiter in München tätig. Die meisten kamen aus der Sowjetunion. Man nannte sie „Ostarbeiter“. Während sich anfangs manche freiwillig meldeten, verschleppten die Deutschen im Kriegsverlauf zunehmend massenhaft Menschen aus den besetzten Gebieten. Das Barackenlager an der Ehrenbürgstraße diente der Reichsbahn spätestens ab Mitte 1942 als Unterkunft für Zwangsarbeiter des Ausbesserungswerks Neuaubing. Bewaffnete Reichsbahnmitarbeiter führten die Männer, Frauen, Jugendlichen und Kinder morgens zum etwa ein Kilometer entfernten Werk und abends zurück ins Lager. „Die Ostarbeiter wurden schlechter behandelt als zum Beispiel Westeuropäer“, weiß Paul-Moritz Rabe, wissenschaftlicher Mitarbeiter des NS-Dokuzentrums. In Zwangsarbeiterlagern wurden die Menschen allerdings nicht systematisch ermordet wie in den Konzentrationslagern. Die Nazis hatten Interesse daran, dass die Zwangsarbeiter überlebten, um den Rüstungsbetrieb am Laufen halten zu können. In München schufteten sie für Konzerne wie Krauss-Maffei, BMW und Dornier. Unter den „Ostarbeitern“ und Polen befanden sich ganze Familien samt Kindern und Großeltern. Aus Neuaubing sind 14 Todesfälle bekannt, darunter einige Selbstmorde. Dutzende flohen im Frühjahr 1945 vor den Bomben der Alliierten und aus der Gefangenschaft.

Das NS-Dokumentationszentrum hat neben Anna Wladimirowna Lipstowa zwei weitere Russinnen und zwei Italiener ausfindig gemacht, die als Zwangsarbeiter oder Kinder von Zwangsarbeitern im RAW-Lager untergebracht waren. Darüber hinaus knüpfte es Kontakte zu etwa 50 Familien, die Informationen und Fotografien zu bereits verstorbenen Betroffenen zur Verfügung stellen können. So wurden viele Biografien ermittelt und Audio- und Filminterviews geführt. Das NS-Dokuzentrum will das Nutzungs- und Betriebskonzept des geplanten Erinnerungsortes dem Stadtrat noch heuer vorstellen. Es dürfte allerdings noch etwa zwei Jahre dauern, ehe dann die Ausstellung in der ehemaligen „Baracke 5“ eröffnet wird.

Von Klaus Vick

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